Zollikon

«Eigentlich sind wir doch Lokalhelden»

Das älteste und das jüngste Mitglied der Männerriege Zollikon: Renato Niederer und Daniel Häring. (Bild: mmw)

Der eine turnt seit 20 Jahren mit, der andere seit 5 Jahren. Der eine wird dieses Jahr 85, der andere ist 49 Jahre alt. Der eine ist der Älteste, der andere der Jüngste: Renato Niederer und Daniel Häring sind beide in der Männerriege Zollikon aktiv, die ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert. Die beiden trennt 36 Jahre Altersunterschied und verbinden eine tiefe Kameradschaft, die Freude an der Bewegung und die Fähigkeit, auch über sich selber lachen zu können. Was der Geist der Männerriege für sie ausmacht.

Mit Renato Niederer und Daniel Häring sprach Melanie Marday-Wettstein

Herr Niederer, Sie sind das älteste Mitglied der Männerriege Zollikon und Sie, Herr Häring, das jüngste. Was bringt Ihnen die Männerriege?

Renato Niederer: Ein uraltes Sprichwort sagt, Turnen mache träge Menschen wieder munter. Dies kann ich nur bestätigen. Seit bald 20 Jahren freue ich mich darauf, jeden Mittwochabend mit meinen Kameraden am Turnen teilzunehmen. Die Übungen und die richtige Bewegungstechnik spielen eine grosse Rolle, denn mit ihnen werden Kraft, Geschmeidigkeit und Gleichgewicht trainiert. Ich erhalte neue Energie, Vitalität und Lebenskraft und tue meiner Gesundheit erst noch etwas Gutes. Aber auch im gesellschaftlichen Bereich gibt mir die Männerriege Zollikon sehr viel, pflegen wir unsere Kameradschaft doch sehr. An der Zolliker Chilbi sind wir an drei Tagen mit einem Raclette-Stand präsent, am Weihnachtsmarkt schenken wir Punsch aus und zwei bis drei Mal im Jahr organisieren wir einen Tagesausflug verbunden mit einer Wanderung.

Daniel Häring: Mir gibt die Männerriege einen Fixpunkt in der Woche, an dem ich mich sportlich betätige. Gleichzeitig erfahre ich dort, was im Dorf läuft. Die Kameradschaft, die wir auch mit unseren Ausflügen sehr pflegen, bedeutet und gibt mir wirklich viel. Wir sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, bei uns turnen Handwerker, Informatiker, Lehrer, Unternehmer, Anwälte mit. Auch sind wir äusserst multikulturell, was immer wieder zu spannenden Diskussionen führt. Wir lernen sehr viel voneinander und das schätze ich enorm. Auseinandersetzungen und Spannungen gibt es bei uns eigentlich keine, dafür umso mehr zu lachen. Der Humor wird bei uns grossgeschrieben. Im Grunde genommen gäbe es aber ja gar nicht so viel zu lachen, denn unsere Mitglieder sterben aus (beide lachen herzhaft). Aber so ist halt das Leben.

Wie sind Sie zur Männerriege gekommen?

Daniel Häring: Auf die Männerriege aufmerksam wurde ich wegen gesundheitlicher Probleme. Ich war auf der Suche nach einer Balance und habe diese mit der Männer­riege gefunden. Schnell habe ich gemerkt, dass viele wohl älter sind als ich, aber auch fitter. Das wollte ich unbedingt ändern (lacht).

Renato Niederer: Ich war schon immer sportlich, Rudern und Tennis waren meine Sportarten. Irgendwann kam aber eine Zeit, in der
ich nicht mehr sehr aktiv war. Als Zolliker Bürger hatte ich aber schon immer gute Kontakte zu anderen Zollikern gepflegt und als meine Frau immer lauter der Meinung war, etwas mehr Ausgang und Bewegung würden mir guttun, nahm sich ein Freund meiner an und schleppte mich mit zur Männer­riege. Dieser Freund ist Sepp Stoop, er ist noch heute in der Männerriege dabei und wohl eines der dienst­ältesten Mitglieder. So wie auch sein Bruder Anton, der einer der besten eidgenössischen Turner war. Wir haben wirklich sehr gute Turner bei uns.


Die Eidgenössischen Turnfeste spielen heute aber keine grosse Rolle mehr in der Männerriege, oder doch?

Renato Niederer: Nein, dem ist so. Früher war der Besuch der Turnfeste eine Selbstverständlichkeit, heute ist das anders. Heute stehen der Spass an der wöchentlichen Turnstunde und vielleicht auch die Kameradschaft mehr im Vordergrund.

Die wöchentliche Turnstunde der Männerriege wird von einer Frau geleitet. Weshalb?

