Zollikon

Liegen Sie richtig?

«Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett» heisst ein bekannter Schlager aus dem Jahr 1962. Genau wie der Mimi dürfte es den über hundert Zuhörern ergangen sein, welche der abendlichen Einladung des Kulturkreises Zollikon gefolgt waren und sich von Schauspieler Michael Schraner in literarische und weinaffine Kriminalgeschichten entführen liessen.

Er, Schauspieler, Bibliothekar und Weinliebhaber, lässt leidenschaftlich gerne verschiedene Welten miteinander verschmelzen. Michael Schraner wies gleich zu Beginn darauf hin: «Ich bin für literarischen Mord und Totschlag zuständig, fürs kulinarische und weintechnische Wohl sorgt an diesem Abend Mövenpick.» Letzteres feiert übrigens in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen in Zollikon. Und bereits zum zehnten Mal führt der Kulturkreis Zollikon «Wine and Crime» im Weinkeller des Zolliker Unternehmens durch, mit Erfolg, wie am grossen Ansturm zu sehen war.

Drei Kurzgeschichten von drei unterschiedlichen Autorinnen las und interpretierte Michael Schraner, alle Texte waren in sich abgeschlossen. Was die Geschichten verband, war das Thema des Weins und des Genusses. Die vorgetragenen Werke sind alles andere als Mainstream, es sind Krimis, die sich durch ungewöhnliche Darstellung und Thematik auszeichnen. Michael Schraner verriet dem Publikum, dass er sehr gerne und viele Bücher lese, nicht nur Krimis. Und empfahl in diesem Zusammenhang ein erst kürzlich von ihm gelesenes, welches eine amerikanische Bestatterin unter dem Titel «Smoke Gets in Your Eyes» geschrieben hat. Die deutsche Übersetzung desselben, «Fragen Sie Ihren Bestatter», klinge aber lange nicht so schwungvoll. «Aber falls Sie ernsthaft gedenken zu sterben, sollten Sie das Buch unbedingt lesen.» Auch mit dieser Bemerkung hatte er die Lacher auf seiner Seite. Weitere Bücher zum Thema «Bestatter» seien ihm danach aus der Leseliste vom Internet empfohlen worden, so «Das Allerletzte», «Ab in die Kiste» und ein weiterer auffallender Titel, der einem Werbeslogan für die Bestattungsbranche gleichkomme: «Bei uns liegen Sie richtig». Aber am besten habe ihm der Titel «Wer zu uns kommt, hat das Gröbste hinter sich» gefallen. Mit diesem morbiden Humor und den schauspielerisch vorgetragenen Buchtipps, war der Einstieg in die Krimierzählungen bestens gelegt.

Rabenschwarze Storys

Michael Schraner leitete über mit der Bemerkung, dass sich die meisten Unfälle zuhause ereigneten, und ergänzte deshalb: «Schön, dass Sie heute da sind.» Damit war das gut gelaunte Publikum auch schon mitten drin im ersten Krimi, «Küchentaufe» von der Österreicherin Jennifer B. Wind. Die ehemalige Flugbegleiterin schreibt Romane für Jugendliche und Erwachsene, Drehbücher und Kurztexte. Und eben mit Passion Krimis. Wenn nicht nur der Haussegen seit Jahrzehnten schief hängt, nein sogar das Regal in der von Handwerkern eben neu eingebauten Küche, kann möglicherweise nur ein Horoskop die passenden Tipps für die hoffnungslose Situation offenlegen. Auf jeden Fall hielt sich Hausfrau Jennifer – die Person hat nichts mit der gleichnamigen Autorin zu tun – daran und widersprach ihrem Gatten Ludwig nicht, als er wieder alles besser wusste und sie für die Misere beschuldigte, wie immer. Michael Schraner verstand es mit seiner theatralischen Mimik, die prekäre Situation und Leidensgeschichte der weiblichen Hauptperson darzustellen, ja sich selbst in ihre Gefühle zu versetzen. Schlussendlich war es die Kombination aus Wein und Physik, die dem Schrecken ein Ende setzte. Eine Kurzgeschichte voll packender Spannung und beste Krimi-Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Seite.

Die zweite Geschichte war ein Ausflug an die Wärme, «Sonne, Samba, Pfälzer Landwein». Eine Geschichte, die an der brasilianischen Copa ­Cabana begann und ein schrecklich ausgeglichenes Ende für ein offensichtlich in ungleicher Erwartung lebendes Paar nahm. Die Gattin macht eine Therapie gegen ihre Flugangst und überrascht ihren Gatten in Rio de Janeiro mit zwei Flaschen Pfälzer Wein im Koffer. Er hat sich hingegen bereits gut eingelebt an seinem neuen Arbeitsort mit der heissen Umgebung und denkt schon bald ans Verlängern seiner Aufenthaltsdauer. Pointiert und humorvoll interpretiert, fehlte auch in diesem Krimi der Schalk der Sprache nicht. Eine skurril-heitere, abgründige und spannungsgeladene Geschichte. Die Bonner Autorin Gitta Edelmann lebte selbst eine Zeit lang in Rio de Janeiro. Sie arbeitete als Übersetzerin, Fremdsprachenlehrerin und Stadtführerin, bevor das Schreiben überhandnahm.

Wein als roter Faden

Nach einer kulinarischen Pause mit Pasta und Pilzen und einer Degustation ausgewählter Rot- und Weissweine ging es weiter zum dritten und letzten Krimi von Anne Griesser, «Perfekt im Abgang».

Ein Krimi um Misstrauen, Krankheit und Gesundheit, um Genuss und Missgunst, um Gift und Tod. So geschah es, dass Amadeus Schnabel, Weinkenner und Önologe, die beiden Kontrahenten Herr Rossberg und Frau Adam Vogt eingeladen hat. Wenn er einlädt, kommen sie alle. Der Anlass der Verkostung war ein erhabener, die Kleider waren es auch. Dreimal zehn tulpenförmige Gläser dazu. Die Weinliste wurde von einem nahestehenden Freund erstellt, sodass die Ausgangslage für alle gleich war. Er hat nichts vergessen, es wird ein perfekter Vormittag zum Kräftemessen mit seinen Freunden, um Badens grössten Weingourmet zu ermitteln, – jedoch intern nur für die eigene Zufriedenheit. Da kann doch nur etwas Kriminelles dahinterstecken! Autorin Anne Griesser aus Freiburg im Breisgau studierte Bibliothekswesen, Ethnologie, Volkskunde und Germanistik. Nach einigen Ausflügen ins seriöse Berufsleben geriet sie auf die schiefe Bahn. Seither schreibt sie über Mord und Totschlag. Der Abend war ein Hörvergnügen mit todernsten Weinkrimis, kraftvoll, fruchtig, herb – und rabenschwarz im Abgang! (cef)

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