Zollikon

«Ein offenes Ohr und die Bereitschaft zum Dialog sind wichtig»

100 Tage im Amt – Zollikons neuer Gemeindepräsident Sascha Ullmann zieht eine erste Bilanz und sagt, welche Diskussionen zurzeit geführt werden, weshalb die Institution Gemeindeversammlung wieder mehr Werbung braucht und warum es ihm als Gemeindepräsident wichtig ist, eine direkte Ansprechperson zu sein.

Sascha Ullmann, wie haben Sie die ersten 100 Tage als Gemeindepräsident erlebt?

Es waren kurze hundert Tage für mich, was mit der dazwischenliegenden Sommerferienzeit zusammenhängt. Die Startphase habe ich sehr intensiv und positiv erlebt.

Dann sind Sie also gut im Gemeindehaus empfangen worden?

Sogar sehr, sowohl in der Verwaltung, als auch im Gemeinderat. Die Stimmung ist wohlwollend und ich geniesse es sehr, mit den Leuten arbeiten zu können. Ich nehme mir die Zeit, um für die verschiedenen Anliegen ein offenes Ohr zu haben.

Auf einer Skala von null bis zehn: Wo stehen Sie punkto Einarbeitung?

Ich stecke noch immer mitten drin. Die Intensität ist im Moment sicher bei zehn, denn ich will mir genügend Zeit für jedes einzelne Gebiet nehmen. Eine Hauruckübung liegt mir fern. Gestern besuchte ich beispielsweise das Betreibungsamt. Mit dem hatte ich bis anhin noch nie zu tun gehabt, und ich durfte für mich viel Neues lernen. Das Gemeindepräsidium ist ja ein «ongoing Job», der sich nicht von heute auf morgen erledigen lässt. Ich will die Verwaltung von Grund auf verstehen, will wissen, wer wofür zuständig ist und welche Aufgaben erfüllt werden müssen. Dabei bin ich immer wieder beeindruckt, was hier im Gemeindehaus alles geleistet wird.

Die Verwaltung aber kannten Sie doch bereits als Gemeinderat.

Natürlich. Dennoch erhalte ich als Gemeindepräsident einen anderen, einen neuen Einblick. Ich lerne neue Fachgebiete kennen, mit denen ich bis anhin nicht direkt zu tun hatte, deren Titel ich vielleicht kannte, mehr aber auch nicht. All diese Gebiete nun genauer kennen zu lernen, darauf freue ich mich sehr.

Als ehemaliger Feuerwehrkommandant und Gemeinderat kennt man Sie im Dorf schon gut. Wurden Sie auf der Strasse noch häufiger angesprochen nach der Wahl?

Die Wahrnehmung ist tatsächlich eine andere, ja. Die Leute kennen mich und sprechen mich häufiger an. Natürlich gibt es auch Sachen, die ich nur im Indirekten erfahre, aber ich merke, dass mein intensiver Wahlkampf Spuren hinterlassen hat und mein Gesicht nun bekannt ist. Diese Präsenz finde ich wichtig, weil ich den direkten Kontakt zur Bevölkerung suche. Das gefällt mir an der Kommunalpolitik, dass man so nahe am Puls der Bevölkerung sein kann und den Herzschlag der Gemeinde spüren darf.

Vergangene Woche ging der Zolliker Gemeinderat in Retraite. Warum?

Wir merkten schnell, dass die anstehenden Themen eine intensive Bearbeitung brauchen und wir uns neben dem Tagesgeschäft die Zeit nehmen wollten für das, was kommen wird. Wir haben die Aufgaben zusammengetragen, gruppiert, priorisiert und bei einzelnen Themen mit einer Vertiefung begonnen.

Die wichtigsten Themen dürften das Beugi-Areal und das ehemalige Pflegezentrum am See sein. Wo steht die Gemeinde bei diesen beiden «Baustellen?»

Natürlich waren wir beim Beugi rückblickend enttäuscht, dass das erarbeitete Projekt des Gemeinderates nicht durchgekommen ist. Es ist aber die Stärke unseres politischen Systems, von der Bevölkerung direkt zu erfahren, ob wir in eine akzeptierte Richtung arbeiten oder nicht. Nun heisst es vorwärts zu schauen und gemeinsam mit der Bevölkerung und den Initianten an neuen Lösungen zu arbeiten.

