«Normaler Bestandteil des Zolliker Lebens»

Im Sommer werden rund 90 junge Flüchtlinge im Alter von 12 bis 17 Jahren, die ohne ihre Eltern in die Schweiz gekommen sind, in die Liegenschaft Seestrasse 109 einziehen (der Zolliker Bote berichtete). Die Fachorganisation AOZ führt das Zentrum für diese «mineurs non accompagnés» (MNA) im Auftrag des kantonalen Sozialamtes. Am kommenden Dienstag informieren Vertreter/-innen des Kantons und der AOZ über die Organisation des Asylbereichs im Kanton Zürich und den Betrieb im MNA-Zentrum in Zollikon und stehen für Fragen aus der Bevölkerung zur Verfügung. Der Direktor der AOZ, Thomas Kunz, hat sich vorab den Fragen des Zolliker Boten gestellt.

Herr Kunz, wie darf sich die Zolliker Bevölkerung den Betrieb an der Seestrasse 109 vorstellen, wenn die jungen Asylsuchenden eingezogen sind?

Den Betrieb kann man sich ähnlich wie in einem Jugendheim vorstellen. Die Jugendlichen werden von Fachpersonen in der Alltagsbewältigung sowie beim Zusammenleben unterstützt. Es gibt eine Tagesstruktur sowie diverse Freizeitaktivitäten. Zudem befindet sich im Zentrum eine eigene Schule. Eine Hausordnung gibt die Grundregeln vor.

Wer wird die jungen Menschen betreuen? Werden diese Aufgabe Sozialarbeitende oder speziell dafür Ausgebildete übernehmen?

Die Kinder und Jugendlichen werden von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen betreut. Jede/-r Jugendliche hat eine Bezugsperson. Ein Nacht- und Wochenendteam stellt eine 24-Stunden-Betreuung sicher.

Wer wird die jungen Menschen unterrichten?

Es sind ausgebildete Lehrpersonen, welche die Jugendlichen unterrichten werden, mehrheitlich mit einer Zusatzausbildung für das Unterrichten von Deutsch als Zweitsprache.

Wie sieht der Tagesablauf aus?

Der Schulunterricht und das gemeinsame Kochen und Essen sind die Fixpunkte, die den Tag strukturieren. Zudem gibt es regelmässig Wohnsitzungen oder Abendveranstaltungen zu spezifischen Themen. In der Freizeit machen die Jugendlichen Hausaufgaben, erledigen «Ämtli», gehen ihren Interessen nach oder nehmen an Freizeitaktivitäten teil. Je nach Alter ist für die Jugendlichen um 22 Uhr oder um 23 Uhr Nachtruhe.

Welches sind die Herausforderungen bei der Betreuung von minderjährigen Asylsuchenden?

Die grosse Herausforderung ist, den Jugendlichen, welche auf der Flucht über eine längere Zeit keine Struktur hatten, wieder Sicherheit zu vermitteln. Dies ist möglich, indem sie einen geregelten Tagesablauf haben und stabile soziale Beziehungen aufbauen. Eine weitere Herausforderung ist die Sprache. Die Jugendlichen können zu Beginn kein Deutsch. Dies lernen sie aber meist relativ schnell, da der gesamte Schulunterricht auf Deutsch stattfindet.

Wann erfolgt der definitive Einzug?

Die ersten Jugendlichen ziehen im Verlauf des Sommers ein. Der genaue Einzugstermin ist noch nicht bekannt, der Einzug wird gestaffelt erfolgen. Nach den Sommerferien beginnt der Schulunterricht.

Haben Sie besondere Wünsche an die Zolliker Bevölkerung?

Dass die Einwohnerinnen und Einwohner den Jugendlichen mit einer gewissen Offenheit begegnen, gleich wie wenn andere Menschen zuziehen. Toll ist, wenn die Jugendlichen bei Interesse auch an sportlichen oder Freizeitaktivitäten in der Gemeinde teilnehmen können. Ich wünsche mir, dass das MNA-Zentrum einfach ein ganz normaler Bestandteil des Zolliker Lebens wird.

(Interview: ft)

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