Zollikon Zumikon

«Hinterbliebene müssen akzeptieren, dass Fragen unbeantwortet bleiben»

Kennt die Sonnen-, aber auch die Schattenseiten des Lebens: Jörg Weisshaupt weiss selber, was es heisst, mit schmerzhaften Verlusten umzugehen.
(Bild: mmw)

Die SRF-Sendung «Reporter» thematisiert in einer vier­teiligen Reihe den Tod. Am Sonntag wird der Zolliker Jörg Weisshaupt bei seiner Arbeit in der Suizidnachsorge begleitet. Warum der Suizid für Hinterbliebene so schwierig und warum deren Betreuung so wichtig ist, erklärt er im Interview. 

Herr Weisshaupt, es ist November. Klingelt Ihr Telefon häufiger als sonst?

Diese Frage habe ich erwartet. Aber die in vielen Köpfen verankerte Annahme, dass sich Suizide im ­November häufen, wenn die Tage oft grau, düster und kurz sind, ist falsch. Die meisten Suizide ­ereignen sich im Frühling. Der graue November mag vielen aufs Gemüt schlagen. Doch trägt ein seelisch angeschlagener Mensch diese Stimmung schon lange in sich. Der graue ­Monat ist für ihn wahrscheinlich kongruenter, als es der Frühling ist, wenn die Tage wieder länger werden, das Leben erwacht, die Tage wieder bunt und schön sind. Dies könnte ein Grund sein, es gibt aber sicherlich noch andere. 

Sie widmen sich schon seit vielen Jahren der Suizidnachsorge für Hinterbliebene. Warum ist ein ­Suizid für sie so schwierig? 

Wer einen Menschen durch Suizid verloren hat, konnte keinen gemeinsamen Weg des Trauerns oder des Abschiednehmens gehen. Ihm wurde die Möglichkeit genommen, Fragen zu stellen, der gegenseitige Austausch hat nicht mehr stattgefunden, ebenso konnten Sachen nicht erledigt und abgeschlossen werden. Für Hinterbliebene ist der Suizid ein traumatisches Erlebnis. Er brüskiert sie, der Verlust ist schockierend, er lässt viele Fragen offen. Häufig sinkt auch das Selbstwertgefühl in den Keller, weil die Frage auftaucht, ob man zu wenig wert war, als dass der Verstorbene sich an einen gewandt hätte. Die Schuldgefühle, teils auch verursacht durch Dritte, wiegen schwer.

Die Schuldfrage ist also zentral.

Die Schuldfrage und die Frage, warum der Suizid nicht verhindert werden konnte, dominieren klar. Sie tauchen häufig auf und werden auch in den beiden Selbsthilfegruppen, die ich leite, immer thematisiert. Eine Gruppe richtet sich an Erwachsene, die eine nahe stehende Person verloren haben, die andere an Jugendliche bis 30, die einen Elternteil verloren haben. 

Bei diesen Hunderten von Gesprächen ist mir aber klar geworden, dass es keine Modelle für Trauerabläufe gibt. Solche existieren zwar in Büchern, also quasi in der Theorie, doch wird die Trauer ganz individuell erlebt. Die Stufen des Nicht-wahrhaben-Wollens, der Ablehnung, vielleicht auch mal der Wut und Aggression, kommen zwar vor, aber sie sind unterschiedlich stark. Modelle versuchen die Trauer zwar einzustufen, wirklich abbilden können sie diese aber nicht. 

Sie sprechen die Wut an. Kommt diese häufig vor?

Nicht unbedingt. Denn wir müssen sehen: Viele der Suizidalen – aus meinen Gesprächen würde ich sagen, dass es über 80 Prozent sind – litten an einer psychischen Erkrankung. Daher ist oft auch ein Mitleiden vorhanden, teilweise sogar Verständnis, dass sich jemand das Leben genommen hat. In der Sendung vom Sonntagabend beispielsweise äussert sich eine junge Frau, die sagt, dass sie heute froh sei, habe ihre Mutter diesen Schritt gewählt, weil sie wisse, dass es ihr heute besser gehe. Diese junge Frau hatte die Krankheit ihrer Mutter lange mitbekommen und sie hat mitgelitten. 

