Zollikon

«Was ist unsere grosse Vision?»

Daniele Ganser beschäftigt sich am 29. April im Zolliker Gemeindesaal mit der Verbindung von erneuerbarer Energie und dem Frieden. Im Vorfeld spricht der Historiker, Energie- und Friedensforscher über die Abhängigkeit von Energie und warum das 21. Jahrhundert das Jahr­hundert der grossen Herausforderungen ist.

Mit Daniele Ganser sprach Claudia Eberle-Fröhlich

Ist das Projekt energieeffizientes Kochen in Ihren Augen sinnvoll?

Daniele Ganser: Auf jeden Fall. Wir müssen im 21. Jahrhundert überlegen, wie wir schonend mit Rohstoffen umgehen. Die Weltbevölkerung wächst. Sie ist innerhalb von 200 Jahren von einer Milliarde auf sieben angestiegen. Das ist ein Nettowachstum von 80 Millionen Menschen pro Jahr. Rohstoff geht uns alle etwas an. Das heisst, wenn wir in Afrika die Verwendung von Holz reduzieren, stärken wir die Nachhaltigkeit. Vor Ort werden ganz speziell die Frauen unterstützt. Es hat sich einfach gezeigt, dass sie weniger korrupt sind.

Ist Nachhaltigkeit in Afrika damit auch ein Gender-Thema?

Indirekt schon. Die Frauen sind dort für das Kochen zuständig und haben damit die Kontrolle über die Energiequelle. Ausserdem denken Frauen in langfristigen Zyklen. Das ist auch eine Erfahrung aus der Mikro-Kreditvergabe.

Ist Energie mittlerweile eine Weltwährung?

Definitiv ja. Energie ist der Bezugspunkt für alle Lebewesen. Wir brauchen Energie in Form von ­Kilokalorien jeden Tag. Wenn wir keinen Strom zum Kochen oder Heizen haben, fehlt uns etwas. ­Haben wir kein Öl für Benzin oder Diesel, haben wir ein Problem. Wir sind abhängig von Energie. Daher müssen wir uns einfach den erneuerbaren Energien öffnen. In der Schweiz werden durch diese erst 20 Prozent des Gesamtbedarfs abgedeckt.

Kann erneuerbare Energie denn zu Stabilität beitragen?

Davon bin ich absolut überzeugt. Ich selber habe Solarzellen auf dem Dach, nutze den Sonnenstrom, um mit meiner Erdsonden-Wärmepumpe das Haus zu heizen, und be­treibe damit auch mein Elektro-Auto mit 380 Kilometer Reichweite. Manchmal hab ich zu viel Sonnenstrom, dann speise ich ihn ins Netz ein. Manchmal hab ich zu wenig, dann beziehe ich aus dem Netz Strom aus Wasserkraft. Das System funktioniert 100% erneuerbar. Es wird in der Schweiz immer mehr Leute geben, die einen ähnlichen Weg gehen wollen. Letzten Endes ist das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der grossen Herausforderungen. Wir müssen uns doch fragen, was unsere grosse Vision ist. Was wäre, wenn Geld, Zeit und Macht keine Rolle spielen würden? Was wäre der Idealzustand? Viele würden sich für erneuerbare Energien und gegen die Atomkraftwerke einsetzen.

Wieso ist Nachhaltigkeit ein Beitrag zum Frieden?

Wir müssen uns bewusst sein, dass in letzter Zeit vor allem ölfördernde muslimische Länder bombardiert worden sind. 2003 hat man den Irak bombardiert. Dafür gab es keinen Auftrag vom UNO-Sicherheitsrat. Das war illegal. Wenn wir das Geld, das in die Rüstung geflossen ist, umlenken in erneuerbare Energien, hätten wir eine bessere Gesellschaft. Aber die Geldflüsse laufen zurzeit so, dass die Rüstungsindustrie daran kein Interesse hat. So hat beispielsweise allein das Pentagon ein Jahresbudget von 600 und das von allen NATO Staaten von 900 Milliarden Dollar.

Aber nicht nur muslimische Länder haben viel Öl, sondern zum Beispiel auch Russland und südamerikanische Länder. Dort gibt es keinen Krieg.

Die USA bombardiert sich nicht selber. Russland wird nicht bombardiert, weil es eine Atommacht ist. Bei Afghanistan, Libyen und Syrien sieht das anders aus. Es ist ein klares Muster, dass vor allem muslimische Länder bombardiert werden.

