Wenn es plötzlich einfach schwimmt ...

 

In ihm baden tut unsere Redaktorin von Kindsbeinen an. Ihn zu überqueren hat sie aber erst Jahre später geschafft. Ein Erfahrungsbericht über die 46. Zolliker Seeüberquerung.

Ich habe sie mir so oft vorgenommen, und doch noch nie geschafft. Über dreissig Jahre lebe ich nun schon an den Ufern des Zürichsees, habe etliche Erlebnisse, unzählige gemütliche Stunden, abenteuerliche Minuten und unvergessliche Momente am, im und auf dem See verbracht. Ihn zu überqueren war mir bisher jedoch vergönnt gewesen. Entweder stimmte das Timing nicht, war die Motivation woanders oder ich gewillt, aber das Wetter nicht. Letzten Sonntag war es nun soweit. Kurz vor acht Uhr morgens treffe ich in der Zolliker Badi ein, um an der 46. vom Schwimmclub Zollikon (SCZ) organisierten Zolliker Seeüberquerung teilzunehmen – endlich! Das Wetter ist, wie es der hiesige Sommer war: perfekt. Der Himmel wolkenlos, die Sonne strahlend, der See in seinen schönsten Farben glitzernd. Freundlich werde ich von den fleissigen Helferinnen und Helfern begrüsst. «Links anstehen, wer bereits angemeldet ist, rechts, wer sich nachmelden möchte.» Letztere Schlange ist beträchtlich länger, offenbar waren nicht wenige Kurzentschlossene dabei. Jeannine Pilloud, ehemalige Leistungsschwimmerin und heutige Chefin Personenverkehr bei den SBB, überreicht mir den elektronischen Zeitmesser, den es am Fussgelenk zu befestigen galt. Eine Premiere, klärte mich die Frau des SCZ-Präsidenten Marco Pilloud auf. Einen Kaffee und eine Banane später steht eine weitere an: Die Überfahrt der insgesamt 258 Teilnehmenden zum Mönchhof wird erstmals mit der MS Etzel und nicht mit kleineren Booten der Seeretter durchgeführt. Beinahe vergesse ich, wofür ich an diesem Sonntagmorgen aufgestanden bin. Der gemütlichen Fahrt ans linke Seeufer folgen Salsa-Klänge aus den Boxen des Restaurants Mönchhof, dem Startort unseres Vorhabens. Mein Gesicht der bereits kräftig scheinenden Morgensonne zugewendet, macht sich in mir eine Ferienstimmung breit, die jedoch bald einem mulmigen Gefühl weicht. Neben mir sitzen zwei weitere Teilnehmerinnen, die sich über Melkfett gegen die Kälte des Wassers, schmerzende Krampferscheinungen und die besten Schwimmpraktiken unterhalten. Melkfett? Krämpfe?? Schwimmpraktiken??? Weder habe ich mir Melkfett eingerieben, geschweige denn einen Gedanken daran verloren, noch mich mit Krämpfen auseinandergesetzt oder mir eine spezielle Schwimmpraktik antrainiert. Letzteres hätte ich vielleicht, wenn ich es denn könnte, doch da ich nur den Brustschwumm beherrsche, bleibt mir gar nichts anderes als dieser übrig. Während ich das den beiden, wie sich herausstellte schon sehr erfahrenen Teilnehmerinnen, erzähle, frage ich mich, ob ich das Ganze vielleicht etwas fahrlässig angegangen bin. Obschon ich mich als durchaus sportlich bezeichne, habe ich noch nie gemacht, was mir nun bevorsteht: 1,8 Kilometer zu schwimmen. «Teilnahmeberechtigt sind alle, die in der Lage sind, diese Strecke zu schwimmen», hiess es in der Ausschreibung. Da ich hin und wieder im Fohrbach ohne völlig ausser Atem zu kommen einen Kilometer zurücklege, zweifelte ich eigentlich nie an dieser Fähigkeit. Ein Fehler?

Der Tanz der Wellen

«Unterschätzt die Strömung nicht!» Marco Pillouds Worte kurz vor dem Startschuss sollen untermauern, was mir die beiden Teilnehmerinnen ebenfalls sagten: Ein Freibad ist nur bedingt mit dem See zu vergleichen. In der Tat scheint Zürichs See mit seiner tags zuvor stattgefundenen Streetparade noch immer mitzufeiern, die Wellen tanzen wie wild vor sich hin. Mein Durstgefühl, das sich kurz vor dem Start noch bemerkbar machte, wird alsbald gelöscht – nur wenige Meter im Wasser zurückgelegt, habe ich bereits Unmengen davon getrunken. Das Tagessoll von zwei bis drei Litern Flüssigkeit erreiche ich für einmal mühelos. Mein Kampf gilt aber nicht in erster Linie den Wellen, sondern vielmehr dem Sensor an meinem Fussgelenk, der sich aus mir unerklärlichen Gründen trotz fachgerechter Befestigung ständig zu lösen versucht.

