Zollikon Zumikon

Balsam für Körper und Geist

Die Qigongstunde hat mich nicht nur vieles über meinen eigenen Körper gelehrt, sondern auch einiges über die traditionelle chinesische Medizin. Mehr Harmonie und weniger Stress wären ein angestrebtes Ziel.

Qigong – Als ich diesen klangvollen Namen in der Agenda des «Zumiker Treff» las, wurde ich neugierig. Vielleicht auch deshalb, weil ich gerade jetzt, an schönen Sommertagen, in Parks am See immer wieder Menschen beobachte, die in sich gekehrt, asiatische Übungen praktizieren. Um mehr über die mir fremde Bewegungskultur zu erfahren, melde ich mich also bei Kursleiterin Irène Erne an, die Qigong seit 25 Jahren unterrichtet, 20 davon im «Zumiker Treff».

Loslassen

Zusammen mit vier weiteren Frauen begebe ich mich in einen schönen, hellen Raum. Durch die Fenster sehen wir Baumkronen vor blauem Himmel und hören Kinderlachen vom nahegelegenen Sportplatz. Es ist ein Montagmorgen, an dem ich für einmal keinen gewöhnlichen Wochenstart erlebe: Auf Hockern lassen wir uns von Irène Erne anleiten, uns auf unser Atmen zu konzentrieren und unsere zig Tausend Gedanken mit den Wolken ziehen zu lassen. Das ist kein einfaches Unterfangen, wenn einem darin die Übung fehlt, und die Woche mit all ihren «To-do’s» eben erst angefangen hat. «Wir haben keinen Schalter, um unsere Gedanken einfach wegzuknipsen. Mit der Zeit wird sich jedoch jede Person meditativen Übungen hingeben können», wird mir Irène Erne nach der Lektion bestätigen. Nach ein paar Minuten gelingt es auch mir, die Abgabefrist für diesen Text sowie den inneren Einkaufszettel zu löschen und mich ganz auf die Übungen zu konzentrieren. Irgendwie schaffe ich es, meine innere Ruhe zu finden und «Lunge und Herz Raum zu schenken», wozu Irène Erne uns auffordert.

Körperhaltung und Beweglichkeit

Wir lösen uns von den Stühlen, lockern unsere Gelenke und konzentrieren uns unter Anleitung unserer Lehrerin auf unsere Haltung. «Bei Qigong achten wir stets darauf, die Statik unseres Körpers von unseren Füssen her aufzubauen. Wir lernen, die klare Ausrichtung unseres Körpers wahrzunehmen und diese wieder herzustellen, sollte etwas aus dem Alltag unsere Balance stören», erklärt sie. Sie zeigt uns, wie wir uns einen inneren Kanal vom untersten Akupunkturpunkt des Körpers bis zum obersten Akupunkturpunkt am Scheitel vorstellen können, durch den ein Teil unserer Energie fliesst. Indem wir uns auf die Anweisungen konzentrieren und uns den eigenen Energiefluss bewusst machen, sollte es gelingen, Blockaden im Energiefluss zu entfernen. «Mit der Anhäufung körperlicher und emotionaler Spannungen blockiert sich der Strom der Energie und der Lebenskraft – des ‹Qi› – in uns. Qigong regt wie die Akupunktur den Fluss von Qi in den Meridianen an und fördert damit die Selbstheilungskräfte», fügt Irène Erne an. Stimmt dazu die ­Atmung, sollten wir uns fern vom Alltagsstress ausgeglichen fühlen: «Indem wir jede Bewegung mit dem Atem koordinieren, lernen wir, tief zu atmen. Im Stress atmen wir heute nur noch kurz und oben in der Brust», betont Irène Erne. Sie fügt an: «Dank guter Körperhaltung und langsamen, bewussten Bewegungen, verbunden mit tiefem Atmen, können wir unseren Körper mit all seinen Organen in eine bessere Harmonie bringen.»