Somit ist das Öl der alleinige Grund?

Nein. Jeder Konflikt ist multikausal. Dahinter steckt auch immer noch ein Dogma, wenn eine Menschheitsgruppe überzeugt ist, dass ihre Gedanken richtig sind und die anderen falsch liegen. So einen Konflikt hat es auch in der Schweiz schon gegeben, als die Katholiken gegen die Protestanten losgezogen sind, auch ohne Öl. Heute haben wir das Interesse der Nato-Staaten, die die Rohstoffe der Welt kontrollieren wollen. Denn sie geben vor, wie die Wirtschaft funktioniert.

Kommen wir in unsere Region. Kann lokale Politik aktiv werden?

Die Schweiz hat die Aufgabe zu zeigen, dass ein anderer Weg sich lohnt. Es gibt ja die sogenannten Energiestädte, in denen öffentliche Einrichtungen mit erneuerbaren Energien unterhalten werden. Es müsste zusätzlich noch mehr Info-Veranstaltungen geben. Wir wollen ein ganzes System verändern. Das wird dauern.

Zumikon hat das Label Energiestadt eben abgelegt. Auf der anderen Seite gibt es gerade bei uns viele Menschen, die privat motiviert sind. Sollte nicht die Eigeninitiative unterstützt werden?

Es geht nicht um ein Entweder-oder. Wir sollten die einzelnen Bürger abholen, in der Breite noch mehr informieren und unterstützen, wenn sie bereit sind, ihr Geld zu investieren. Auf jeden Fall keine Steine in den Weg legen für Massnahmen zur Gebäudeisolation oder zur eigenen Stromproduktion auf dem Dach. Mittlerweile gibt es vermehrt den sogenannten Prosumer: Menschen, die selber Energie herstellen und parallel auch konsumieren. Wir sind an dem Punkt, an dem die Preise für Solarzellen und auch für Elektromobilität fallen. Ein grosses Thema ist die Speicherung von Energie. Gerade in dem Bereich werden in den kommenden zwanzig Jahren grosse Fortschritte erzielt werden.

Im Mai wird in der Schweiz über das Energiegesetz abgestimmt. Worauf hoffen Sie?

Natürlich bin ich für die Energiestrategie. Doch am Ende hat das Volk recht. Wir müssen nur bedenken, dass wir jetzt die Weichen für die Zukunft unserer Kinder stellen. Das 21. Jahrhundert wird als Ereignis das ausdrücken, was unser Bewusstseinszustand ist. Dahinter stecken immer auch Lernkreisläufe. Das kann man in der Schweiz beim Thema Frauenstimmrecht sehen. Dort war der Zeitraum von «Das geht doch gar nicht» bis zu «Das ist doch selbstverständlich» gar nicht so gross. Dasselbe gilt bei der erneuerbaren Energie: Viele denken, zu 100 Prozent erneuerbar sei nicht möglich – da bin ich ganz anderer Meinung, aber es braucht noch Zeit bis dahin.

Es gibt aber auch immer wieder den Vorwurf, dass Solarstrom nicht per se sauber sei. Darin steckt ja auch die Produktionsenergie, oder?

Nach zwei Jahren sind die Kosten der grauen Energie für die Solarzellen wieder kompensiert. Danach gibt es für die folgenden 18 bis 30 Jahre Strom gratis. Ich habe auf jeden Fall noch nie eine Rechnung von der Sonne bekommen. Wenn jemand sagt, es gehe nicht, so stecken da möglicherweise finanzielle Interessen dahinter und weil er es gar nicht machen will. Das passiert bei vielen menschlichen Prozessen, dass gesagt wird, es gehe nicht. Da passt der viel zitierte Spruch: «Alle sagten: Das geht nicht! Da kam einer, der wusste das nicht, und hat’s einfach gemacht.»


Samstag, 29. April, 16 Uhr, Gemeindesaal Zollikon. Türöffnung 15 Uhr, Tickets gibt es an der Tageskasse. Die Veranstaltung wird organisiert von der Fröhlich Info AG, Herausgeberin der Zolliker Zumiker Bote, und ADES Solaire, die sich für energie­sparendes Kochen in Madagaskar einsetzt.

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