Was empfehlen Sie bei der Warum-Frage? Wie soll man mit dieser umgehen?

Ich verstehe absolut, dass diese im Vordergrund steht und man sich viele Fragen nun selbst stellt, weil sie nicht miteinander geklärt werden konnten. Viele Hinterbliebene kommen irgendwann zum Schluss, dass es nicht auf alle Fragen Antworten gibt. Genauso sollte es sein. Hinterbliebene müssen akzeptieren, dass Fragen unbeantwortet bleiben. Sie gehören zum Verlust. 

Schon bald stehen wieder die Festtage an Weihnachten und Neujahr an. Weshalb sind diese für Hinterbliebene eine besonders schwierige Zeit?

Festtage sind deshalb schwierig, weil man diese jeweils zusammen verbracht hat. Begeht man diese Tage nun unvorbereitet, kann das Krisen auslösen. Die Lücke, die diese Tage aufzeigen, ist eine grosse Herausforderung. Darauf mache ich immer wieder aufmerksam in meinen Gruppen und empfehle, Festtage ganz bewusst zu planen. 

Zahlen zeigen, dass sich mehr Männer als Frauen das Leben nehmen. Weshalb ist das so?

Wissenschaftlich erhoben wurde dieser Umstand nicht. Vermutungen und Beobachtungen legen aber nahe, dass Männer zu harten Suizidmethoden wie Schusswaffen oder einem Sprung aus grosser Höhe neigen, die eher zum Ziel führen. Frauen hingegen nehmen häufiger eine Überdosis Medikamente ein und können oft gerettet werden. Die Methodenwahl kann also ein Grund sein. Von Hinterbliebenen höre ich zudem oft, dass der Verstorbene ein sehr pflichtbewusster Mann war, immer sehr genau, zuverlässig und leistungsorientiert mit perfektionistischen Zügen, der wahrscheinlich irgendwann mit dem Druck auf sich selber und andere nicht mehr umgehen konnte und die Probleme zu lange für sich behalten hat.

Frauen können häufiger noch gerettet werden. Fallen die Zahlen der Suizidversuche von Frauen demnach höher aus? 

So ist es. Zwei Drittel der Suizid­versuche werden von Frauen, ein Drittel von Männern begangen. Die absoluten Zahlen sind gemäss dem Bundesamt für Gesundheit, das sich auf eine breite Umfrage stützt, in den letzten Jahren stark gestiegen. Ging man bisher bei durchschnittlich 1000 Suiziden pro Jahr von 10 000 Versuchen aus plus Dunkelziffer, wird mittlerweile von 33 000 Suizidversuchen bei gleichbleibender Suizidzahl jährlich in der Schweiz ausgegangen. Übrigens ist die Anzahl Suizide in der Schweiz leicht rückläufig. Was aber auch angeschaut werden muss, ist der assistierte Suizid, der mittlerweile in der Schweiz auch bei 1000 pro Jahr liegt. Begleitete Suizide sind zwar nicht, wie von deren Gegnern befürchtet, exponentiell angestiegen, aber sie steigen kontinuierlich an. 

Wie sind Sie in Ihrer Arbeit mit dem assistierten Suizid konfrontiert? 

Auch hier versuche ich, Gespräche zu führen. Diesen Samstag beispielsweise gehe ich an eine Tagung von «Exit» und will dabei über die Situation reden, wie das persönliche Umfeld involviert werden sollte. Denn die Angehörigen sollten nicht vergessen werden und dieser Aspekt müsste auch mit den Sterbewilligen verbindlicher aufgegriffen werden. 

«Darüber reden» hiess auch Ihr Buch, das Sie vor ein paar Jahren herausgegeben haben. Sie wollten damit helfen, dass Betroffene ihre Situation in Worte fassen. Was ist seither passiert?