Renato Niederer: (lacht) Wegen des Respektes! Vor einer Frau spuren wir doch viel mehr als vor einem Mann.

Daniel Häring: Das Zentrale ist natürlich, dass die Vorturnerin oder der Vorturner gut ist und alters­gerechtes Turnen anbietet. Und genau so jemanden haben wir mit Corinne Wettstein gefunden. Sie ist ein Profi.

Renato Niederer: Früher stellten wir den Vorturner aus den internen ­Reihen. Schon damals waren die Turnstunden intensiv und wir hatten viel Spass, aber heute ist es schon nochmals anders und sehr professionell, wir kommen wirklich alle stark ins Schwitzen.

Man sagt, Turnerfamilien begleiten einander ein Leben lang. Ist dem so?

Renato Niederer. Ganz klar, ja! Der Geist der Männerriege ist definitiv die Kameradschaft. Und die hält das ganze Leben lang und man wird, wie Sie richtig sagen, quasi zu einer Familie. Zu einer Turnerfamilie.

Daniel Häring: Wir haben auch viele, die altershalber und aus gesundheitlichen Gründen zwar die Turnstunden nicht mehr besuchen können, noch immer aber bezahlen sie den Jahresbeitrag und stossen nach den Turnstunden zum gemeinsamen Umtrunk dazu. Das zeigt auch, wie verbunden wir alle mit der Männerriege und unseren Freundschaften sind. Von unseren knapp 60 Mitgliedern nehmen zwischen 20 und 30 regelmässig an den Turnstunden teil.

Wie halten Sie sich nebst der Männerriege fit?

Daniel Häring: Ich bin viel mit dem Velo unterwegs, bin möglichst viel draussen und besuche auch ab und zu ein Fitnessstudio. Auch meine beiden Kinder halten mich fit.

Renato Niederer: Mich halten meine Enkelkinder fit. Zudem bin ich ein Weltenbummler und oft mit meiner Frau auf Reisen unterwegs. Das geniessen wir sehr, denn so bleiben wir weltoffen und in guter körperlicher Verfassung.

Der Männerriege geht es wie den meisten Vereinen: Der Nachwuchs fehlt. Was tun Sie dagegen?

Daniel Häring: Eigentlich kann man bei uns ja ab 30 Jahren mitturnen. Doch zwischen 30 und 40 ist man gerne noch im Turnverein aktiv und spielt Volleyball. Was uns fehlt, ist die Generation in meinem Alter, jene, die nicht vom Turnverein zu uns in die Männerriege gewechselt haben. Unser Durchschnittsalter liegt bei 65 bis 70 Jahren. Wir wären sehr froh, hätten wir auch jüngere Mitglieder, denn sie sind die Zukunft der Männerriege für die nächsten 100 Jahre. Aus diesem Grund haben wir für unser 100-Jahr-Jubiläum jetzt auch verschiedenste Initiativen gestartet, um neue Mitglieder zu gewinnen.

Renato Niederer: Wir haben eine neue Website und starten ein
Crowdfunding-Pilotprojekt, mit welchem wir Kampagnen auf den sozialen Medien sowie Flyer und Inserate finanzieren möchten. Unser Ziel ist es, Frauen von Männern mittleren Alters zu erreichen und sie zu überzeugen, ihre Gatten zu uns zu schicken. Deshalb habe ich anfangs auch das Sprichwort gebracht, dass Turnen träge Männer munter macht. Glauben Sie mir: Die Frauen merken das! (lacht).

Daniel Häring: Das Crowdfunding-Projekt, das vom Vereins­kartell angegangen wurde, ist ein Pilotversuch. Damit wollen wir neue Wege gehen und nebst der ­sicherlich auch sehr wichtigen Mundpropaganda einen weiteren Versuch starten, an Nachwuchs zu kommen. Das Projekt trägt den ­Titel «Lokalhelden». Und das ist doch irgendwie genau das, was wir sind. Wir machen vieles für die Gemeinde und das gesellschaftliche Zusammenleben mit unseren Aktivitäten, so sind wir doch eigentlich wirklich Lokalhelden.

Und was wünschen Sie der Männerriege auf den 100. Geburtstag?

Daniel Häring: Dass sie bleibt, was sie ist: ein super Konzept aus Sport, Freizeitaktivitäten, Sozialkontakten und Helfereinsätzen ...

Renato Niederer: ... und das möglichst lange noch, ganz sicher für die nächsten 100 Jahre!

 

Die Chroniken der Männerriege Zollikon finden sich auf www.männerriege.ch. Infos zum Crowdfunding-­Projekt auf www.lokalhelden.ch/mrzollikon

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