Zollikon

«Zollikon braucht eine starke Persönlichkeit»

Zehn Monate lang bezog Peter Imhof ein Büro im Zolliker Gemeindehaus. Gestern war die Stabübergabe an seinen Nachfolger. (Bild: mmw)

Gestern Donnerstag erfolgte die Stabübergabe: Zehn Monate wirkte Peter Imhof inter­imistisch als Gemeindeschreiber, nun übergibt er Markus Gossweiler die Geschicke der Zolliker Verwaltung. Was in dieser kurzen Zeitspanne alles machbar ist, weshalb Zollikon einen Leader braucht und worin die Chancen der neuen Gemeindeordnung bestehen, sagt Peter Imhof im Interview.

Peter Imhof, fast Ihr ganzes Berufsleben lang waren Sie auf Stadt-und Gemeindeverwaltungen tätig. Was macht die Faszination des Berufes des Gemeindeschreibers aus?

Der Beruf des Gemeindeschreibers ist so vielfältig, dass er mich immer wieder von Neuem fasziniert hat und mir nie langweilig wurde. Die Vielfältigkeit und der Wirkungskreis vom Betreibungsamt über das Steueramt bis hin zu den Klär- oder Sportanlagen ist sehr breit und lässt einen mit ganz unterschiedlichen Menschen aus verschiedensten Berufsgruppen zusammenarbeiten. Das hat mir immer sehr entsprochen. 

Im Gegensatz zu Wetzikon, wo Sie 25 Jahre lang als Gemeindeschreiber tätig waren, ist Zollikon eine gut betuchte Gemeinde. Wo machen Sie die grössten Unterschiede zwischen den beiden Gemeinden aus?

Einerseits natürlich in der Grösse, hat doch Zollikon im Gegensatz zu Wetzikon mit seinen 25 000 Einwohnern nur deren 13 000. In Zollikon habe ich mich mit Sachen befasst, mit denen ich in Wetzikon kaum in Berührung kam, weil sie innerhalb der Abteilungen ausgeführt wurden. Ich kam hier in Zollikon also tiefer in die einzelnen Materien hinein und habe so auch die Unterschiede der einzelnen Arbeitsvorgänge kennengelernt. Vor Zollikon hatte ich bereits verschiedene Springereinsätze auf Gemeindeverwaltungen. Auch diese haben mir gezeigt, dass es verschiedene Modelle der Verwaltungsführung gibt. Und dann war da natürlich auch der Unterschied der armen Gemeinde Wetzikon zum reichen Zollikon. Hierbei stellte ich fest, dass es bei beiden Gemeinden ums Gleiche geht: ums Sparen. Zollikon muss sparen, weil es viel Geld in den Finanzausgleich abliefern muss, Wetzikon als Bezügergemeinde hingegen spart deshalb, weil es sich keine nicht zwingend notwendigen Ausgaben leisten kann. Sparen ist also überall der Trend. 

Gibt es etwas, was Sie an Zollikon überrascht hat, das Sie so nicht erwartet hätten? 

Na ja, nach Zollikon kam ich wie die Jungfrau zum Kind (lacht). Weder kannte ich jemanden hier, noch wusste ich wirklich, was mich erwartet. Ich hatte aber von Zollikon sagen gehört, dass es sich «nicht um die einfachste Gemeinde» handle, was ihre Organisation betrifft. Dies hat mich gereizt, ich war neugierig, wollte wissen, was dahinter steckt. Als ich dann den Gemeindepräsidenten Sascha Ullmann kennengelernt habe, wusste ich, dass ich die Herausforderung annehmen würde. Der Gemeindepräsident ist für den Gemeindeschreiber die wichtigste Bezugsperson und umgekehrt. Dieses Gespann muss einfach stimmen und basiert auf gegenseitigem Vertrauen. Mit Sascha Ullmann waren diese Voraussetzungen von Beginn an erfüllt.

