Zumikon

Zukunft völlig ungewiss

In Zumikon regt sich Widerstand über die Abschiebung einer Familie. Die notwendigen Reisepapiere aus Kasachstan fehlen noch immer.

Vor mehr als drei Wochen wurde in Zumikon eine kasachische Familie mit sechs Kindern abgeschoben, die über vier Jahre in Zumikon lebte («Familie ausgewiesen», Ausgabe vom 11. November). Dagegen macht sich nun in Zumikon Widerstand breit. Es engagieren sich unter anderem Eltern ehemaliger Mitschüler. Anlass ist, dass die Familie in das Durchgangszentrum nach Adliswil gebracht wurde, wo sie zu acht in einem Zimmer lebt und es nicht ausreichend Schlafplätze gibt. Die Familie selber beklagt sich nicht, doch es steht zu befürchten, dass dieser Zustand sehr lange anhalten könnte.

Botschaft weigert sich

Im Normalfall geht man davon aus, dass abgewiesene Asylsuchende nicht lange in solchen Notunterkünften leben müssen, weil dort die Ausreise vorbereitet werden soll – doch genau das könnte bei dieser Familie anders sein: Ihre Reisepapiere hat sie bei der kasachischen Botschaft schon vor einiger Zeit angefordert, doch diese scheint kein Interesse daran zu haben, ihr solche Papiere auszustellen. Die Schweiz kann temporäre Reisepapiere ausstellen, die aber vom Einreiseland akzeptiert werden müssen. Auch diese Einwilligung fehlt noch.

«Eine anständige Familie wird aus dem Dorf gerissen, weggebracht und dazu gezwungen, auf allerengstem Raum beieinander zu leben», kommentieren Belinda und Kurt Stocken. Sie kennen die Familie über ihre Kinder, haben sich selber vor Ort ein Bild gemacht und möchten weiter Kontakt halten. «All dies geschieht ohne jegliche Gewissheit, ob dieser Zustand für viele Jahre anhalten wird», die Gesetzgebung müsse auf das Dringendste zumindest so angepasst werden, dass ein jahrelanges Ausharren in unmenschlichen Zuständen nicht mehr akzeptiert wird. Das Paar hofft, dass sich ganz Zumikon für die kasachische Familie einsetzen wird.

Drastischer formuliert das Veronique Dutli, die Deutschunterricht für Flüchtlinge abgehalten hatte: «Ich bin zutiefst erschüttert darüber zu erfahren, wie brutal und unmenschlich unsere Gesetze sind». Ihr fester Glaube an eine humanistische Schweiz habe sie in den letzten Wochen verloren.

Nach einem Gespräch mit der Asylorganisation Zürich AOZ wurde klar, dass diese nichts an dem Entscheid der Abschiebung ändern kann, da dieser auf Bundesebene gefällt wird. «Es war wohl naiv von uns zu glauben, dass die AOZ uns weiterhelfen könnte», formuliert es Veronique Dutli rückblickend.

Sorge um die Kinder

Aufgrund der Anfragen aus der Bevölkerung wurde der Vorsteher des Ressorts Gesellschaft, Christian Dietsche, aktiv und klärte ab, ob es eine Möglichkeit gäbe, zumindest zu erreichen, dass die Familie in Zumikon auf die Ausschaffung warten kann, anstatt dass die Kinder von der Schule und aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen würden. Doch auch dies wurde abgelehnt. «Ich persönlich und der gesamte Gemeinderat finden es absolut inakzeptabel, dass ein solcher Entscheid fünf Jahre dauert», unterstreicht er. Er habe sehr viele Mails, Anrufe und Briefe von Zumikern erhalten, die sich um die Familie und vor allem die Kinder sorgen. «Wir haben auf politischer Ebene als Gemeinde wirklich alles versucht, um die Situation zu entschärfen. Leider ohne Erfolg.» Weder das kantonale Sozialamt oder die «Ors Service AG» als Träger der Einrichtung konnten Angaben zur längst möglichen Verweildauer in einer Nothilfeeinrichtung machen.

Der einzige mögliche juristische Schritt, so die Asylgesetzgebung, wäre nun ein Härtefallgesuch, das nach fünfjährigem Aufenthalt in der Schweiz aus humanitären oder gesundheitlichen Gründen gestellt werden kann. (bms)

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