Mit den Initianten standen Sie bis anhin noch gar nicht in Kontakt?

Erste Kontakte bestehen durchaus. Sie müssen nun vertieft werden. Auch der Gemeinderat hat sich im Rahmen seines Workshops erste Gedanken zum weiteren Vorgehen gemacht. Es braucht nun die Bereitschaft, das Projekt unter den veränderten Rahmenbedingungen neu zu denken. Ich bin überzeugt, dass ein breites Interesse daran besteht, eine tolle Lösung für das Beugi-Areal zu finden.

Und wie sieht es mit dem ehemaligen Pflegeheim am See aus, aus dem die jungen Asylsuchenden im Sommer ausgezogen sind und welches seither leer steht? Welches sind hier die nächsten Schritte?

Auch hier hat sich der Gemeinderat bereits Gedanken gemacht. Als nächstes suche ich das Gespräch mit den Rekurenten, um ihre Erwartungen und Ideen zum Heinrich-Ernst-Fonds zu erfahren. Und mit dem Kanton sind wir in intensiven Gesprächen, um eine Übergangslösung bis zum nächsten Sommer zu finden.*

Mehr können Sie noch nicht sagen?

Nein, leider nicht. Es ist tatsächlich noch etwas früh. Bei solchen Verhandlungen ist es nun mal so, dass keine Zwischenresultate kommuniziert werden können.

Ebenfalls ungewiss ist die Zukunft einer weiteren Anlage: der Schwimm- und Sportanlage Fohrbach. Wie geht es dem Fohrbach?

Ich hatte bereits an der vergangenen Budgetversammlung angekündigt, dass wir uns Zeit für eine saubere Auslegeordnung nehmen wollen. Daran sind wir nun. Wir prüfen zurzeit intensiv, wie es mit der Anlage weitergehen könnte. Unser Ziel ist es, der Bevölkerung etwas vorzulegen, mit dem sie einen Richtungsentscheid fällen kann.

Was für Handlungsoptionen gibt es denn?

An diese Frage sind wir wie angekündigt sehr breit herangegangen: von der Schliessung, über eine ­Sanierung bis hin zum Neubau. Auch verschiedene Betriebsformen schauen wir uns an. Sobald unser Gesamtbild steht, werden wir die Diskussion aufnehmen und auch als Gemeinderat eine Empfehlung abgeben.

Können Sie schon etwas zu den Legislaturzielen sagen, wurden diese bereits festgelegt?

Auch diese waren natürlich Bestandteil unserer Retraite von vergangener Woche. Wir haben erste Ziele gesteckt, sind nun aber noch an der Feinarbeit. Die Zielformulierungen brauchen eine gewisse Präzisierung, damit sie auch greifbar sind. Bis Ende Jahr sollten sie aber klar definiert sein und werden danach – um allenfalls Ihre nächste Frage gleich vorwegzunehmen – auch kommuniziert.

Stichwort Kommunikation: Im Wahlkampf haben Sie oft betont, dass sich die Kommunikation der Gemeinde Zollikon verbessern müsse. Haben Sie bereits konkrete Schritte eingeleitet?

Allgemein gesagt will ich keine nette Hochglanzbroschüre, die beschreibt, wie die Gemeinde kommuniziert. Ich will die Kommunikation vielmehr im Alltag leben. Dazu gehört, dass wir als Gemeinderat präsent, greifbar und ansprechbar sind für die Bevölkerung. Wir Gemeinderäte sind die wichtigsten Botschafter. Als erste konkrete Massnahme werden ab Ende Oktober die Verhandlungsberichte konsequent bis spätestens eine Woche nach der Gemeinderatssitzung publiziert. Das schafft Transparenz.

Wie haben Sie bis anhin die Arbeit im Gemeinderat erlebt? Als einziger Grünliberaler haben Sie bestimmt keinen einfachen Stand.

Ich hatte in der Vergangenheit nicht das Gefühl, dass die Parteizugehörigkeit im Gemeinderat entscheidend ist. Das hat sich auch jetzt nicht geändert. Wir sind sieben Leute und alle haben ihre eigenen Ideen und Ansichten. Zusammen gilt es nun, diese zugunsten der Gemeinde zu bündeln. Da ist die Parteizugehörigkeit wirklich sekundär.

Dann gelingt es Ihnen, sich im von der FDP und SVP dominierten Gemeinderat Gehör zu verschaffen?