Mit dieser Vorankündigung der nicht ganz einfachen Gemeinde konnte Sie also gar nichts überraschen?

Tatsächlich war das eher schwierig (lacht). Ich kam in eine Verwaltung mit über 130 Mitarbeitenden und kannte niemanden, ausser meiner Stellvertreterin Claudia Valler. Mich hat aber enorm gefreut, erfahren zu dürfen, wie offen und wohlwollend ich empfangen wurde. Ich bin auf hoch motivierte Mitarbeitende gestossen in der Verwaltung und habe einen sehr engagierten Gemeinderat kennengelernt. Aufgefallen ist mir aber die starke Vermischung des strategischen mit dem operativen Bereich.

Der Gemeinderat wirkt also zu stark im Alltagsgeschäft mit?

Teils ist dem so, ja. Dies ist in Zollikon mitunter deshalb möglich, weil einzelne Behördenmitglieder die entsprechende Zeit mitbringen. Ideal ist dieser Zustand aber nicht – auch nicht im Hinblick auf das Milizsystem der Zukunft, in dem wohl noch mehr Menschen beruflich extrem gefordert sind durch Doppel-, ja Dreifachbelastungen mit Beruf, Familie und Behördenamt. Und auch für die Verwaltung ist es nicht ideal, weil sie als Dienstleistungsunternehmen selbständig funktionieren sollte. Der Gemeinderat sagt, was gemacht werden soll, er setzt die Ziele fest. Die Zielerreichung sollte aber innerhalb der Verwaltung angegangen werden. Ich möchte das Engagement des Gemeinderats nicht kritisieren, denn es ist durchaus bürgernah, wenn ein Gemeinderat nahe an die Probleme herangehen kann. Aber ein Dauerzustand sollte dies nicht sein. Eine Verwaltung muss ähnlich funktionieren wie eine Firma: mit einem Verwaltungsrat, der für die Entscheidungen, die Strategie, zuständig ist. Dann gibt es die Firma, das Dienstleistungsunternehmen mit CEO und Geschäftsleitung, die schaut, dass alles richtig abgewickelt wird. Die Schnittstellen zwischen CEO und Verwaltungsrat müssen sauber geregelt sein, dann funktioniert es auch gut. Es funktioniert auch in Zollikon gut, aus meiner Sicht aber noch nicht ideal.

Und dies konnten Sie innerhalb der zehn Monate angehen? Reicht diese Zeitspanne überhaupt, um Neues aufzugleisen, oder fährt man da nicht einfach im Fahrwasser der Vorgängerin? 

Mit der kommenden neuen Gemeindeordnung stehen die Chancen sehr gut, neue Akzente im Bereich der Strukturen setzen zu können. Sie wird ermöglichen, die Kompetenzen in breiterem Ausmass als bisher an die Verwaltung zu delegieren. Wir haben bereits jetzt einige Weichen gestellt. Natürlich war es in dieser Zeitspanne stets eine Balance zwischen der Bewältigung des Tagesgeschäfts und der Reformen – zumal ich ja nur mit einem 50-Prozent-Pensum hier war. Meinem Typ entsprechend ­mache ich aber nicht einfach so weiter, wie es immer gemacht wurde. Vor allem dann nicht, wenn mir Änderungen sinnvoll erscheinen. Also habe ich für den Gemeinderat neue Instrumente für die Abläufe der Geschäfte eingeführt, wir haben die Kompetenzen etwas geändert, eine neue Arbeitszeitverordnung gemacht und die Öffnungszeiten der Verwaltung geändert. Es hat also durchaus gereicht, um einiges anzugehen und aufzugleisen.

Gibt es auch etwas, dass Sie gerne geändert hätten, wofür aber die Zeit nicht ausreichte?

Nach wie vor ein zentrales Thema ist die Kommunikation. Daran müssen wir arbeiten, das läuft noch nicht optimal. Diesen Bereich habe ich zwar in Angriff genommen, konnte ihn aber nicht abschliessen. 

