Zollikon

Gemeinsam gegen die Einsamkeit

Marlies Youssef, ehemalige Geschäftsführerin und Personalchefin, leitet seit mehr als sechs Jahren die Vermittlungsstelle des Besuchsdienstes Zollikon. Sie macht dies mit viel Lebenserfahrung und feinem Gespür für Menschen.

War es ein Zufall, dass ihr das Inserat im Zolliker Boten sogleich aufgefallen ist? Jedenfalls wusste sie sofort: Diese Teilzeitstelle beim Besuchsdienst wäre jetzt genau das Richtige für sie. Und tatsächlich, es war ein Glücksfall, nicht nur für sie, sondern auch für Zollikon. Hauptanliegen des Besuchsdienstes ist die Vermittlung zwischenmenschlicher Beziehungen gegen die Vereinsamung. Um dies erfolgreich zu tun, gilt es, die richtigen Leute zusammen zu bringen. Nicht alle Paarungen passen. Nicht jeder Besuch ist gleich willkommen – passt es aber gut, ist es ein wahres Geschenk für beide, Besucher wie Besuchte. Das wusste Marlies Youssef seit langem. Nicht von ungefähr hatte sie weitere sieben Jahre zuvor mit einer Partnerin ein Stellenvermittlungsbüro für Gastronomie eröffnet, welches lange Zeit gut lief. Erst mit der Verlagerung vieler Stellenangebote ins Internet war ihre Dienstleistung weniger gefragt. Dass Vermitteln ihre Stärke ist, hat sie aber bereits viel früher entdeckt: Nach der Schule war sie  sehr unschlüssig gewesen. Doch als ihre Mutter empfahl: «Geh doch und schau, verlieren kannst du nichts dabei!» war diese Lehrstelle tatsächlich genau die richtige für sie. Sie spürte es sogleich. Die Lehrmeisterin und deren Mann, der nebenan eine Schreinerei führte, waren cool. Die drei verstanden sich auf Anhieb. Und das Beste:  Marlies Youssef wurde von Beginn an alles zu- und anvertraut. Schon während des ersten Lehrjahres liess das Ehepaar die Lehrtochter allein den Laden schmeissen und  gleichzeitig auch noch die Offerten der Schreinerei bearbeiten. Dass sie alsbald die Abendhandelsschule besuchte, war die direkte Folge davon.

Von Spanien bis Nordamerika

Von da an lief es beinahe wie am Schnürchen. Im Kino sah sie den Werbefilm der Hotelfachschule Lausanne, und obwohl lange Wartelisten sie erst abschreckten, wurde unversehens ein Platz an der Hotelfachschule Luzern frei, den sie dank blitzschneller Entscheidung bekam. Je drei Monate Küche, Service, Backoffice, Management, Praktika im Ausland, Wintersaisons in den Bergen, Sommersaisons in Südengland und die Arbeit an der spanischen Mittelmeerküste nahe Barcelona. Das Hotellerieleben gefiel ihr. Auch wenn nicht alles lustig war und vieles sehr streng, packte sie alles mit Elan an. Und lernte und lernte!
Und dann, wieder ein Inserat! In der Hotelrevue diesmal: Servicepersonal für die Expo 67 in Montreal gesucht! Sie meldete sich, fuhr hin, bereiste Kanada und die USA. Und vielleicht wäre sie noch länger herumvagabundiert, hätte ihr älterer Bruder ihr nicht gesagt, sie verschwende ihr Talent, es sei nun an der Zeit an die Karriere zu denken. Was er sagte, hatte Gewicht. «Wieso auch nicht?» dachte sie und nahm sofort eine Stelle als rechte Hand der Geschäftsführerin in einem grösseren Gastronomiebetrieb an der Zürcher Bahnhofstrasse an. Ihre Aufgabe war unter anderem die Führung der 42 Mitarbeiter. Es lief gut, und so dauerte es nicht lange und sie wollte sich selbst als Chefin versuchen. Erst führte sie ein Hotel in Klosters, später auf Anfrage der UBS hin das marode Hotel auf dem San Bernardino samt Bergrestaurant, das es bis zur Sanierung in Schwung zu halten gab. Als «junge Frau aus der Stadt» musste sie die Dorfbevölkerung erst erobern, was ihr aber mit ihrer frohen Art und einer Einladung zu einem Apéro riche gelang. Trotzdem: Sie wollte nicht für immer in den Bergen bleiben. Es zog sie zurück in die Stadt. Gut vernetzt über die Hotelfachschule öffnete sich Tür und Tor dazu schnell. Sie musste sich nicht mal bewerben, sie wurde angefragt und schon war sie Personalchefin im Kongresshaus. 110 Festangestellte, 60 Teilzeitaushilfen, drei Restaurants, viele Events – das war nach ihrem Geschmack! So sehr, dass sie selbst während ihres Sabbaticals nicht ruhen mochte, sondern sich, um weiter zu lernen, gerne in einem Hilton-Betrieb umsehen wollte.

