Zollikon

«Der Gemeinderat muss sich mit immer neuen und komplexeren Themen auseinandersetzen»

Katharina Kull-Benz war die erste Frau, die das Zolliker Gemeindepräsidium bekleidete. Ende Juni tritt sie nach 28 Jahren Lokalpolitik ab. Vier Jahre war sie in der Schulpflege, 12 Jahre lang Schulpräsidentin und ebenfalls 12 Jahre Gemeindepräsidentin. Die Freisinnige blickt zurück auf ihre Anfangszeit und sagt auch, was sie heute anders machen würde.

Mit Katharina Kull-Benz sprach Melanie Marday-Wettstein

Katharina Kull-Benz, Sie haben 280 Gemeinderatssitzungen geleitet und durch 31 Gemeindeversammlungen geführt. Mögen Sie sich noch an Ihre erste Gemeindeversammlung vor 12 Jahren als Präsidentin erinnern?

Sogar noch sehr gut! Damals wurde für den Bau des Freizeitdienstes im Zollikerberg an meiner ersten Gemeindeversammlung als Präsidentin der Kredit gesprochen. Ebenso wurde die Aufhebung des Schiessplatzes Rehalp mit seinen schwer kontaminierten Böden bewilligt.

Ihr Start war damals nicht einfach. Sie wechselten vom Schulpräsidium, das damals noch nicht im Gemeinderat vertreten war, direkt ins Gemeindepräsidium, das zum ersten Mal in die Hände einer Frau gelegt wurde. Nicht überall hatte man Freude an Ihnen.

Das stimmt, auch zogen die Schule und der Gemeinderat damals noch nicht am selben Strick, es wurde viel Geschirr zerschlagen. Doch diese Geschichten sind mittlerweile längst begraben und müssen nicht hervorgeholt werden. Der Wendepunkt kam für mich mit der Zukunftskonferenz 2007, das war ein erster Schritt einer Annäherung für alle Seiten. Meine eigene Partei stand dieser Idee kritisch gegenüber, im Anschluss durften wir aber alle feststellen, dass sie gut und richtig war.

Blicken wir noch etwas weiter zurück. Ihr Vater war der erste freisinnige Gemeindepräsident in Herrliberg und FDP-Kantonsrat. Sie sind mit der Politik gross geworden, welche Diskussionen fanden am Familientisch statt?

An die Themen mag ich mich nicht mehr erinnern, aber daran, dass wir um halb eins Uhr mittags immer zusammen die Nachrichten gehört haben, um informiert zu sein. Politik war in unserem Haus immer ein Thema, also absolut nichts Spezielles für uns Kinder.

Nun treten Sie aber nicht nur als Gemeindepräsidentin ab, sondern verzichten Ende Legislatur 2019 auch auf eine erneute Kandidatur für den Kantonsrat. Verbleiben werden Sie aber im Kirchenrat. Ist ein Leben ohne Politik überhaupt vorstellbar für Sie?

Nein, nicht wirklich. Die politische Arbeit hat mir und macht mir nach wie vor viel Freude. Im Kirchenrat kann ich meinen ganzen Rucksack aus der politischen Arbeit anwenden. Auch in der Kirche sind die Finanzen und die Infrastrukturen grosse Herausforderungen, die wir anpacken müssen. Dabei kann ich von meiner Erfahrung, aber auch meinem Netzwerk aus dem Kantons- wie dem Gemeinderat zehren und profitieren.

Mit dem Amt als Kantonsrätin und jenem der Gemeindepräsidentin haben Sie stets verschiedene Hüte getragen. Wie gut haben sich die beiden Ämter ergänzt?

Sehr gut. Es fiel mir nie schwer, die verschiedenen Hüte zu tragen. Im Kantonsrat war es mir immer wichtig, den Hut der Gemeindepräsidentin soweit zu tragen, dass es schlussendlich für beide stimmt – für den Kanton wie für die Gemeinde. Denn genau solche Lösungen müssen gefunden werden. In einer Kantonsratskommission ist es sicherlich hilfreich, wenn man weiss, wie die Exekutive funktioniert. Und in der Exekutive gibt es einen Wissensvorsprung und eine gute gesetzliche Grundlage aus dem Kantonsrat. Diese beiden Seiten habe ich immer sehr geschätzt.

