Zumikon

Zwischen Hobby und Leidenschaft

Die gebürtige Berlinerin hat die meiste Zeit ihres Lebens in der Schweiz verbracht. (Bild: chi)

Ihren ersten Adventskalender bekam Kim Meyer als Kind in Berlin geschenkt. Seither hat sie viele Kalender gesammelt, aber noch nie ein Türchen geöffnet.

Kim Meyer pflegt ein spezielles Hobby: Sie sammelt Adventskalender. Diese Sammelleidenschaft geht auf ihre Kindheit zurück. Die kleine Kim, die damals noch Kriemhild hiess, lebte mit ihrer Familie im Berlin der Nachkriegsjahre. Die Stadt erholte sich von einer schlimmen Zeit, das Geld war allerorten knapp. Entsprechend wurde Weihnachten zwar festlich begangen, jedoch ohne Geschenke im Übermass. Das damals erhältliche Spielzeug stammte nicht aus der Stadt, sondern aus dem Erzgebirge an der tschechischen Grenze, das vom Krieg weitgehend verschont geblieben war. 

Trotzdem sind Kim Meyer die Weihnachtsfeiertage als glückliche Zeit in Erinnerung geblieben. «In Berlin warten die Kinder nicht wie hier auf das Christkind, sondern auf den Weihnachtsmann», erzählt sie. An Heiligabend sagten die Kinder erst ein Gedicht auf und wurden dann aus der guten Stube geschickt. Als endlich das Glöckchen läutete, ging die Tür wieder auf und der Weihnachtsbaum erstrahlte im Licht vieler Kerzen. «In diesen Tagen wurde bei uns auch immer ein grosses Puppenhaus aufgebaut», erinnert sich die pensionierte Dekorateurin. Weil dieses Spielzeug Anfang Januar wieder weggeräumt wurde, bekam es für die Kinder eine besondere Bedeutung: «Man konnte sich an dem Puppenhaus nie ganz sattsehen und sich das ganze Jahr wieder darauf freuen.» 

Nie ein Türchen geöffnet

Auch an die Weihnachtsessen erinnert sich Kim Meyer lebhaft: «Am 24. Dezember gab es jeweils Kartoffelsalat und Würstchen – denn da blieb wegen der Bescherung wenig Zeit zum Kochen.» Am ersten Weihnachtstag wurde traditionellerweise Gans aufgetischt. «Ne ­janze Jans, jut jebraten», berlinert Kim Meyer und lacht. Mit den ­Erinnerungen kehrt auch der Dialekt ihrer Kindheit zurück. Der zweite Weihnachtstag war dann für Beinschinken aus dem Ofen reserviert: «Das waren die klassischen Essen, die dazumal üblich waren.» Und dann also die Adventskalender. Ihren ersten bekam Kim Meyer als Mädchen in Berlin geschenkt. Diesen Kalender besitzt sie noch heute. Darauf sind Engel in einer weihnächtlichen Backstube zu sehen. 

Es handelt sich um einen typischen Adventskalender aus jener Zeit: ein einfacher, mit einem Weihnachtsmotiv bedruckter Karton mit 24 Türchen. Weder als Kind noch heute hat Kim Meyer die Türchen ihrer Adventskalender je geöffnet. «Mich hat ­immer gestört, dass dadurch das Grundbild zerstört wird», erklärt sie. Zum Beispiel tauche am Himmel auf einmal ein Ball auf, der dort gar nichts zu suchen hat. «Das fand ich schon als Kind saublöd», erzählt sie lachend. Heute gebe es tatsächlich Adventskalender, deren Bilder hinter den Türchen auf den Hintergrund Bezug nehmen. Kim Meyer verweist auf einen wundervollen Kalender, den sie einmal von ihrer Schwester geschenkt bekommen hat. Darauf ist der Aufriss eines Hauses abgebildet, dessen Zimmer mit jedem Türchen um ein Weihnachtsmotiv bereichert werden. In ihrer Kindheit waren solche Kalender jedoch noch Zukunftsmusik, also blieben alle Türchen zu. Wenn ein Mädchen bereits über so viel ästhetisches Empfinden verfügt, verwundert es eigentlich nicht, dass aus Kim Meyer eine Dekorateurin geworden ist.

