Zollikon Zumikon

Wie ein Fisch im Wasser

Wo 1981 alles begann – Dr. Ruth zurück am Mikrofon des Radio­senders WNYC. (Bild: zvg)
 

«Ask Dr. Ruth» erzählt die Lebensgeschichte von Dr. Ruth Westheimer, geborene Karola Siegel aus Frankfurt, eine der berühmtesten Sex-Therapeutinnen der USA. Der Dokumentar­film läuft am 17. Oktober 2019 in den Zürcher Kinos an.

Daniel Frey

Als die 10-jährige Karola 1938 zusammen mit vielen anderen jüdischen Kindern von Frankfurt aus in die Schweiz verschickt wurde, sang die Kleine den anderen Kindern jüdische und andere Kinderlieder vor, um sie aufzuheitern. Dieser Charakterzug scheint symptomatisch für die heute 91-jährige, nur 1 Meter 40 grosse, aber stets unglaublich energiegeladene Frau: der unbändige Wunsch, ihre Mitmenschen zu unterstützen und ihnen zu helfen. Diese Eigenschaft, gepaart mit einer ebenso grossen Portion Extravertiertheit, machte sie zur idealen Person, um eine der berühmtesten Sex-Therapeutinnen der USA zu werden.

Während des Krieges wurden Karolas Eltern von den Nazis ermordet. Sie selber, ein Einzelkind, lebte in einem jüdischen Kinderheim in Heiden, und man fragt sich unweigerlich, was ein solches Schicksal aus einem kleinen Mädchen macht. «Ich traue niemandem!», sagt sie einmal im Laufe des Films so nebenbei und neben allem Charme wird auch eine wohl anerworbene Härte und der ausgeprägte Wille zu überleben, fühlbar. Nach dem Krieg gelangte die junge Frau über Palästina und Paris, wo sie studierte, nach New York, wo sie in dritter Ehe mit dem Ingenieur Fred Westheimer verheiratet war. Die hoch intelligente und temperamentvolle Frau brauchte und suchte eine berufliche und eine akademische Herausforderung. Sie begann in einem New Yorker Spital mit der Beratung von Frauen bei der Familienplanung. Ende der 60er-Jahre doktorierte sie über ein verwandtes Thema. In den 70er-Jahren liess sie sich zur Sexualtherapeutin ausbilden und arbeitete anschliessend einige Jahre in ihrer eigenen Praxis.

Der Ruf nach Dr. Ruth

Es war zu Beginn der 80er-Jahre, als sie zusammen mit anderen Beratern von einem privaten New Yorker Radiosender die Anfrage erhielt, ob sie am Radio über  Sex sprechen und Fragen von Hörerinnen und Hörern beantworten würde. Es wurde keine Entschädigung angeboten und niemand meldete sich für den Job – ausser Ruth Westheimer. Die Sendung schlug ein wie eine Bombe. Die unbekümmerte und zugleich teilnahmsvolle und seriöse Art kam sehr gut an. Und noch nie hatte man jemanden so offen und mit einem so ausgeprägten deutschen Akzent als Markenzeichen an einem Radiosender über Sex sprechen hören. Der Rest ist schnell erzählt: Es folgten Presseberichte, Einladungen in Late Night Shows und schliesslich die eigene TV Show. Natürlich wurde Ruth Westheimer auch Opfer ihres eigenen Erfolges und ihrer Berühmtheit. Selbst wenn der Film nicht explizit fragt, wie sehr sie sich von den Medien und von Unternehmen vereinnahmen liess, lässt er nicht aus, dass sie sich für Werbespots zur Verfügung stellte und  in Spielfilmen mitmachte.

Fragen nach späteren Honoraren und Entschädigungen des Medien-Stars und der Kommerzialisierung des Produkts «Dr. Ruth» stellt der Film ebenfalls nicht. Er fragt auch nicht danach, was die Tätigkeit der studierten Soziologin effektiv an Verhaltensänderungen und Verbesserungen gebracht hat. Ebenso wenig, was mögliche Kollateralschäden sein könnten.

Der behutsame und sorgsame Film bringt das Phänomen Ruth Westheimer auch nur bedingt in Beziehung mit dem ausgeprägten Doppelgesicht der Sexualität in Amerika: religiös motivierte Prüderie und Verklemmtheit auf der einen und eine hoch entwickelte und breit diversifizierte Porno-Industrie auf der anderen Seite. Erst in einer solchen Umgebung, kombiniert mit einem vorwiegend privaten Medienumfeld, das ständig auf der Suche nach neuen Stars und Sensationen ist, um die Konkurrenz auf Distanz zu halten, konnte eine Ruth Westheimer zu dem werden, was sie war: jemand, der wie ein Fisch im Wasser genau das tut, was am besten zu ihm passt.

Zum Filmtrailer

«Ask Dr. Ruth», Dokumentarfilm, Biografie, 1 Stunde 40 Minuten, ab 17. Oktober 2019 in den Zürcher Kinos

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