Und gibt es etwas, das Sie bedauern?

Oh ja. So bedauere ich die heutige Polarisierung im Kantonsrat sehr. Wenn eine politische Idee aus der falschen Ecke stammt, wird sie oftmals nicht mehr der Sache wegen mitgetragen, sondern wird sie aus rein ideologischen Gründen bekämpft. Die Konkordanz in der Demokratie lebt nicht mehr, aber das ist auch auf nationaler Ebene so.

Und wie sieht es auf der kommunalen Ebene aus, was hat sich hier seit 1990 verändert?

Veränderungenerfolgen heute in immer kürzeren Zeiträumen. Die Mitglieder des Gemeinderates müssen sich daher ständig mit immer neuen und oft komplexen Themen und Aufgaben auseinandersetzen und neue Lösungen für die eigene Gemeinde entwickeln, oft auch gemeinsam mit externen Fachleuten. Dies verlanget ein sehr hohes zeitliches Engagement und die Bereitschaft jedes einzelnen Ratsmitgliedes, als Teamplayer und nicht als Einzelkämpfer einen Beitrag zu leisten.

In Zollikon liessen sich dieses Frühjahr nicht mehr Kandidaten für den Gemeinderat finden, als Sitze zu vergeben waren. Ist dies eine Folge davon?

Ja, das denke ich durchaus. Unser Milizsystem kommt an seine Grenzen. Die Belastung für die Exekutivmitglieder nimmt nicht nur zeitlich zu, wie bereits erwähnt, werden die Aufgaben auch immer anspruchsvoller und komplexer. Zudem werden heute Entscheide immer häufiger angefochten, heute herrscht oft eine «Rechtsmitteldemokratie», die Schwelle für ein Rechtsmittel ist enorm tief geworden.

Ist das ein zollikerspezifisches Problem?

Nein, gar nicht. Es hat bestimmt auch damit zu tun, dass Bürgerinnen und Bürger heute viel besser informiert sind. Auch sind sie kritischer, ihre Ansprüche an den Dienstleister Gemeinde sind gestiegen, die Lösungen werden rasch erwartet. Als ich angefangen habe, war der Grundtenor in der Verwaltung, dass der Zolliker froh sein sollte, dass er von uns etwas bekommt. Das mussten wir schnell kehren, denn die Verwaltung hat als Dienstleister für Zollikon da zu sein und nicht umgekehrt.

Und ist dies gelungen?

Ja, ganz bestimmt. Aber natürlich steht auch die Verwaltung vor immer neuen Herausforderungen. Insbesondere auch die Digitalisierung – ein Stichwort ist hier beispielsweise E-Government – bedingt die laufende Erneuerung der Arbeitsmittel und Abläufe. Ich kann aber sagen, dass wir in den letzten zwölf Jahren zahlreiche Anstrengungen unternommen haben, um die internen Abläufe zu verbessern und zu vereinfachen und auch die Mitarbeitenden auf die sich immer schneller verändernden Bedingungen und neuen Anforderungen vorzubereiten. Wir sind laufend daran, die Dienste für die Zolliker Bevölkerung zu erweitern und zu optimieren.

Welches war das grösste Projekt, das Sie in Ihren zwölf Jahren als Gemeindepräsidentin anzupacken hatten?

Das grösste Werk war das Wohn- und Pflegezentrum Blumenrain. Bei meinem Antritt 2006 hatte ich mitbekommen, dass im Vorfeld bereits vieles geplant worden war. Diese Projekte, Abklärungen und Unterlagen holten wir wieder hervor, mussten aber schliesslich bei null beginnen. Nicht einmal sind wir bei einem demokratischen Entscheid gescheitert, das war schon ein grosser Erfolg.

Was denken Sie war hierbei das Erfolgsrezept, verglichen mit der erst kürzlich erfahrenen Nieder­lage rund um die Überbauung des Beugi-Areals?

