Zumikon

«Die Essenz meiner Arbeit ist die Leidenschaft»

Pat Perry liebt es seine Zuschauer zu überraschen und zu verwirren. (Bild: zvg)

Der gebürtige Zumiker Pat Perry verzaubert auf der Bühne und am Tisch – aber gegen Hütchenspieler habe auch er keine Chance, wie er
im Interview erzählt.

Mit Pat Perry sprach Birgit Müller-Schlieper

Pat Perry, wann haben Sie angefangen, Menschen zu verzaubern?

Es hat ganz klassisch mit einem Zauberkasten begonnen, den ich mit 12 Jahren zu Weihnachten geschenkt bekam. Ich war ein Junge mit unheimlich nervösen Fingern und damit konnte ich meine überschüssige Energie sinnvoll einsetzen. Es war, als habe meinem Leben ein Puzzleteil gefehlt, und plötzlich war ich komplett. Immer und immer wieder haben meine Hände die Tricks geübt.

Wer war das erste Publikum?

Die Nachbarskinder. Wir wohnten damals im Thesenacher. Mein Zwillingsbruder war mein Assistent. Der erste semi-offizielle Auftritt war
auf einem Fest bei meiner Tante in Meilen. Vor dem Auftritt war es der Horror, danach der Himmel. Ich stand hinter der Bühne und habe mich wirklich gefragt, was ich hier tue. Warum ich nicht zu Hause vor dem Fernseher sitze und Pommes Chips esse. Nach dem Beifall war ich auf Wolke sieben. Mittlerweile habe ich keine panische Angst mehr, aber eine gewisse Anspannung ist immer da und das ist gut. In dem Moment, in dem man meint, ein Programm einfach abspulen zu können, entstehen Fehler.

Woher kommen Ihre Tricks und Kunststücke?

Viele Momente im Leben können Anregungen geben. So hatte ich die
Inspiration für eine neue Nummer aus einer Kunstausstellung. Ich kann die Welt nicht neu erfinden, aber ich kann Momente in einen ganz neuen Kontext bringen. Mein neues Programm feiert diesen April Premiere und da ist es mir ganz wichtig, die Zuschauer zu überraschen, gemeinsam Neuland zu betreten.

Und wie trainieren Sie Ihre Fingerfertigkeit?

Früher habe ich wirklich Stunde um Stunde die Hände trainiert. Mittlerweile trainiere ich spezifischer, genau hin auf die Anforderung. Es kann manchmal ewig dauern, bis der Ablauf gelingt. Aber an den staunenden Augen sehe ich, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Jetzt, kurz vor der Premiere, trainiere ich jeden Tag. Ich stehe also vor leeren Rängen und spiele die 70 Minuten durch. Das ist nicht lustig und braucht Durchhaltewillen, gibt mir aber schlussendlich die nötige Sicherheit.

Wie wichtig ist bei der Tischzauberei die Mimik des Gegenübers?

Nicht nur die Mimik ist wichtig, der ganze Körper erzählt mir etwas über den Menschen. Die Körpersprache kommuniziert immer. Ich muss dann nur präsent und sehr bewusst sein, um die Sprache zu entschlüsseln. Man selber ist sich der Signale, die man aussendet, gar nicht bewusst. Gerade in der Tischzauberei, im ganz direkten Kontakt mit dem Publikum, kommt dies stark zum Tragen. Lese ich die Menschen richtig, wird auch der Zauber viel besser funktionieren. Wenn einmal etwas nicht ganz rund läuft, hat das oft damit zu tun, dass ich jemanden «verpasst» habe.

Und dieses Wissen wenden Sie auch privat an?

Auf gar keinen Fall. Der Zuschauer, der zu mir kommt, will getäuscht werden. Da darf ich manipulativ sein. Wäre ich das auch zu Hause oder bei Freunden, wäre das ja nicht zum Aushalten. Die beiden Bereiche sind ganz klar getrennt. Privat verfolge ich eher die Disziplin der «Gewaltfreien Kommunikation». Da geht es nicht um Bewertung, sondern um Empathie und um das Erkennen von Bedürfnissen.

Sind Sie schon mal gefragt worden, was Sie hauptberuflich machen?

Oft. Sogar in den Momenten, in ­denen mir der Veranstalter den Umschlag mit der Gage überreicht. Aber das ist auch okay. Viele können sich eben nicht vorstellen, dass das wirklich Arbeit ist. Mittlerweile lebe ich seit 29 Jahren davon.

Würden Sie gegen einen Hütchenspieler gewinnen?

Ich bekäme da wahrscheinlich auch ich so meine Probleme. Gegen die kann man einfach nicht gewinnen. Mir tun nur die Menschen leid, die da immer noch ihr Geld verlieren. Ausserdem ist das für mich auch ein Missbrauch meiner Kunst. Das ist keine Magie. Das ist Betrug. In meinem kommenden Programm «fifty-fifty» wir dies sogar ein Thema sein.

Gibt es in der Zauberei Mode-­Trends?

Für mich gibt es da mehrere Entwicklungen. Zunächst meine persönliche. Als ich jünger war, war ich sicherlich frecher. Das passt jetzt nicht mehr zu meiner Person. Ausserdem sollte sich jeder Künstler immer weiterentwickeln. Das heisst dann: «Kill your darlings.» Die geliebten Nummern loslassen und sich neu erfinden. So wie die fantastische Band Queen sich immer wieder neu präsentiert hat. Aber generell gibt es in der Zauberei einen enormen Aufschwung – auch durch die Youtube-Generation, die sich einfach was traut. Dazu kommt der Einfluss der Mentalmagie. Früher erklärten sich die Zuschauer die Tricks mit enormer Geschwindigkeit oder Ablenkung. Bei der Mentalmagie kommt Psychologie, Menschenkenntnis und Statistik zum Tragen. Das finden gerade Erwachsene sehr faszinierend. Für mich steht das auch für die Suche nach dem Geistigen, gegen die Ratio.

In Ihrem Close-Theater in Zürich West arbeiten Sie sehr nah an
den Zuschauern. Wie in einem Anatomie-­Hörsaal sitzen die Gäste. Warum?

Ich liebe die Interaktion mit den Zuschauern. Die Nähe gibt mir
die Möglichkeit, situativ entscheiden zu können. Ich spüre die Stimmung. Zusätzlich gibt es einen ­Barbereich, in dem ich vor der Show schon Tischzauberei anbiete. Ich bin quasi meine eigene Vorgruppe und habe schon ein paar strahlende Augen im Publikum, wenn ich das Programm beginne.

Sie haben Ihre Kindheit, Jugend und Lehrzeit in Zumikon verbracht, sind dann nach Zollikon gezogen, leben jetzt im Zürcher Oberland, sind aber im Grund permanent unterwegs.

Ja, ich war viel im Ausland unterwegs. Nun mit meinem eigenen Theater habe ich die Auslandsauftritte aber reduziert. Es macht einfach unglaublich Spass, in den eigenen vier Wänden aufzutreten. Ich achte auch darauf, dass ich nur so viele Engagements annehme, wie ich mit Freude umsetzen kann. Die Essenz meiner Arbeit ist die Leidenschaft und die darf nicht auf der Strecke bleiben. Ich will mir die Freude an der Magie unbedingt erhalten.

 

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