Was haben Sie heute für ein Bild von Zollikon?

Durchaus, dass Zollikon tatsächlich nicht die einfachste Gemeinde ist (lacht). Der Anspruch der Bevölkerung ist hoch und so meine ich, dass es auch wichtig ist seitens der Verwaltung und der Behörde, diesen zu erfüllen. Hier können wir wie bereits erwähnt noch zulegen. 

Stichwort Ansprüche: Kritische Stimmen sagen, der Gemeinderat agiere zu langsam bei den anstehenden Grossprojekten wie dem Beugi, dem ehemaligen Pflegeheim am See oder dem Fohrbach. Ihre Meinung dazu?

Bei den angesprochenen Projekten handelt es sich allesamt um Grossprojekte, die sehr komplex sind, mit einer ganzen Reihe von Heraus­forderungen, die gelöst werden müssen. Als ich nach Zollikon kam, stiess ich auf einen Berg von Akten über diese Projekte und musste schnell feststellen, dass es hier nicht einfach um Sachbearbeitung geht. Meine Vorgängerin hat mir die Unterlagen auf den Stand aufbereitet, um die nächsten Schritte einzuleiten und vorwärtszugehen. Die Entscheidungen über das weitere Vorgehen konnten wir jetzt noch im September treffen. Ich kann durchaus nachvollziehen, wenn einem diese Zeitspanne lang vorkommt. Aber es handelt sich halt doch um sehr komplexe Themen, die sorgfältig angegangen werden müssen. 

Was geben Sie als langjähriger Gemeindeschreiber dem Zolliker Gemeinderat mit auf den Weg?

Er soll so weiterfahren, wie wir die angesprochenen Grossprojekte nun aufgegleist haben. Ich finde, der ­Gemeinderat ist auf einem guten Weg und auch die Sitzungen und die Abläufe funktionieren gut. Die Reformen mit der neuen Gemeindeordnung sollen weiter angegangen werden. Mir ist aufgefallen, dass Zollikon ein grosses Regelwerk an Verordnungen und Reglementen hat. Ich bin jedoch weniger für Regeln, dafür umso mehr für Ziele: Für jeden Bereich sollen Ziele festgelegt werden – politische, qualitative und quantitative Ziele. Dazu gehören auch kurze kundenfreundlichere Entscheidungswege. Für das braucht man nicht unzählige Reglemente, die den Weg bloss erschweren. Der Spielraum, den die Gesetze einer Verwaltung geben, sollte ausgenützt und nicht durch zu viele Regelwerke eingeschränkt werden. Natürlich braucht es diese, aber nehmen sie überhand, werden sie hinderlich. Ich gebe dem Gemeinderat also mit auf den Weg, die Regelungsdichte im Auge zu behalten.

Und was raten Sie Ihrem Nachfolger Markus Gossweiler, der langjähriger Gemeindeschreiber von Maur war, für die Führung der Zolliker Verwaltung? 

Markus Gossweiler ist ein Profi, er ist Jurist und bringt nicht nur alle Diplome mit, die es braucht, sondern auch jahrelange Erfahrung. Meinen Rat braucht er also nicht. Aber natürlich wird auch er erfahren, dass Zollikon nicht Maur ist und es überall wieder neue und andere Wege gibt. Ich bin aber überzeugt davon, dass er in Zollikon eine tolle Arbeit leisten und die angegangenen Reformen weiterführen wird. Er ist ein erfahrener Gemeindeschreiber und genau einen solchen braucht Zollikon. Denn Zollikon braucht einen Verwaltungsmanager und keinen Sachbearbeiter. Zollikon braucht eine starke Persönlichkeit, der ein kompetenter Sparringpartner und Unterstützer für den Gemeindepräsidenten ist. (Interview: mmw)

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