2000-jährige Tradition

Harmonie ist denn auch das A und O in der traditionellen chinesischen Medizin. Denn ihr therapeutisches Ziel ist es, das Gleichgewicht aller körperlichen Prozesse in ihrem Wandel zu erhalten oder dieses wiederzuerlangen. Qigong ist ein Teil dieser Medizin, die in China seit über 2000 Jahren ausgeübt wird. Chinesische Ärzte verschreiben ihren Patienten Qigongübungen, um Krankheiten vorzubeugen. Denn sie lösen Verspannungen, regen den Kreislauf an und aktivieren Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke. Den chinesischen Begriff Qigong kann man mit der «steten Arbeit an der eigenen Energie» übersetzen. Er setzt sich zusammen aus dem Wort «Qi» («tchi» ausgesprochen), das die bewegende oder vitale Kraft (Energie) bezeichnet, und aus dem Wort «Gong», das Arbeit oder das stete Bemühen bedeutet.

Ich merke: Mit der richtigen Haltung und unblockiertem Energiefluss ­lassen sich die kommenden Beweglichkeits- und Atmungsübungen viel einfacher durchführen. Mir wird bewusst, wie meine Bewegungen fliessender werden und mein Atmen ruhiger und tiefer wird. Erneut setzen wir uns auf die Hocker und widmen uns noch einmal der Meditation. Ich versuche, nicht wie ein Mehlsack dazusitzen, sondern aufrecht und doch locker den Anregungen unserer Lehrerin zu folgen. Wieder verbannen wir unsere Gedanken aus dem Kopf und konzentrieren uns darauf, wie die Energie unsere Hände und Füsse belebt. Jetzt fällt es mir schon einfacher loszulassen, und ich habe das Gefühl, mich langsam an Qigong zu gewöhnen. Doch die schwierigsten Übungen stehen mir noch bevor.

Die Kraft der fünf Tiere

Denn jetzt gilt es, unsere Körperspannung und Bewegungsmuster von denjenigen eines Kranichs oder Hirschs abzuleiten und für den eigenen Körper umzusetzen. «Macht das Sinn?», frage ich mich und hoffe, mich nicht total zu blamieren. Doch was ich erfahre, ist plausibel: Der Kranich zum Beispiel steht in der chinesischen Medizin für langes Leben. Dies aufgrund seiner langen Luftröhre, dank der er viel Sauerstoff aufnehmen kann. Er verkörpert zudem Grazie und Gleichgewicht; seine Flügel verleihen ihm Freiheit. «Klassisches Qigong lässt sich auf hundert verschiedene Arten üben. Zu den ältesten Übungen gehört dieses Spiel der fünf Tiere. Anmut, Kraft, Lebendigkeit und Gleichgewicht wird anhand von ­Bewegungsmustern des Bärs, des Kranichs, des Tigers, des Hirschs und des Affen gelebt», erklärt Irène Erne. So überträgt der Bär seinen Mut und die gute Verbundenheit mit der Erde (tiefes Bewusstsein) auf uns. Der Tiger ist Vorbild für die tiefe, innere Ruhe, aus der sich Reaktionsfähigkeit und Sprungkraft entwickeln kann. Der Hirsch steht für starke Bänder und Sehnen und somit für Lauffähigkeit und Ausdauer, und der Affe verkörpert Geschicklichkeit, Lebendigkeit und Fröhlichkeit. Ich mache mit, so gut es geht, und bin froh zu hören, dass diese Qigong-Übungen über mehrere Wochen geübt werden. So hat jede Teilnehmerin die Chance, an ihren Bewegungsabläufen zu feilen. «Qigong ist schön für den Körper: Man bewegt sich, aber es ist nie zu anstrengend, und die Konzentration ist ganz schön gefordert», lacht mich eine langjährige Qigong-Schülerin nach der Lektion an. «Sie hat es auf den Punkt gebracht», denke ich und bin wohlig entspannt und fit zugleich. (mpe)

 

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