Zollikon

Stolpersteine, Frauenquoten und Mentalitätsunterschiede

Was treibt Frauen an, was bremst sie aus? Darüber diskutierten Regierungsrätin Silvia Steiner, Kantonsratskandidatin Claudia Hollenstein, Kantonsrätin Nina Fehr Düsel und Kantonsratskandidatin Marianne Zambotti-­Hauser (v.l.) unter der Moderation von Marco Huber. (Bild: mmw)

Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) sowie die Kantonsratskandidatinnen Claudia Hollenstein (GLP), Nina Fehr Düsel (SVP) und Marianne Zambotti-­Hauser (FDP) debattierten in Zollikon über Frauen und warum diese vielerorts in Wirtschaft und Politik noch immer in der Minderheit sind – 48 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts.

Der Wahlkampf für den Zürcher Regierungs- und den Kantonsrat ist in vollem Gang. Vergangene Woche hielt er auch im Gemeindesaal Zollikon Einzug, wo eine amtierende Regierungsrätin und drei Kantonsratskandidatinnen – davon eine Bisherige – miteinander diskutierten. Und für einmal ging es nur um sie: Die vier bürgerlichen Frauen debattierten über Frauen. Über Frauen in der Politik und in der Wirtschaft.

Im Bundesrat waren mit der Wahl von Simonetta Sommaruga 2010 erstmals vier Frauen in der Regierung vertreten, zum ersten Mal gab es eine Frauenmehrheit. Ansonsten sind Frauen in der eidgenössischen Politik massiv untervertreten – im Nationalrat macht ihr Anteil einen Drittel aus, im Ständerat aktuell nur 15 Prozent. Das gleiche Bild zeigt sich in vielen Kantonsregierungen. Zürich stellt diesbezüglich eine Ausnahme dar mit aktuell drei Frauen im siebenköpfigen Gremium. Sollten die bisherigen Frauen wiedergewählt und Natalie Rickli gewählt werden (mehr zu den Kandidierenden siehe Box), käme es zum zweiten Mal überhaupt zu einer Frauenmehrheit im Zürcher Regierungsrat. Dass 48 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts noch immer die alte Leier «Politik ist Männersache» gelte, befand Moderator Marco Huber, Redaktor des Zürcher Oberländers, bei seiner Begrüssung als seltsam und zeigte sich auch etwas erstaunt darüber, dass er als Mann die Frauenrunde leiten durfte. Darauf übergab er das Wort Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP), die zum Einstieg ins Thema fünf Thesen präsentierte über Frauen im Berufsleben. Aus eigener Erfahrung wisse sie, wie hoch die Hürden für berufstätige Frauen seien, sagte die Bildungsdirektorin. Deswegen sei es ihr ein Anliegen, dass Frauen Fuss fassen könnten in Spitzenpositionen. Damit dies gelinge, sei einerseits die familiäre Situation entscheidend, aber auch, dass die Arbeitgeberschaft in der Pflicht stehe. Flexibilität sei auch bei ihr dringend gefragt, nicht nur bei den Arbeitnehmerinnen. «Frauenförderung fängt in der Betriebskultur an», hielt die Regierungsrätin fest. Ebenso brauche es aber auch Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen förderten und endlich die Erkenntnis, dass Frauen einen Mehrwert brächten. «Frauen müssen sich aber auch ganz konkret bestärken, haben die meisten doch andere Anspruchshaltungen an sich selber als Männer, die sich oft deutlich mehr zutrauen», schloss die CVP-Politikerin ihr Referat.

