Zollikon Zumikon

«Stille und Zeit für sich gehören zum Fasten dazu»

Gerade während der Fastenzeit ist Sabina Hösli Gubler gerne in der Natur unterwegs. (Bild: bms)

Am Freitag Fisch, an den Ostertagen ein reichhaltiger Brunch mit hübsch dekoriertem Tisch, farbigen Eiern und viel Schokolade in Hasenform – so sehen für viele die anstehenden Ostertage aus, die zusammen mit Familien und Freunden gefeiert werden. An Ostern wird geschlemmt – darf wieder geschlemmt werden, endet doch für einige damit auch die 40-tägige Fastenzeit. In der reformierten Kirchgemeinde Zollikon wird schon seit Jahrzehnten gemeinsam gefastet, und zwar nach der Methode von Dr. Otto Buchinger. Dabei wird auf feste Nahrung komplett verzichtet. Wie die Methode funktioniert und warum nach dem Fasten oft noch mehr Disziplin gefragt ist als zuvor, erzählt Pfarrerin Sabina Hösli Gubler im Interview. 

Frau Hösli Gubler, wie funktioniert das Heilfasten nach Buchinger genau?

Eine Woche lang wird nur getrunken, und zwar Wasser und Tee. ­Mittags und abends gibt es einen Frucht- oder Gemüsesaft oder auch eine Bouillon. Diese darf aber nicht gesalzen sein. Vor dem Fasten wird der Darm durch Abführen völlig entleert. Der Körper beginnt, seine Energie aus den körpereigenen Kraftreserven zu beziehen. Dass der Körper dabei zuerst Muskeln abbaut, ist ein Mythos. Dies geschieht höchstens, wenn man in der Fastenzeit nur im Bett liegt. Bewegung und Sport gehören zum Fasten.

Während der Woche treffen sich die Fastenden morgens und/oder abends. Bestärkt man sich dann gegenseitig?

Ja. Zum Fasten, wie wir es tun, gehört, dass keiner alleine ist. Wir teilen dieselbe Erfahrung, diejenige des Verzichts, und dasselbe Ziel. Wir lachen oft, z.B. wenn eine von einer Torte erzählt, die ihr im Traum erschienen ist. Wir diskutieren häufig. Zum Beispiel, warum wir überhaupt auf etwas freiwillig verzichten. Manche berichten, dass es für sie kein Problem ist, für die Familie zu kochen und selber nicht zu essen. Weil eben ein echtes Hungergefühl in der Regel nicht entsteht. Wenn überhaupt, dann entwickelt man nur einen «Gluscht».

Fasten ist aber nicht nur ein körperliches, sondern auch spirituelles Erlebnis, oder?

Fasten betrifft den ganzen Menschen, jede einzelne Körperzelle, die Seele und den Geist. Zum Fasten gehören Stille und Zeit für sich selbst. Selbst Pensionierte haben mittlerweile einen randvollen Terminkalender. Während der Fastenzeit sollte hingegen Zeit sein, sich zu besinnen. Es geht darum, zu sich selber zu gelangen, sich wahrzunehmen. In allen Religionen geht es dabei um Umkehr. Darum, einen Schritt zurückzutreten, mein Leben zu betrachten – beispielsweise zu erkennen, was ich verändern möchte. Der Geist wird freier.

Fasten heisst, den Versuchungen zu widerstehen. Das erfordert viel Disziplin.

Disziplin und ein Stück Selbstüberwindung. Doch es kommt ganz selten vor, dass jemand die Fasten­woche abbrechen muss. Manchmal sagen Teilnehmende auch kurz ­vorher ab, z.B. weil sie erkennen, dass ihnen dies jetzt zuviel ist. Das bedeutet aber nicht, dass sie gescheitert sind. Man muss einfach anerkennen, dass es vielleicht noch nicht der richtige Zeitpunkt ist, und sich nicht verurteilen.

Habe ich nach dem Fasten nicht das Bedürfnis, alles nachzuholen?

Das Fastenbrechen nach einer ­Woche ist ein besonderer Moment. Wir essen dann zusammen einen Apfel und dieser schmeckt unglaublich gut, da die Geschmacksnerven nicht mehr so überreizt sind. Vom Moment des Fastenbrechens an kommen wieder alle «Versuchungen» auf uns zu, sodass dann fast noch mehr Disziplin gefragt ist als vorher. Die Unterstützung aus der Gruppe fällt weg. Ich muss in jedem einzelnen Moment neu entscheiden, ob ich mir das gönne oder nicht. Während der Fastenzeit wird vielen stark bewusst, wie sehr wir überall mit Essen konfrontiert werden. In der Forchbahn, in der S-Bahn und auf der Strasse wird gegessen und in den Läden gibt es überall Probierstände. Die Vorosterzeit quillt über von Schokoladehasen und Eiern. Wenn ich dann nicht aufpasse und unbewusst esse, kann es zum sogenannten Jojo-Effekt kommen.

Es gibt auch das Programm «7 Wochen ohne», bei dem die Fastenden auf Alkohol, Fernsehen oder Zigaretten verzichten. Halten Sie das für sinnvoll?

Ich halte Verzicht gerade in unserer Überflussgesellschaft für sinnvoll. Verzichten können ist nichts Negatives! Zum einen stärkt es die eigene Persönlichkeit, weil ich erlebe, dass ich mit weniger leben kann. Im Christentum hatte Fasten aber immer auch eine soziale Komponente. Was ich in dieser Zeit nicht brauche, weil ich verzichte, gebe ich denen ab, die nichts oder weniger haben. Wir sammeln in unserer Gruppe jedes Jahr einen freiwilligen Geldbetrag zugunsten eines Projektes. Das Verzichten ­bewirkt grundsätzlich, dass ich mein Konsumverhalten reflektiere. So gibt es beispielsweise Jugendliche, die für eine bestimmte Zeit «Medien-Fasten» machen und dabei entdecken, dass es auch Freude bereitet, zu lesen oder Freunde zu treffen. Für manche ist das so einschneidend, wie aufs Essen zu verzichten. (bms)

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