Zollikon

«Ein Tag ohne Tanz wäre kein normaler Tag»

Schweizermeister im Latein-Tanz, Schweizer Vizemeister in den Disziplinen Standard und Zehntanz – der 13-jährige Zollikerbergler Mikhail Pikulin erobert zusammen mit seiner ebenso jungen Tanzpartnerin April Hoffmeister das Tanzparkett der Junioren.


Mikhail «Mischa» Pikulin feilt an seinen Tanzkünsten während über 20 Stunden pro Woche – am Abend nach der Schule sowie am Wochenende. «Nach Schule und Training bleiben mir rund eineinhalb Stunden, bis ich zu Bett gehe. Diese Zeit reicht mir völlig aus, um Hausaufgaben zu machen oder zu lernen und um abzuschalten, indem ich beispielsweise Filme auf YouTube schaue», erzählt der 13-jährige Mischa. Im August 2016 ist er – aus beruflichen Gründen seines Vaters – zusammen mit der Familie aus St. Petersburg in den Zollikerberg gezogen. «Am Anfang habe ich schon gestaunt, dass wir hier das Wasser direkt aus dem Hahn trinken können. Auch wie die Gemeinde ihre Bewohner aktiv unterstützt, beeindruckt uns. Vieles wird einem hier ermöglicht», ist der Sekundarschüler überzeugt. Positiv nahm er auch seine ersten Begegnungen mit seinen neuen Klassenkameraden in der Schule Buchholz wahr. «Während ich in Russland wegen meines Tanz-Hobbys gehänselt wurde, bewundern mich meine Mitschüler hier. Das hat mich sehr gefreut», betont Mischa.

Tanzen als Heilungskur

Zu tanzen angefangen hat er bereits als Fünfjähriger. Und zwar auf Rat eines Arztes hin, den er wegen Halswirbelproblemen konsultierte. Reiten, Schwimmen oder Tanzen würden helfen, hiess es. Doch ­Reiten kam wegen Mischas Pferde-­Allergie nicht in Frage. Und da er bereits Schwimmunterricht nahm, reizte es ihn, das Tanzen auszuprobieren. Die Halsprobleme verschwanden, und der junge Russe rutschte je länger je mehr in die Welt des ambitionierten Tanzens. «Ich wusste nicht, was professionelles Tanzen bedeutet. Doch meine Trainer und die Eltern bestärkten mich und meinten, dass ich Talent für den Tanz hätte», freut sich Mischa. Daher wechselte er von der ersten Tanzschule in St. Petersburg rasch in einen Tanzclub, wo ausschliesslich ambitionierte Junioren trainierten. «Nach dem Umzug nach Zürich war es jedoch nicht einfach, nahtlos weiterzumachen. Denn im Gegensatz zu Russland gibt es hier nur wenige Tanzschulen für Junioren und ganz wenige Tanzpaare in meinem Alter», erzählt der junge Tänzer. Im Club Dance Unlimited (DUZ) fand er schliesslich das ideale Umfeld, um mit anderen ehrgeizigen Paaren zu trainieren, und lernte April Hoffmeister aus Zug kennen. Die gleichaltrige Tänzerin, welche die achte Klasse einer internationalen Schule in Steinhausen (ZG) besucht, ist ebenso zielstrebig wie Mischa und hat ebenfalls russische Wurzeln. «Wir passen also perfekt zusammen», strahlt Mischa. So trainieren sie praktisch jeden Tag gemeinsam während ein bis zwei Lektionen in Standard oder Latein mit nationalen, manchmal auch mit internationalen Trainern, feilen an den Schritten, an der Ästhetik, am Ausdruck und an der Eleganz. Danach folgt Einzel- oder Ausdauertraining. An den Wochenenden und vor Wettkämpfen ist das Training noch etwas intensiver. Ihr Haupttrainer Daniel Steinmann, der mehrfache Schweizer Meister und Semifinalist bei der Weltmeisterschaft in Latein, ist dann ebenfalls gefordert. «Ein Tag ohne Tanzen wäre kein normaler Tag. Tanzen gehört wie die Schule dazu», erklärt Mischa. Die Leidenschaft fürs Tanzen sei ihm einfach so zugefallen. Weder Eltern noch Grosseltern hätten je getanzt. Seine um zwei Jahre jüngere Schwester sei jedoch ebenfalls bereits vor einiger Zeit vom Tanzvirus infiziert worden.

Internationale Spitze als Ziel

Mischa ist seinen Eltern dankbar, dass sie alles für ihn organisieren. «Meine Mutter ist eine wahre Managerin. Ich selbst bin nicht gut organisiert», gibt er zu und behauptet gar, auch nicht besonders diszipliniert zu sein. «Es ist wie bei jeder anderen Sportart auch: Nur wer regelmässig trainiert, wird gut. Und woher meine Energie dafür kommt, weiss ich nicht. Vielleicht vom Stillsitzen und Zuhören in der Schule?», überlegt Mischa, der bei der Ankunft in der neuen Heimat kein Wort Deutsch sprach und sich jetzt dank der Zusatzstunden in Deutsch als Zweitsprache ohne Probleme unterhalten kann. «Beim Tanzen kann ich meine Energie loswerden», fügt er strahlend an. Und dies wahrlich mit Erfolg: In lediglich 21 Monaten haben er und April es geschafft, sich aus der Anfängerklasse (Kategorie K) bis in die hohen Juniorenklassen (Kategorien C und B) in Standard und Latein ­hineinzutanzen und an Wettkämpfen zu reüssieren. So holten sie sich in diesem Jahr bei der Schweizer Meisterschaft im Zehntanz (fünf Standardtänze und fünf Lateintänze) Anfang September den zweiten Rang. An den darauf folgenden Schweizer Meisterschaften Ende September in Chiasso, bei der Standard- und Lateintänze separat bewertet wurden, wollten sie das Standard-Turnier unbedingt gewinnen, lagen dann mit lediglich ­einem Punkt Rückstand hinter dem mehrfachen Schweizermeisterpaar und wurden erneut «nur» Vizemeister. Im Latein-Turnier aber haben sie alle fünf Tänze gewonnen und sind somit amtierende Schweizer Meister in Latein Junior ihrer Kategorie. «Mein Ziel ist es, an grossen, internationalen Turnieren – beispielsweise an einer Europameisterschaft – teilzunehmen oder gar zu gewinnen», betont Mischa. Ganz wie sein grosses Vorbild ­Dmitry Zharkov, Weltmeister in Standard, der mit seinem einzigartigen Tanzstil brilliert. «Auf welche Tanzrichtung ich mich später einmal spezialisieren werde, weiss ich noch nicht. Momentan gefallen mir der Englische Walzer, Quickstepp und Tango am besten», so Mischa. Für ihn steht jedoch fest, dass er nebst dem Tanzen noch etwas anderes, Neues lernen will. «Ich möchte einen Beruf fern vom Tanzen lernen. Da mich so vieles interessiert, weiss ich noch nicht, in welche berufliche Richtung es gehen soll. Hauptsache die Tätigkeit ist spannend», fügt er an und packt seine Sachen. Denn eine Trainingseinheit für den nächsten Wettkampf am 24. November steht an, veranstaltet von seiner Ausbildungsstätte. «Da will ich erst recht zeigen, was ich gelernt habe!» (mpe)

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