Zollikon

Von Frankreich über Japan nach Zollikon


Corinne Roy ist eigentlich eine Globetrotterin – nun in der Schweiz sesshaft geworden, ist sie mit den Gedanken doch in Kambodscha.

In ihren Sätzen taucht immer mal ein «Alors» oder auch ein «Attends» auf. Corinne Roy ist eben Französin und das hört man sofort. Geboren wurde sie in der «schönen» Stadt Cognac, direkt neben der «wunderschönen» Stadt Bordeaux. Aber eigentlich ist sie Weltenbürgerin. Mittlerweile hat es sie nach Zollikon verschlagen, doch der Weg dahin verlief alles andere als gradlinig. Zum Studium ging sie nach Paris. Natürlich. Doch das war noch nicht weit genug weg. Mit einem Austauschprogramm reiste sie als Studentin nach Kansas in den USA. In Frankreich hatte sie sich eigentlich auf das Fach Wirtschaft konzentriert. In Amerika lernte sie viele Journalismus-Studenten kennen – und verliebte sich in den Zweig. Zurück in Paris widmete sich also dem Journalismus und fing anschliessend bei der internationalen Nachrichtenagentur AFP an. So durfte sie in der aufregenden Zeit der deutschen Wiedervereinigung in Berlin arbeiten. «Die Öffnung der Mauer zu erleben, war grossartig. Einfach umwerfend», erinnert sie sich. Sie war hautnah dabei, als die ersten Menschen aus Ost-Berlin einfach so über die Grenze marschieren durften. Doch ihre Verbindung zu Deutschland wurde noch intensiver. Von Berlin aus ging sie nach Frankfurt, wo sie ihren späteren Mann Clemens Högl kennenlernte. Als die AFP Corinne Roy anschliessend nach Genf versetzte, ging dieser kurzerhand mit. «Als mein Mann später nach Zürich beordert wurde, folgte dann ich ihm», lacht die Französin. Sie zügelten also in das beschauliche Stäfa. «Genau die richtige Umgebung für Kinder.» Sie erinnert sich, wie Sohn und Tochter mit ihren orangenen Chindsgi-Bändeln los marschierten. «Die Kinder haben hier so grosse Freiheit und gleichzeitig so eine Sicherheit. Das ist einfach toll», unterstreicht sie mit viel Gestik. Irgendwann war dem Ehemann auch Stäfa noch zu weit weg von Zürich und so zog die Familie vor zwei Jahren nach Zollikon. «Die erste Begegnung hier hatte ich mit zwei wundervollen Menschen, die bei der Hauptsammelstelle arbeiten. Die waren so positiv, so voller Energie und so freundlich. Ich habe mich sofort willkommen gefühlt», weiss sie noch genau.

Erinnerungen an Singapur

Doch die Zeit, die sie am meisten geprägt hat, war ein Jahr in Singapur. «Ich glaube, es gibt keine Woche, in der wir uns nicht an diesen Aufenthalt erinnern.» Ehe ihr Mann seinen Dienst im Singapurer Büro antreten und die Kinder dort in die Schule mussten, rief das grosse Abenteuer. Auf Tahiti wurden die Fischer beobachtet, in Japan konnten sie mit einem Überlebenden von Hiroshima reden und dann ging es auf eine winzig kleine Insel, die noch nicht mal Frischwasser hatte. «Das mussten wir mit einem Kanu von der Nachbarinsel holen», weiss Corinne Roy noch. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie sich als Präsidentin des jungen Vereins «Seed of small beginnings» engagiert. Der gemeinnützige Verein arbeitet daran, unter anderem ein kleines Dorf namens Bech Khlok in Kambodscha mit Trinkwasser zu versorgen.
Grundsätzlich ist es Ziel des Vereins, die Situation notleidender Kinder in Kambodscha zu verbessern. Aber gerade dieses winzige Dorf, das auf keiner Karte verzeichnet ist, liegt Corinne Roy besonders am Herzen. Sie zeigt Bilder des Tümpels vor Ort. Die Menschen waschen dort ihre Wäsche und sich selber, die Kühe trinken dort und hier wird ebenfalls Wasser zum Kochen und Trinken geschöpft. Das war bis vergangenem Jahr so. «Jetzt konnten wir an der Schule drei Bio-Sandfilter installieren», freut sie sich. Auch zwei neue Klassenzimmer wurden eröffnet. Die alten hatten von Termiten zerfressene Holzwände, ein Wellblechdach und einen Sandboden. Nun gibt es eine grosse Tafel, vernünftige Bänke und Tische und sauber gemauerte Wände. «Als dort gestrichen wurde, waren die neuen Böden mit alten Zeitungen aus Deutschland abgedeckt worden. Die Kinder haben stundenlang dort gehockt und sich die Bilder angeschaut.» Nein, es gibt keine Zeitungen in Bech Khlok. Vom Internet ganz zu schweigen. Auch einen Briefträger gibt es nicht. Und doch schafft es Corinne Roy, dass ihre Schulklasse – inzwischen ist sie Französischlehrerin geworden – im Austausch mit den Schülern aus Kambodscha steht.

Keine Zeitung, kein WhatsApp

Für die Sekundarschüler der Schule Terra Nova in Feldmeilen heisst das aber auch, dass sie auch mal monatelang auf eine Antwort warten müssen. «Im Zeitalter von Whats­App ist das eine besondere Erfahrung», weiss Corinne Roy. Was ihr bei der Arbeit für «Seeds of small beginnings» besonders wichtig ist: Jeder Spender weiss genau, was mit dem Geld passiert. So haben die Schüler aus Feldmeilen im vergangenen Jahr einen Pausenkiosk angeboten. Die erwirtschafteten 200 Franken schickten sie nach Bech Khlok und finanzierten mit dem Geld die drei Bio-Sandfilter. Als sie dann die Fotos davon sahen, wurden sie ganz ruhig. Die Vorstellung, kein sauberes Wasser zu haben, ist in der Schweiz einfach sehr weit weg. Erstaunt lasen sie auch die Briefe von den Kindern aus Kambodscha. Die schrieben ganz einfach von ihrem Alltag. Wie sie morgens vor der Schule den Eltern helfen. Wie sie nach der Schule wieder mitanpacken oder eben Wasser holen. «Meine Schüler haben gerne geantwortet und auch Fotos gemacht. Doch von dem neuen Smartphone, der Spielkonsole oder auch dem Tablet war nichts zu sehen oder zu lesen. Vielmehr erzählten sie davon, wie sie mit dem Hund spazieren gehen, im See schwimmen oder Fussball spielen», weiss Corinne Roy.
Dem Dorf, das nur jenseits der Regenzeit über einen kleinen Weg zu erreichen ist, geht es eindeutig besser mittlerweile. Sogar zwei Toiletten konnte der Verein bauen. Die ersten im ganzen Dorf. Aber der Verein will jetzt nicht weiterziehen, sich das nächste arme Dorf suchen. «Wir möchten dort weitermachen, die Situation langfristig verbessern», betont die Zollikerin. Weitere helfende oder gebende Hände sind da natürlich willkommen. (bms)

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