Zollikon

«Früher, begleiteter Umgang ist sinnvoll»

Alle reden vom neuen Lehrplan 21, bei dem ab der 5. Klasse das zusätzliche Fach Medien und Informatik hinzukommt. Wie gehen die Schulen den neuen Lehrplan an? Zollikon mit einem Grossprojekt, das von der Schule und der Gemeinde zum ersten Mal gemeinsam gestemmt wird: mit einem völlig neuen Konzept für Informations- und Kommunikationstechnologie, kurz ICT.

Der neue Lehrplan 21 wird in Zollikon nach den Sommerferien eingeführt – stufenweise, beginnend auf der Primarstufe, anschliessend folgt die Umsetzung auf der Sekundarstufe. Parallel zum neuen Lehrplan kommt die Schule mit einer komplett neuen Informations- und Kommunikationstechnologie daher. Bestanden bis anhin fixe Computerräume für die Oberstufe und pro Schulzimmer jeweils zwei bis drei Computer, welche die Schüler nach Bedarf nutzen konnten, wird nun aufgerüstet: Zusammen mit den Lehrergeräten werden 1100 neue Geräte angeschafft. Im Kindergarten wird mit vier iPads gearbeitet, ab der Primarstufe sind es windows-basierte Tablets – sogenannte Convertibles –, von denen jeder Schüler ab der fünften Klasse sein eigenes erhält. Ab der Sekundarstufe darf dieses mit nach Hause genommen werden.

Weshalb die Schule in der Informatik so aufgerüstet hat, darüber informierte sie zusammen mit der Gemeinde vor wenigen Wochen an einer Veranstaltung. Auf dem von Reto Brennwald moderierten Podium über die Herausforderungen der Digitalisierung war neben Schulleiter Stefano Caflisch, Toni Ritz, Direktor educa.ch, Gemeinderat (heute Gemeindepräsident) Sascha Ullmann und Projektleiter Peter Somm auch die Schulpflegerin Claudia Irniger vertreten. Sie hat das neue Konzept, mit welchem 2015 gestartet und welches noch im selben Jahr von der Schulpflege verabschiedet wurde, von Beginn weg begleitet. Mit dem Zolliker Zumiker Boten sprach die Sekundarlehrerin und Informatikerin darüber, weshalb die Schule keine Pflästerlipolitik betreiben will, wie sich die Aufgaben der Lehrpersonen verändert haben und weshalb das neue ICT-Konzept nur ein erster Schritt auf einem Weg ist, der konsequent weitergegangen werden muss.


Mit Claudia Irniger sprach ­Melanie Marday-Wettstein

Frau Irniger, die Schule Zollikon hat ein völlig neues ICT-Konzept entwickelt. Entstand dieses wegen des Lehrplans 21?

So absolut kann man das nicht ­sagen. Ursprünglich ging es uns darum, unsere Schwachstellen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien herauszufinden und zu beheben. Doch die Digitalisierung schritt voran und auch im Kanton wurde in dieser Zeit das Thema ICT für die Schule aufbereitet. Es ist ein umfassendes Musterkonzept erstellt worden, das den einzelnen Schulen als Leitfaden zur Bedarfsabklärung und Definition der ICT-Umgebung dienen soll. In derselben Zeit wurde auch der Lehrplan 21 verabschiedet. Es spielte also alles zusammen. Für uns war aber klar, dass wenn der neue Lehrplan kommt, dieser dann auch gleich in unserem Konzept berücksichtigt werden muss. Der Lehrplan 21 ist der erste Lehrplan, der Medien und Informatik so stark gewichtet. Deshalb ist er jetzt auch in aller Munde. Alle Gemeinden sind daran aufzurüsten, ansonsten der Lehrplan gar nicht umgesetzt werden kann.

Sie selber sind Sekundarlehrerin. Hat jeder Ihrer Schüler sein eigenes Tablet?

Ja, und die Schüler brauchen ihre Tablets tagtäglich – in sämtlichen Fächern. Dennoch ist es nicht so, dass die Schüler nur noch mit dem Computer arbeiten. Dieser ist ein Hilfsmittel und genau so soll es auch sein.

Aber braucht es wirklich schon iPads im Kindergarten?