Damals ist es uns gelungen, die Bevölkerung von Anfang an mitzunehmen. Wir konnten die Zolliker überzeugen, dass wer heute in ein Pflegeheim eintritt, nicht mehr mobil ist und deshalb der Standort nicht mitten im Zentrum sein muss. Zum Beugiareal möchte ich mich im Moment nicht äussern. Ich bedauere, dass wir es nicht besser geschafft haben, die Bevölkerung von unserem Gemeindeprojekt zu überzeugen. Ich bin froh, dass die Abstimmung noch in dieser Amtszeit über die Bühne ging, sodass der neue Gemeinderat nun weiss, was seine Aufgabe ist, und diese angehen kann.

Kamen Sie während Ihrer langen Amtszeit mal an einen Punkt, an dem Sie am liebsten den Bettel hingeworfen hätten?

Nein, sonst wäre ich nicht mehr hier. Es war mir immer klar, dass es Rückschläge gibt und auch bei der Budgetablehnung vor sechs Jahren war mir von Beginn an bewusst, dass wir da durch müssen, auch wenn die Situation äusserst schwierig war. Ferienlager mussten gestrichen werden, die ganze Bürokratie generierte unheimliche ­Kosten, aber der Bürger hatte es so gewollt, also mussten wir entsprechend handeln.

Aber mal laut werden mussten Sie bestimmt hin und wieder.

Eigentlich bin ich kaum aus der Ruhe zu bringen. Wenn aber in ­einer Diskussion oder Begegnung Anstand, Toleranz oder Respekt verloren gehen, kann ich schon sehr deutlich werden.

Gibt es rückblickend etwas, das Sie heute anders machen würden?

Den Wettbewerb für das neue Schulhaus Oescher hatten wir damals offen gestaltet – was zur Folge hatte, dass wir 75 Wettbewerbsteilnehmer und eben so viele Modelle erhielten und prüfen mussten. Das würde ich heute nicht mehr so machen. Für die Jury mussten wir in die Zivilschutzanlage, nirgends sonst hatten wir Platz. Der Aufwand war enorm. Beim Blumenrain hatten wir einen zweistufigen Architekturwettbewerb durchgeführt, das wäre sicherlich auch damals effizient gewesen. Dass schlussendlich mit Harder Spreyermann ein Architektenteam aus Zollikon gewann, war natürlich sehr erfreulich.

Was bleibt Ihnen sonst in Erinnerung?

Die Einführung der Schulleitungen, denn sie war ein riesiger «Hosenlupf». Ich erinnere mich sehr so gut an all die Samstage, die wir im Schulhaus Buechholz verbracht und äusserst intensiv diskutiert ­haben. Wir waren eine der ersten Gemeinden im Kanton, die Schulleitungen einführte. Also eine Pilot­gemeinde, so wie wir es bei Einführung des neuen Rechnungslegungsmodells HRM 2 auch wieder waren. Solche Versuche habe ich immer gerne angepackt, ich finde es gut, wenn man neue Wege geht, etwas wagt und ausprobiert.

Sehr anspruchsvoll war auch die Teilausgliederung der Werke am Zürichsee mit der Schaffung der neuen Netzanstalt, denn sie war sehr komplex.

Neue Wege wird vielleicht nun auch der neue Gemeinderat gehen: Das erste Mal seit mindestens 60 Jahren wird das Zolliker Gemeindepräsidium nicht mehr in den Händen der Freisinnigen liegen.

So ist es. Hierbei möchte ich aber klar sagen, dass die Mehrheit einer Partei innerhalb eines Gemeinderates nicht unbedingt eine Vereinfachung mit sich bringt. Es können durchaus Schwierigkeiten auftreten, wenn die Meinung der Gegenseite fehlt, wie wir dies in jüngster Vergangenheit erfahren mussten.

Dann würden Sie es begrüssen, wenn mehr Parteien im Gemeinderat vertreten wären?