Kairo statt Berlin

Es war wohl Schicksal, dass sie, die erst dem Hilton Berlin zugeteilt worden war, plötzlich gebeten wurde, ins Hilton Kairo zu wechseln. Sie freute sich aufs Abenteuer. Und es wurde eins: Denn in Kairo lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen. Und das veränderte vieles. Plötzlich stand die Karriere an zweiter Stelle. Lange diskutierten sie beide, ob es besser sei, in der Schweiz oder in Ägypten zu leben, entschieden sich für die Schweiz. Hamed Youssef, der in Ägypten Betriebswirtschaft studiert hatte, begann in der Fleischabteilung der Migros Genossenschaft Herderen und wurde  stellvertretender Abteilungsleiter im Nonfood-Marketing. Marlies Youssef verliess das Kongresshaus und wechselte  zur SV–Group. Sie wurde Betriebsleiterin verschiedener Personalrestaurants. Mitte 30 meldete sich der Kinderwunsch. Dass sie dadurch weniger Geld zur Verfügung haben würden, da war sich das Ehepaar einig, war kein Argument dagegen. «Zu viel Stress aber schon», warnte der Frauenarzt, als ihm Marlies Youssef den Wunsch verriet und sagte: «Frau Direktor, wenn Sie wirklich je Kinder wollen, gönnen Sie sich Ruhe!» Und so tat sie, was der Arzt ihr dringlich empfohlen hatte: Sie kündigte.

Glück und Unglück

Das Glück war ihr hold. Sie wurde bald schwanger. Dies aber änderte alles nochmals. Denn Sohn Karim kam drei Monate zu früh auf die Welt. Er brauchte seine Eltern voll und ganz. Ein Jahr lang war die Prognose für sein späteres Leben ungewiss. Dann durften sie erleichtert aufatmen. Es würde alles gut werden! Weiteres Glück folgte: Zweieinhalb Jahre nach Karim kam Samira zur Welt und Marlies Youssef richtete sich als Vollzeit-Mutter und Hausfrau ein. Karriere und Familie, so wie sie sich sie wünschte, hätte sie nimmer mehr unter einen Hut gebracht. Froh ist sie, das sie so gehandelt hat. Denn das Glück dauerte nicht lange genug. Aus heiterem Himmel heraus war es zu Ende. An einem Fest brach Hamed Youssef zusammen, war sofort tot. Was für ein Schock. Die Kinder waren erst acht und gut zehn Jahre alt. Alle drei versuchten sie, in ihrer Trauer die schwierige Lage zu meistern. Es schweisste sie noch enger zusammen, als sie es eh schon waren. Sie taten und tun ihr Bestes. Heute leben die beiden nun erwachsenen Kinder in ihren eigenen Wohnungen, Marlies Youssef alleine, doch nicht einsam. Einsamkeit und Untätigkeit passen nicht zu ihr. Gerne stellt sie ihre Fähigkeiten anderen zur Verfügung. Und so hat sie sich erst kürzlich neben dem Besuchsdienst noch einen weiteren Job angelacht: Für eine Immobilienfirma, die Zwischennutzungen organisiert, sucht sie die passenden Untermieter aus. Zufällig hat sich das ergeben. Nachdem sie auf Anfrage einer Frau telefonisch eine Referenz erteilte, sagte sie spontan, falls Bedarf wäre, würde sie diese Arbeit interessieren. Zwei Tage später durfte sie sich vorstellen und hatte einen neuen Job, tut auch da, was sie gerne und gut kann: Passendes zusammensetzen. (db)

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