Warum auch nicht? Wir sind ein neues Team, in dem nicht nur das Präsidium neu besetzt wurde, sondern mit Silvie Sieger und André Müller auch zwei neue Gemeinderäte dazugekommen sind. Aus diesem Grund war auch der erwähnte Workshop wichtig und sinnvoll, denn er diente auch dem Kennenlernen und der Teambildung. Wir sind eine gute Crew und ich bin mir sicher, dass es uns gelingen wird, an einem gemeinsamen Strick zu ziehen.

Gibt es etwas, das Sie sich persönlich für Ihr neues Amt als Gemeindepräsident vorgenommen haben?

Ich möchte die Dinge erledigen, wenn ich das mal so sagen darf. Mir ist es wichtig, dass die grossen Themen nicht nur auf den Weg ­gebracht, sondern auch in die Tat umgesetzt werden können. Im Minimum sollen sie auf den Stand gebracht werden, der klar aufzeigt, welches der Fahrplan und die ­konkreten Schritte sind. Das ist eine grosse Herausforderung und braucht viel Energie. Doch ist dies für mich die Motivation und auch Befriedigung in meiner neuen ­Aufgabe. Wir sieben Gemeinderäte wollen schliesslich alle etwas bewegen und erreichen. Schön fände ich zudem, wenn es uns gelingen würde, mehr Leute an die Gemeindeversammlungen zu bringen. Es ist der Ort für gute Diskussionen und breit abgestützte Entscheidungen.

Sie haben nicht das Gefühl, dass an den Gemeindeversammlungen die Meinungen schon gemacht sind?

Nicht unbedingt. Gemeindeversammlungen sind für mich der Ort, an dem man die unterschiedlichen Meinungen noch unmittelbar erleben und sich mit ihnen auseinandersetzen kann. Es muss uns gelingen, wieder mehr Leute für die Lokalpolitik zu motivieren, damit die Institution Gemeindeversammlung auch wirklich gelebt wird. Zollikon hat ein interessiertes Publikum, das gerne und fair diskutiert und seine Meinungen darlegt. Ich bekomme immer wieder Rückmeldungen von Personen, die mir sagen, dass sie sich vor der Gemeindeversammlung noch keine Meinung gemacht hätten und diese genau aus diesem Grund besuchten, weil sie sich von den guten Argumenten überzeugen lassen möchten. Diese Urdemokratie sollte wieder gestärkt werden, und ich möchte Werbung machen dafür.

Gibt es Neues, das Sie einführen möchten?

Mir ist es ein grosses Anliegen, dass ich als Gemeindepräsident eine direkte Ansprechperson bin. Wer mit mir reden möchte, der darf sehr gerne einen Termin mit mir ausmachen und wir setzen uns zusammen. Das hat meine Vorgängerin mit fixen Sprechstunden gemacht. Ich mache keine solchen fixen Termine, sondern versuche einfach da zu sein, wenn man mich braucht. Ein paar solche Gespräche haben bereits stattgefunden. Sie sind für mich dann auch Quelle für Neues. Nicht alle Gespräche sind erfreulich und es wird auch einmal Dampf abgelassen. Für mich ist das okay, weil auch negative Rückmeldungen wichtig sind.

Sie sind der erste grünliberale Gemeindepräsident im Bezirk Meilen. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Für uns Grünliberale ist es natürlich eine Chance, dass wir nun auch ein Gemeindepräsidium innehaben. Es bindet unsere Partei noch stärker in die Exekutive-Verantwortung ein und bringt eine zusätzliche Qualität in die parteiinterne Diskussionen ein. Wenn es uns gelingen soll, vermehrt auch grünere Themen einzubringen, dann ist hier genau der richtige Ort: in den Gemeinden. Mir geht es nicht um Labels, sondern um die konkrete Umsetzung im Alltag. Bei einzelnen Projekten sollen die entsprechenden Technologien und Möglichkeiten angeschaut und besprochen werden. In Zollikon spüre ich eine Offenheit und Bereitschaft dazu.

*Anmerkung der Redaktion: Die Bekanntgabe der Zwischennutzung für das ehemalige Pflegeheim am See (siehe Front) erfolgte kurz vor Redaktionsschluss und somit erst im Anschluss an dieses Interview, das bereits Ende September geführt worden ist.

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