Auf jeden Fall. Ich bin immer gut damit gefahren, Meinungen Andersdenkender abzuholen und einzubinden. Man soll seinen Gegenspieler auch ganz klar in die Verantwortung nehmen. Ich bedauere es, haben sich keine Personen ausserhalb des bürgerlichen Kreises finden lassen, die sich für den Gemeinderat aufstellen liessen.

Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit als Gemeindepräsidentin mit?

Den Kontakt mit den Zollikerinnen und Zollikern. Wer ein politisches Amt ausführt, muss Menschen ­gerne haben. Auch wenn es mal Auseinandersetzungen gibt, unterschiedlichste Meinungen auf­ein­an­dertreffen und intensiv diskutiert werden muss: Man darf solche Meinungsverschiedenheiten nicht persönlich nehmen, es geht ums Amt und nicht um die Person. So habe ich all die verschiedensten Kontakte immer sehr geschätzt, hatte aus diesem Grund auch die Sprechstunden eingeführt, welche ich immer als sehr wertvoll empfand.

Was wünschen und raten Sie Ihrem Nachfolger Sascha Ullmann und dem neuen Gemeinderat?

Ich wünsche Ihnen eine positive, gute Zukunft. Wie gesagt finde ich, dass unser Milizsystem an seine Grenzen kommt, der Gemeinderat ein immer anspruchsvolleres und komplexeres Amt wird. So wünsche ich Ihnen, dass sie durchhalten mögen, die nötige Energie und den nötigen Schnauf haben. Und rate ihnen, über den Tellerrand von Zollikon hinauszublicken.

Und was wünschen Sie Zollikon?

Zollikon möchte ich an dieser Stelle nicht etwas wünschen, sondern mich vielmehr bedanken. Nicht nur bei meinen Kollegen im Gemeinderat für die gute Zusammenarbeit und bei der Verwaltung für die ­loyale, fachkundige Unterstützung, sondern auch bei den Zollikerinnen und Zollikern für das Vertrauen, das sie mir in dieser langen Zeit entgegengebracht haben.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Eines meiner wertvollsten Gremien war der leitende Ausschuss des kantonalen Gemeindepräsidentenverbandes. Dort kann man wirken. Willt der Regierungsrat ein neues Gesetz oder Vorgehen lancieren, kommt er zu uns und die Diskussionen können beginnen. So zum Beispiel aktuell beim Jagdgesetz, wonach die Jagd kantonalisiert werden sollte. Wir setzen uns dafür ein, dass die Jagd eine kommunale Sache bleibt. Also haben wir in unserer Vernehmlassungsantwort das Gesetz zurück an den Absender geschickt, worauf der Regierungsrat über die Bücher ging und das ­Gesetz so anpasste, dass wir nun dahinterstehen können. Solche Erfahrungen sind sehr wertvoll. Diesen Austausch, der nicht in erster Linie von politischer Rivalität geprägt war, schätze ich sehr und werde ihn vermissen.

 

Zur Person

12 Jahre lang präsidierte Katharina Kull-Benz die Gemeinde Zollikon. Erstmals als Präsidentin gewählt wurde die studierte Betriebswirtschafterin und Mutter zweier Kinder 2006, als sie bereits über einen reichen Erfahrungsschatz auf kantonaler Ebene verfügte. 16 Jahre lang war die Freisinnige Mitglied der Schulpflege, die sie 12 Jahre präsidierte und danach direkt und als erste Frau das Gemeindepräsidium übernahm.

Seit 2003 sitzt sie im kantonalen Parlament, aus welchem sie Ende ­Legislatur 2019 ebenfalls ausscheiden wird. Weiterhin aktiv ist sie im Kirchenrat der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, in den sie vor drei Jahren gewählt wurde. Seit 1998 ist sie zudem im Stiftungsrat und Mitglied des leitenden Ausschusses des Diakoniewerks Neumünster, seit letztem Jahr steht sie dem Stiftungsrat als Präsidentin vor. Nebst ihren zahlreichen Aufgaben und Ämtern im Kantonsrat und im Kirchenrat freut sich Katharina Kull-Benz, nun wieder mehr Zeit für die Familie zu haben.

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