Den Kirchturm im Visier

Die nächsten Minuten konzentriere ich mich auf die weiteren Worte Marco Pillouds: Zollikons markanten Kirchturm ebenso fixieren wie die vier Pappeln neben dem Schiffsteg – dazwischen befindet sich nämlich die Badi und somit das Ziel der Überquerung. Obschon ortskundig, bin ich um diese Anhaltspunkte dankbar, denn einmal im Wasser, sieht man bald nichts mehr anderes. Froh bin ich auch um die hilfsbereite Frau, die mir kurz vor dem Sprung ins kühle Nass meine Schwimmbrille mit einem sogenannten Fog-Spray – natürlich hatte ich auch davon noch nie gehört – eingesprüht hatte. Ein Segen – kein einziges Mal kämpfe ich wie sonst üblich mit beschlagenen Gläsern, meine Sicht ist so klar wie das Wasser! Und apropos kühles Nass: Der See weist eine perfekte Temperatur von 24 Grad auf, die keinerlei Kälteempfinden aufkommen lässt. Auch von Krämpfen keine Spur, ganz im Gegenteil: Schon nach einigen Minuten – es hätten allerdings auch Stunden sein können, mein Zeitgefühl hat sich längst verabschiedet – mache ich insbesondere eins: es geniessen! Es scheint, als passiere mir, was ich von Joggern schon so oft zu hören bekommen habe, sich bei mir aber nie einstellen wollte: Der Automatismus setzt ein, es schwimmt sich praktisch von alleine, die zurückgelegten Meter scheinen nur so vorbeizuziehen. Zunehmend spüre ich eine grosse Dankbarkeit, je länger ich mich im Wasser befinde. Denn während mich der sich in seiner schönsten Kolorierung präsentierende türkisfarbene See, die kräftigen Wellen und die tatsächlich vorhandene Strömung unweigerlich ans Meer erinnern, treten die zurzeit mediendominierenden Bilder von Flüchtlingen vor meinem geistigen Auge auf. Was für ein Privileg: Im krassen Gegensatz zum Mittelmeer, über das Zehntausende zu horrenden Preisen der Heimat entfliehen und sich so in grosse Lebensgefahr begeben, lasse ich mich zwecks sportlicher Betätigung kostenlos von meinem Wohnort wegfahren, um wieder zurückzuschwimmen, währenddessen mich zwecks Sicherheit Boote begleiten. Im Wissen, wie gut es uns geht, nähere ich mich allmählich Zollikon und ehe ich mich versehe, tauchen plötzlich die roten Sonnenschirme der Badi auf. Das Kursschiff nicht weit davon entfernt lässt mich zum Schluss kurz nervös werden. «Kursschiffe haben immer Vortritt», mahnen uns die Organisatoren noch, doch scheine ich mich zu überschätzen, hat das Schiff Zollikons Ufer doch längst wieder verlassen, als ich mich diesem nähere.

Perfekt wie der Sommer

Die Ziellinie befindet sich zum ersten Mal ausserhalb des Wassers. 00:45:01 zeigt der Bildschirm meine Zeit an. Ich staune nicht schlecht, gerechnet habe mit mindestens einer Stunde. Ich scheine eine ideale Linie erwischt zu haben, denn anders als viele Teilnehmende, die im Zielraum von ihrem Zickzackkurs berichten aufgrund des starken Windes, der Wellen und der Strömung, die selbst Marco Pilloud als die stärkste der von ihm miterlebten Seeüberquerungen bezeichnet, habe ich zumindest das Gefühl, ziemlich gerade gen Zollikon geschwommen zu sein. Das Badetuch – der Preis, den die schnellsten 50 Prozent der jeweiligen Kategorie erhalten ­– verpasse ich zwar um einen Platz oder drei Minuten, dafür habe ich eine tolle Erfahrung eines perfekt organisierten und sehr sympathisch durchgeführten Anlasses gewonnen. Die Zolliker Seeüberquerung ist der krönende Abschluss meines perfekten Sommers! (mmw)

 

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