Zollikon

Als der einstündige Fussmarsch von Zollikon nach Zürich hinfällig wurde

Am Sonntag wird in Zollikon sowie an allen weiteren Bahn­höfen zwischen Stadelhofen und Rapperswil-Jona gefeiert: Das Geburtstagskind ist die rechtsufrige Eisenbahnlinie am Zürich­see, die dieses Jahr 125 Jahre alt geworden ist. Ein Blick zurück.

Wer heute von Zollikon nach Rapperswil reist, benötigt hierfür mit dem Zug 46 Minuten. Der erste Zug frühmorgens fährt um 5.13 Uhr, der letzte kurz nach Mitternacht um 00.27 Uhr. Dazwischen gibt es bis zu 123 Züge pro Richtung. Die Auswahl ist gross, die Reisezeit kurz. Anders sah dies vor 125 Jahren aus, als es im ersten Fahrplan 1894 der rechtsufrigen Zürichsee-Bahn täglich lediglich acht Abfahrten pro Richtung gab. Der Eröffnungszug fuhr am Mittwoch, 14. März 1894 um 12.20 Uhr vom Stadelhofen aus mit zwei bekränzten Lokomotiven und 14 Wagen los.

In der Folge legten die Züge die 30,27 Kilometer lange Teilstrecke von ­Stadelhofen nach Rapperswil jeweils in 67 bis 75 Minuten zurück. Bis dahin hatte die Schifffahrt seit der Römerzeit den wichtigsten Verkehrsträger für die Dörfer am Zürichsee gebildet und diese auf dem Wasserweg an die Stadt angebunden. Um 1860 – also noch bevor die Seebevölkerung an den Bau einer «richtigen» Eisenbahn dachte – tauchten Pläne für Strassenbahnen auf. Dr. François Wille aus Herrliberg regte den Bau eines Rösslitrams entlang der Seestrasse an. Doch begnügte man sich am rechten Seeufer nicht mit Strassenbahnprojekten.

Erstes Stationsgebäude

Weshalb aber dauerte es dann doch so lange, bis die erste Eisenbahn rechts dem See entlang kurvte, war doch das linke Seeufer bereits seit 1875 mit der Bahn erschlossen? Aus der Festschrift zum Jubiläumsfest geht hervor, dass zwar 1871 im Restaurant Löwen in Meilen ein Baukomitee gegründet wurde und vier Jahre später der Bau der rechtsufrigen Zürichseebahn unter der Leitung der Nordostbahn (NOB) begann. Eine Finanzkrise legte diese jedoch lahm und die Arbeiten wurden bis 1890 stillgelegt. Wie Werner Neuhaus im Zolliker Jahrheft von 1985 zur damals 90-jährigen Geschichte der Eisenbahnverbindung schreibt, haben im Anschluss überall Arbeiter die Baustellen bevölkert und am 23. November 1892 konnte das Stationsgebäude in Zollikon als erstes der ganzen Bahnlinie aufgerichtet werden.

Drohungen aus Herrliberg

Reibungslos lief es aber nicht überall. Nach der Wiederaufnahme der Bauarbeiten gab es vor allem in Zürich Probleme. Weil auf dem geplanten Trassee teilweise bereits Häuser standen, musste ein neuer Tunnel von Stadelhofen nach Letten gebaut werden, wie in der Jubiläumsschrift nachzulesen ist. Und in zwei Gemeinden wurde über die Lage des Bahnhofs gestritten: in Küsnacht und in Herrliberg. Während es in Küsnacht darum ging, ob der Bahnhof ober- oder unterhalb der Bahnlinie zu stehen kommen sollte, war der Konflikt in Herrliberg grösser. Dort lehnten es fast alle Einwohner ab, dass ihr Bahnhof 350 Meter ausserhalb ihrer Gemeindegrenzen auf Meilemer Boden zu liegen käme. Der Gemeinderat schrieb in «einer höchst befremdlichen Weise über die Unzweckmässigkeit des Projektes in Feldmeilen.» Briefe an den Bundesrat wurden geschrieben mit den Worten «Wir appellieren am Rande des Abgrundes, Herrliberg von der Ausstossung zu bewahren.» Es nützte nichts. So folgte im Jahr 1891 die Drohung mehrerer verschworener Herrliberger an die Nordostbahn: «So gewiss in Herrliberg keine Station erstellt wird, so gewiss wird der Zug in die Luft gesprengt.»

Zolliker Rebhänge durchschnitten

In Zollikon war die Bahnlinie mit keinen grösseren Schwierigkeiten verbunden. Allerdings hält Werner Neuhaus in seinem Artikel fest, dass Albert Heer in seinem Buch «Unser Zollikon» etwas kritisch gemeint habe, dass die Bahnlinie und der Bahnhof die Gegend nicht gerade vorteilhaft umgestaltet hätten. Häuser, Scheunen und Trotten hätten weichen müssen. «Der Bahnkörper durchschnitt die schönen Rebhänge und hinderte das freie Auf und Ab. Wer mit dieser Veränderung nicht einverstanden war, durfte sich aber nicht laut dagegen äussern; er galt sonst als rückständig.»

Am Eröffnungstag sollte es dann zwar wie aus Giesskannen regnen, die Freude über die rechtsufrige Eisenbahnlinie war aber bis auf Herrliberg überall gross: In Küsnacht habe der Sonnenwirt Papierservietten verteilt, auf denen ­Küsnacht als Knotenpunkt des Weltverkehrs bezeichnet wurde. Und in Meilen erschienen zur Ansprache des Gemeindepräsidenten gemäss Jubiläumszeitschrift so viele Leute, dass eine lange Kette behelmter Feuerwehrmänner die dicht gedrängten Zuschauer zurückhalten musste. Nur in Herrliberg wurde der Festzug nicht freundlich, sondern mit schwarzen Fahnen und Bööggen empfangen. Brennende Torfstücke und Steine wurden auf den Zug geworfen, einige Scheiben gingen in Bruch. Ein Milchhändler und seine zwei Knechte wurden zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt wegen «vorsätzlicher Gefährdung eines Eisenbahnzuges». Solidarisch hatten sie auch für den Schaden von sieben Franken zu haften.

Jubel, Trubel, Heiterkeit

Wie der Festzug in Zollikon begrüsst wurde, hielt Werner Neuhaus ebenfalls in seinem Bericht fest, in dem er die damaligen Schilderungen der Freitags-Zeitung zitierte: «Das eigentliche Fest aber begann in Zollikon, das sich mit Kränzen, Fahnen und Inschriften ganz stattlich herausgeputzt hatte. Das halbe Dorf war an der Station versammelt, ein Chor liess seine gefühlvollsten Weisen erschallen, und weissgekleidete Festjungfern, begleitet von schmucken Burschen im Turnerkostüm, trippelten zum Zug heran und durchwanderten mit den immer wieder gefüllten Pokalen die lange Reihe der Waggons.»

Diesen Sonntag nun wird der Zolliker Bahnhof wie auch alle weiteren bis Feldbach wieder zu einem Festareal, zu welchem die gesamte Bevölkerung eingeladen ist. Die SBB und sämtliche Gemeinden an der Strecke begehen das 125-Jahr-Jubiläum der rechtsufrigen Bahnlinie mit Extrafahrten und Festwirtschaften. (mmw)

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