Zollikon

Kein kurzer Prozess

Ein Bühnenbild, keine Szenenwechsel: Die Theatergruppe Zollikon hat sich ein sehr konzentriertes Werk vorgenommen. (Bild: bms)

Die Theatergruppe Zollikon serviert mit «Die zwölf ­Geschworenen» ein Stück, das nachhallt.

Laien-Schauspieler möchten in der Regel gerne unterhalten. Bei den Aufführungen wird sehnlichst der erste grosse Lacher erwartet. Auch die Zolliker möchten unterhalten – aber die Theatergruppe geht in diesem Jahr einen anderen Weg. Einen schweren, den die Darstellerinnen jedoch mühelos meistern. Mit «Die zwölf Geschworenen» haben sie ein Stück ausgewählt, das keine Schenkelklopfer bringt, sondern eher einen Appell an das eigene Gewissen. 

Die Geschichte ist hinlänglich bekannt: Zwölf Geschworene sollen über Schuld oder Unschuld eines jungen Mannes entscheiden. Hat er hinterrücks seinen Vater ermordet? Der Fall scheint klar. Als sich das Dutzend ins Beratungszimmer zurückzieht, rechnen alle mit einem kurzen Prozess – im wahrsten Sinne. Es ist auch nicht so, dass die Nummer Acht, Tina Kym, von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist. Aber: Sie hat Zweifel. Und diesen Zweifel wirft sie wie einen Stein ins Wasser, wo er immer grössere Kreise zieht. Immer mehr Geschworene lassen sich anstecken, kommen ins Grübeln. «Für den elektrischen Stuhl sollte man sich schon sicher sein», heisst es da. 

Alphatiere und Mitläufer

Das Stück von Reginald Rose ist ein wunderbares Beispiel für Gruppenzwang und -dynamik. Da gibt es die «Wackelkandidaten», die Mitläufer. Da gibt es die Anführer und Alpha-Tiere. Und alles auf engstem Raum. Dem Bühnenbildner und einer gekippten Bühne ist es zu verdanken, dass alle Emotionen bis in den letzten Winkel ausstrahlen. Es sind die Gesten und die Mimik, die das Schauspiel so faszinierend machen. Zu sehen ist dabei auch wieder Karin Benz, die als Geschworene Nummer 1 zu sehen ist. Seit 1988 hat sie bei der Zolliker Theatergruppe 17 Mal die Regie übernommen. 17 Mal gesagt, wer wann wo zu stehen hat. Nun ist sie selber als Schauspielerin zu sehen – und zu bewundern. Aber es ist nicht fair, jemanden in den Vordergrund zu stellen. Alle zwölf füllen ihre jeweilige Rolle bis in die Haarspitzen aus. Das sind Annina Benz, Roman Ribi, Susanne Gröbli, Irina Mutti, Christoph Weber, Sevi Winkler, Thomas Lips, Ralph Flösser, Sabine Wyss-Kohl und Xenja Saldarriaga. Als ­Gerichtsdiener ist Adrian Holzmann zu sehen. Und da Karin Benz eben nicht mehr als Regisseurin tätig werden wollte, musste dieses Amt neu besetzt werden. Mit Franca ­Basoli haben die Zolliker einen wunderbaren Ersatz gefunden. Die Zürcherin ist nämlich nicht nur Regisseurin, sondern auch Schauspielerin. Sie kann sich bestens in ihre Charaktere auf der Bühne einfühlen, weiss um die Schwierigkeiten eines solch textlastigen Stückes. 

Da gibt es auf der einen Seite die vielen Monologe, die gepaukt werden müssen. Auf der anderen Seite müssen die Darsteller auch in ihrer Rolle bleiben, wenn sie nicht gerade im Mittelpunkt stehen. Schnell wird klar, dass jeder der Geschworenen seine eigene Geschichte mitbringt, seine eigenen Vorurteile pflegt und persönliche Ambitionen hat – wie der Geschworene, der eigentlich nur schnell zu seinem Baseballspiel möchte (Sevi Winkler). Die Dramatik erreicht ihren Höhepunkt, als es aus dem Geschworenen Nummer 3 herausbricht (Roman Ribi). Er hält ein flammendes Plädoyer für die Schuld des Jungen, jammert über den «gemeinen Hund», bis dem Zuschauer klar wird, über wen der Mann eigentlich spricht. 

Wenn heute Abend die Premiere über die Bühne des Gemeindesaals geht, wird der Beifall vielleicht nicht sofort ausbrechen. Die letzte Szene wird nachklingen müssen. Aber dann wird der Applaus kommen. (bms) 
 

Weitere Aufführungen: Morgen Samstag, 21. September sowie Mittwoch, 25. bis Samstag, 28. September, 20 Uhr, Gemeindesaal Zollikon. Vor­verkauf www.theatergruppe-zollikon.ch, in der Apotheke Zollikon, Bergstr. 22, und dem Blumen-Caffé Verde, Forchstrasse 136.

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