Natürlich ist alles diskutierbar. Aber es geht darum, die Schule zukunftsfähig zu machen und die Schüler auf eine zunehmend digitalisierte Welt vorzubereiten. Kindergartenkinder sollen früh abgeholt und begleitet werden. Auch sollen sie durchaus schon merken, dass solche elektronischen Geräte nicht nur Spiel-, sondern eben ­Arbeitsgeräte sind. Heute kennen schon viele der Dreikäsehochs Smartphones, etc. und so finde ich einen frühen begleiteten Umgang damit durchaus sinnvoll. Es gibt wirklich gute Lern- und Spiel-Apps für die Kindergartenstufe, die mit Tablets wunderbar funktionieren und den Unterricht gut ergänzen. Die Faszination der Kinder für die Geräte ist definitiv da, dies lässt sich nicht mehr wegdiskutieren.

Nun führt Zollikon also ein umfassendes ICT-Konzept ein, das vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe für alle Stufen elektro­nische Geräte vorsieht. An der ­kürzlich stattgefundenen Informationsveranstaltung hiess es, die Schule wechsle von der Überlandstrasse auf die Autobahn. Weshalb diese Beschleunigung?

Wir hatten ein völlig veraltetes Informatikkonzept aus dem Jahr 2003. Seither ist in der Informatik enorm viel gegangen, es haben ­geradezu Quantensprünge stattgefunden. Es war höchste Zeit zu reagieren. Einerseits waren unsere Geräte in der Schule in die Jahre gekommen, das Netz war viel zu schnell überlastet und auch beim Thema Datensicherheit gab es viele Lücken. Andererseits hatten die Lehrpersonen zwar Geräte zur Verfügung, aber deren Nutzung war freiwillig, der Umgang und Einsatz also sehr unterschiedlich. Wir hatten wirklich überall Nachholbedarf. Es geht nicht darum, immer die neusten Geräte zu haben, aber ganz sicher wieder mithalten zu können und ein durchdachtes Konzept zu haben. Deshalb haben wir uns gesagt, dass wir keine Pflästerli­politik betreiben wollen, sondern von Grund auf ein neues Konzept erarbeiten, das sämtliche Bereiche abdeckt.

Für alle Schüler der Primarstufe werden Geräte angeschafft, zusammen mit den Geräten für die Lehrpersonen sind es über 1000 Geräte. Wofür werden die Convertibles konkret eingesetzt?

Die Schüler brauchen die Geräte vor allem für Recherchen, die Informationen werden heute klar aus dem Netz geholt, Duden und Lexika in Buchform benützt heute praktisch niemand mehr. Dann werden mit den Geräten in jedem Fach Präsentationen erstellt, bei Fremdsprachen werden spezielle Applikationen gebraucht, um Wörter und Begriffe zu lernen. Aber auch bei Natur- und Technik­fächern, in der Geografie und auch in der Hauswirtschaft kommen die Geräte zum Einsatz und natürlich im Medien- und Informatikunterricht. Also wirklich praktisch in jedem Fach.

Läuft man mit dem Einsatz von elektronischen Geräten im Klassenzimmer nicht Gefahr, dass sich die Kinder in erster Linie im weltweiten Netz orientieren statt an der Lehrperson?

Die Aufgabe der Lehrperson hat sich klar verändert. Ihre neue Aufgabe ist es zu zeigen, wie Informationen bewertet werden. Es geht darum aufzuzeigen, ob das aus dem Netz Geholte auch tatsächlich der Wahrheit entsprechen kann. Denn genau das nehmen die Schüler auch mit in ihren Alltag. Wenn sie sich beispielsweise einen Youtube-Film anschauen, dann müssen sie unterscheiden können, ob dieser der Realität entsprechen kann oder z.B. Fake News sind. Solche Diskussionen sollen von den Lehrpersonen geführt und angegangen werden. Meine Erfahrungen mit den Jugendlichen ist, dass sie sich häufig sehr schnell mit ­einer gefundenen Quelle zufrieden geben und ich dann mit ihnen das Gespräch suche, um zu zeigen, dass es vielleicht auch noch andere Quellen gibt, die untersucht werden sollten. Das Vermitteln des kritischen Auges gehört klar zu den Aufgaben der Lehrpersonen. Die Rolle der Lehrperson verändert sich stark, ich persönlich empfinde dies als einen grossen Gewinn.

Aber wie sieht es mit dem Faktor Zeit aus – haben die Lehrpersonen überhaupt die nötige Zeit dazu, alle Kinder und Jugendlichen digital angemessen zu begleiten?