Vorbilder sind wichtig

Fünf Thesen, auf welche die vier Podiumsteilnehmerinnen im Verlauf des Abends immer wieder zurückkamen. «Frauen müssen sich mehr beweisen und besser vorbereitet sein als männliche Kollegen», befand etwa Kantonsrätin Nina Fehr Düsel, die erneut kandidiert. Dass sie, wie der Moderator anmerkte, im Bezirk Meilen neben einer weiteren Frau und zehn Männern auf der frauenfeindlichsten Liste stehe, konnte die Küsnachterin nicht in Abrede stellen. Sie hielt aber fest, dass sie sich in ihrer Partei, der SVP, immer gut aufgehoben fühle. «Ein Generationenwechsel ist im Gang und ich bin sicher, dass ein Umdenken stattfinden wird.» Es sei nun mal aber auch so, sagte Kantonsratskandidatin Marianne Zambotti-Hauser, die Mitglied der eidgenössischen Frauenkommission ist, dass es schwierig sei, Frauen im mittleren Lebensdrittel Alter für Politik zu interessieren und zum Mitmachen zu bewegen. Vom Generationenwechsel sprach auch sie: Ihre Hoffnung liege in der aktuellen Studierendenbewegung. «Gut möglich, dass man junge Frauen dadurch mehr aktivieren kann», sagte die Meilemerin. Ein wichtiger Faktor, befand Regierungsrätin Silvia Steiner, seien auch Vorbilder. Diese zeigten, wie politische Kommunikation auch aussehen kann, würden doch viele Frauen ebengenau von dieser abgeschreckt: «Frauen müssen zeigen, dass es auch eine Streitkultur gibt, die nicht verletzend ist.» Auch die Stäfner Gemeinderätin Claudia Hollenstein bekräftigte die Wichtigkeit der Vorbilder. Einigkeit zwischen den vier Politikerinnen herrschte auch bei der abschliessenden und schon fast obligaten Frage des Moderators nach der Frauenquote. Alle vier sprachen sich dagegen aus. Silvia Steiner räumte aber ein, dass es wohl kein daran Vorbeikommen gebe, sollte es noch lange dauern. Überhaupt sei sie manchmal etwas frustriert, dass «wir noch nicht so weit sind, wie wir sein könnten.» Und auch Claudia Hollenstein befand, dass die Frauenquote diskutiert werden müsse, wenn alles andere nichts nütze.

Geschlechtslose Bewerbungen

Anders sah dies das Publikum, das zwar mit gerade mal knapp einem Dutzend Anwesenden – darunter auch ein paar Männer – nur spärlich erschienen war, sich aber aktiv in die anschliessende Fragerunde einbrachte. «Die Diskussion hat keine neuen Gesichtspunkte gebracht verglichen mit der Zeit vor 35 Jahren», meinte eine Zuhörerin. Aus Enttäuschung sei sie deswegen voll und ganz für Frauenquoten. Eine andere pflichtete ihr bei. Sie wäre gerne eine «Quotenfrau», sagte sie: «Ich wäre dann ja nicht alleine, sondern im Gremium mit mehreren Frauen, und genau das braucht es.» Eine Lösung fände sie auch blinde Bewerbungen, die ohne Foto und Angabe des Geschlechts eingereicht würden. Sie sei überzeugt, dass Frauen dadurch viele Türen geöffnet würden. Zu Wort meldete sich auch Reto Agosti, Gründer und Chefarzt des Kopfwehzentrums Hirslanden, der der Diskussion beiwohnte. In seiner Praxis erlebe er den Mentalitätsunterschied der Geschlechter gleich beim Eintreffen seiner Patienten. Männer würden sogleich den Autoschlüssel auf das Pult knallen und die Ärmel zurückkrempeln, um die Sicht frei auf die glänzende Rolex-­Uhr zu geben. Frauen seien da viel zurückhaltender. Auf die Frage, was sie arbeiteten, antworteten sie häufig lediglich mit: «Im Büro.» Er wünschte sich, Frauen würden mehr zeigen, wer sie sind und was sie können. Zeigen, wie es im Kanton Zürich mit den Frauen weitergeht, wird sich am 24. März. Die Chancen stehen gut, dass zumindest die Regierung in Frauenhand liegen wird. (mmw)

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