Die Gesundheitsverantwortung liegt ja bei den Kantonen, im Bereich der Suizidprävention macht der Bund wenig. Im Kanton Zürich haben wir das Glück, dass das Thema Suizid und auch der Nachsorge aufgegriffen worden ist und der Kanton in den letzten vier Jahren 18 Projekte im Bereich der Suizidprävention und der Nachsorge unterstützt hat und in den nächsten vier Jahren zwölf Projekte unterstützen wird, wie er Ende letzten Jahres entschieden hat. Daher ist mein Ziel, das ich auch mit dem Buch hatte, nämlich, dass der Suizid weniger tabuisiert wird, zwar noch nicht erreicht, aber es geht in die richtige Richtung. 

Wo sehen Sie noch weiteren Handlungsbedarf in der Suizidprävention?

In Zürich sind wir mit dem Schwerpunktprogramm «Suizidprävention» auf einem guten Weg. Wichtig ist nun, dass die breite Bevölkerung noch mehr sensibilisiert wird. Jeder soll merken: Ich kann etwas tun! Zentral dabei sind die drei Schritte des Hinschauens, Ansprechens und Handelns. Ein unverbindliches Gesprächsangebot kann hier der Einstieg sein. Wir werden zudem noch stärker auf die Schulung von Multiplikatoren wie Lehrern, Sozialarbeiterinnen und HR-Personal in möglichst jedem grösseren Unternehmen setzen, da muss sich noch einiges mehr tun.

Und wo in der Nachsorge?

Die Angebote der Suizidnachsorge sollten noch besser bekannt gemacht werden. Wie Studien nämlich gezeigt haben, dauert es rund vier Jahre, bis ein Hinterbliebener von sich aus Hilfe in Anspruch nimmt. Wenn man aber proaktiv auf diese Menschen zugeht, dauert es nur etwa einen Monat. Aus diesem Grund haben wir zusammen mit der Kantonspolizei ein Pilotprogramm zur zeitnahen Begleitung aufgegleist. Das Angebot der geführten Selbsthilfegruppe sollte Hinterbliebenen so rasch wie möglich bekannt gemacht werden, damit Betroffene sich gegenseitig austauschen können und merken, dass sie nicht alleine sind. Natürlich weise ich in den Gesprächen auch auf therapeutische oder seelsorgerliche Angebote hin. (Interview: mmw)

Link zum Thema Suizidprävention: suizidpraevention-zh.ch

Zur Sendung und zur Person

Am Sonntagabend, 17. November, startet SRF 1 um 22.25 Uhr die vierteilige «Reporter»-Reihe «Der Tod – Das letzte Tabu». Im ersten Teil «Was ein Suizid hinterlässt» wird Jörg Weisshaupt bei seiner Arbeit mit Suizidhinterbliebenen begleitet. Es sei eine Mischung aus persönlichen Verlusterfahrungen, sagt der Zolliker, der vor fünf Jahren seine Frau an Krebs und vor einem Jahr seinen mittleren Sohn an einem Hirntumor verloren hat, und seiner Arbeit. 

Jörg Weisshaupt hat die Fachstelle Kirche und Jugend bei der reformierten Kirche der Stadt Zürich aufgebaut und 30 Jahre lang geleitet und sich dabei auch der Suizidnachsorge für Hinterbliebene angenommen. 2004 gründete er zusammen mit seiner Frau die Gruppe «Nebelmeer» für Jugendliche, die einen Elternteil durch Suizid verloren haben, 2015 das Netzwerk «Trauernetz» für Suizidhinterbliebene. Als im Rahmen der Fusion der Zürcher Kirchgemeinden vor zwei Jahren die Fachstelle Kirche und Jugend gestrichen wurde, machte sich er selbstständig und führt seitdem die verschiedenen Organisationen unter dem Dach des Vereins Trauernetz. In verschiedenen Projekten sowie Vereinen setzt sich der 62-Jährige für die Suizid­prävention und Nachsorge der Hinterbliebenen ein. Der ausgebildete Sekundarlehrer und Katechet war auch zehn Jahre lang Notfallseelsorger der Stadt Zürich.

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