Interessant sind natürlich auch die Diskussionen, die bereits unter den Schülern stattfinden. Denn sie tauschen sich untereinander ebenfalls darüber aus, wer was gefunden hat und warum das eine vielleicht glaubwürdiger ist als das andere. Es ist also nicht so, dass der Lehrer jede einzelne Information ­bewerten muss. Dieser Austausch untereinander soll von den Lehrpersonen gefördert werden. Am Anfang benötigt dies sicher viel Zeit, bald aber dürfte sich ein Automatismus einstellen. Und ab der Oberstufe finde ich, ist es klar, dass dies auch eine der Anforderungen ist, die an die Schüler gestellt werden kann: Sie sollen nicht einfach übernehmen, was sie gefunden haben, sondern auch hinterfragen, was sie tun.

Vor ein paar Jahren wurde noch der Fokus auf die starken Lernbeziehungen propagiert.

Dem ist so und ich sehe hierbei auch absolut keinen Widerspruch. Ich finde sogar, dass durch all die Diskussionen, die jetzt mit den Schülern geführt werden sollen – eben zum Beispiel darüber, warum etwas besser als das andere ist – noch stärkere Lernbeziehungen entstehen. Die Schüler beginnen, sich anders in die Diskussionen einzubringen und sie merken, dass die Lehrer nicht allwissend sind. Auch diese dürfen mal etwas nicht wissen und gemeinsam kann diese Wissenslücke dann erarbeitet werden. Dadurch entstehen gute und starke Beziehungen.

Welchen Stellenwert soll die ICT in der Schule erhalten?

Natürlich wünschen wir uns, dass die neue Infrastruktur auch genutzt wird. Das ist aber nur das Eine. Ich wünsche mir noch viel mehr, dass darüber nachgedacht wird, wie der Unterricht anders gestaltet werden kann mit den nun zur Verfügung stehenden Mitteln. Wie kann die Informatik gewinnbringend eingesetzt werden, um neue Lernformen einzuführen? Ich denke da an ­Tutorials, also an eine filmische Gebrauchsanweisung, aber auch ans Vernetzen mit anderen Schulen aus verschiedenen Kulturkreisen. Das sind erste Gedanken, sie werden aber nicht die letzten sein. Wir stehen erst am Anfang, es gibt unzählige Einsatzmöglichkeiten. Ich hoffe, dass in Zollikon diese Gedanken weitergetrieben werden und wir uns nicht nur mit der guten Infrastruktur zufriedengeben. Diese ist einfach mal der erste Schritt, nun müssen wir diesen Weg aber konsequent weitergehen.

Sie haben die neuen Lernformen angesprochen. Wird denn auch eine neue Lernsoftware angeschafft?

Gewisse Lernmaterialien gibt es bereits als Apps, aber es braucht sicher noch mehr. Ich erwarte schon, dass jetzt innerhalb des Lehrplans 21 auch in anderen Kantonen die ICT gepusht wird und neue Software und Apps kreiert werden. Auf den neuen Geräten wird ein Basis-Software-Paket zur Verfügung stehen, dazu gehören schon einige Lern-Apps. Aber hier werden noch viele weitere Entwicklungen stattfinden.

Welche Bildungsziele sollen mit der ICT erreicht werden?

Das Wichtigste ist, dass die Schülerinnen und Schüler einen kritischen Umgang mit der ICT lernen. Sie sollen verstehen, dass all diese elektronischen Geräte zwar helfen, aber eben auch Schaden bringen können. Die Veränderung der Risikobetrachtung ist gross, bis jetzt wurden Rangeleien und Mobbing-Geschichten auf dem Pausenplatz ausgetragen. Nun sind solche Geschichten aber sofort im Netz, werden innerhalb kürzester Zeit viral innerhalb der ganzen Welt weitergeschickt. Dieses neue Bewusstsein muss geschaffen werden, sowohl bei den Schülern als auch bei den Eltern. Denn diese Verantwortung kann nicht allein an die Schule abgetreten werden.

Die Eltern werden also klar miteinbezogen?

Ja, es ist ein paralleles Vorwärtsgehen. Die Eltern müssen realisieren, dass sie eine starke Verantwortung dafür haben, was die eigenen Kinder mit den Geräten ausserhalb der Schule machen.

Und welche Kompetenzen sollen die Kinder erwerben?