Ein Tischherr fürs Leben

Der 20. Geburtstag war ein schicksalhafter Tag in ihrem Leben. Sie war zu Besuch in Zürich, wo damals ihre ältere Schwester wohnte und arbeitete. Diese hatte eine Feier organisiert und Kim neben einen «Tischherrn» platziert, der sich um ihr Wohlergehen kümmern sollte. Der Tischherr kam seiner Aufgabe offenbar so gewissenhaft nach, dass Kim nur kurz in ihre Heimat zurückkehrte, um ihre Lehre zu beenden. Dann kam sie wieder in die Schweiz, heiratete und blieb. Der Ehemann, der von Beruf Kaufmann war, erzählte darauf stolz herum, er habe seine Frau importiert.

Es dauerte nicht lange, bis Kim Meyer in ihrer neuen Heimat Fuss fasste. Beim renommierten Zürcher Herrenmodegeschäft Fein-Kaller fand sie eine Anstellung als Dekorateurin. Fein-Kaller? Gab’s damals nicht das Plakat, wo ein Hündchen mit Hut, Stock und Handschuh auf den Vorderpfoten balanciert? «Exakt!», ruft Kim Meyer, das sei genau das Bild, das man mit dem Namen Fein-Kaller verbunden habe. Sie erinnert sich, dass sich die Geschäftsleitung einmal dazu entschlossen hatte, dieses einprägsame Logo aufzugeben und stattdessen nur noch den Schriftzug auf die Taschen zu drucken. Dies habe zu Reklamationen seitens der Kundschaft geführt, worauf bald wieder das Hündchen zurückgekehrt sei. «Schön, dass man sich heute noch daran erinnert», freut sich die Zumikerin. Für die Dekoration von Schaufenstern in den Fein-Kaller-Filialen ist Kim Meyer in der ganzen Schweiz herumgekommen. Ihre Reisen nach Bern, Luzern, Basel, St. Moritz, nach Interlaken oder auch auf den Bürgenstock waren oft verbunden gewesen mit mehrtägigen Aufenthalten. 

Die Kunst, loszulassen

Im Laufe dieser langen Zeit hatte sich Kim Meyers Sammlung an Adventskalendern sukzessive erweitert. Auf ihren beruflichen Reisen fand sie immer wieder Gelegenheit, in verschiedenen Papeterien und Buchhandlungen zu stöbern. Dabei wurde aus dem Hobby, ­Adventskalender zu sammeln, manchmal schon eine Leidenschaft, wie sie zugibt. Neben vielen klassischen Kalendern erwarb sie auch solche mit biblischen Motiven, teilweise mit Drucken von grossen Meistern der Renaissance oder der Romantik. In ihrer Sammlung finden sich neben schlichten Kalendern auch luxuriöse, solche mit Musik, manche zum Aufklappen, einige mit eindeutigen Kindermotiven und viele, an denen sich auch Erwachsene freuen können. 

Wie viele Kalender sie heute besitzt, kann Kim Meyer gar nicht sagen. Jedenfalls kommen, wenn sie heute in ihrer Kollektion stöbert, immer wieder neue Objekte zum Vorschein, zu denen es eine eigene Geschichte zu erzählen gibt. Trotz allem ist ihr der Besitz nicht so wichtig, viele Kalender hat sie auch verschenkt. Fällt es ihr nicht schwer, solche lieb gewonnenen Gegenstände aus der Hand zu geben? «Ich kann gut loslassen», sagt die Zumikerin. «Wenn ich sehe, dass Kinder oder Bekannte Freude dran haben, gebe ich sie gerne weg.» In dieser Haltung drückt sich ein tiefes Verständnis dessen aus, wofür das Weihnachtsfest steht. (chi)

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