Der konkrete Umgang wie auch das Einschätzen von informatischen Mitteln: Wo bringen diese etwas, wo nicht und welches sind die ­Risiken, wenn die Geräte verwendet werden? Mir als Informatikerin ist aber auch wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen eine grundlegende Ahnung davon haben, was sie in den Händen halten. Sie müssen kein solches Gerät nachbauen können, aber verstehen, was dahintersteckt, das sollten sie schon. Denn sie sollen auch dessen Grenzen kennen. Ein Computer kann vieles, aber nicht alles. Ein kritisches Auge braucht es auch hier.

Nun sind die Infrastruktur und die Geräte das eine, der Umgang damit das andere – und ebenso der technische Support. Wie wird denn überhaupt sichergestellt, dass die Kinder die Geräte auch sinnvoll zu nutzen wissen?

Bei der Erarbeitung des neuen ICT-Konzeptes waren bereits einige Lehrpersonen mit einer Affinität zur ICT involviert. Ihre Meinung wurde also bereits früh und auf jeder einzelnen Stufe abgeholt und eingebunden. Nun muss aber ein zusätzlicher Schub von den Lehrpersonen kommen. Alle müssen sie sich auf einen ICT-Wissensstand bringen, um diese Geräte gewinnbringend im Unterricht einsetzen zu können. Was jetzt vielleicht einfach tönt, ist es mitnichten. Heute ist es nämlich nicht allzu selten der Fall, dass die Schüler bereits besser Bescheid wissen als die Lehrpersonen. Etwas vom ersten wird nun also sein, dass die Lehrerinnen und Lehrer sich weiterentwickeln und weiterbilden.

Haben diese Weiterbildungen bereits stattgefunden?

Ja, aber die Weiterbildungen sind nur das eine. Es gibt auch noch
eine neu geschaffene Rolle, die sich «PICTS» nennt: pädagogischer ICT-Support. Diese Lehrer beschäftigen sich eben genau damit, wie die Informatik sinnvoll eingesetzt werden kann und welches die nächsten Entwicklungsschritte sind. Diese PICTS, die es auf jeder Stufe gibt, übernehmen die führende Rolle, um diese Entwicklungen in Gang zu bringen und die Lehrpersonen im tagtäglichen Umgang mit ICT zu unterstützen

Sie sagten, dass die Geräte Arbeitsgeräte sein sollen und keine Konsummittel. Wie soll das erreicht werden?

Wir sind daran, Nutzungsbestimmungen auszuarbeiten. Natürlich werden wir aber auch die Eltern einbeziehen. Hierfür braucht es zwingend eine gute Kommunikation und Information, um das Verständnis zu schaffen, welche Partei – also die Schule wie die Eltern – wofür verantwortlich ist. Es muss aber auch klar sein, wie die Erwartungshaltung daherkommt. An meinem Arbeitsort in Wetzikon ist es beispielsweise so, dass wir einen Verhaltenskodex haben, der sowohl von den Eltern wie von den Schülern unterschrieben wird. Ich denke, einen solchen wird es auch in Zollikon geben.

Wie aber soll mit einem frei verfügbaren Internet verhindert werden, dass auf dem Pausenplatz beispielsweise Pornos und Gewaltvideos geschaut werden?

Die Netzwerke der Schule sind mit einer Firewall geschützt. Diese hat neben der Sicherung des Netzes vor Malware und Viren auch einen Jugendschutz aktiviert. Die elektronischen Geräte der Schule sind so, solange sie im Schulnetz eingebunden sind, geschützt. Smartphones, die über das Mobile Netz laufen, profitieren jedoch nicht davon. Das bleibt im Bereich der Eigenverantwortung der Schüler, da können wir als Schule wenig machen.Es gibt auch Schulhäuser, bei denen die schuleigenen, elektronischen Geräte nicht in die Pause mitgenommen werden dürfen. Dies ist bei uns in Wetzikon der Fall. Das muss in der Nutzungsbestimmung geregelt werden.

Budgetiert wurden 521 000 Franken für die ICT-Geräte der Schule pro Jahr. Welche Kosten kommen noch dazu?

Es kommen noch die Supportkosten dazu, die zusammen mit der Gemeinde getragen werden. Die Gemeinde übernimmt in Zukunft Unterhalt und Support der Lösungen und stellt uns diese Arbeiten dann in Rechnung.
 

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