Zollikon

«Schau in die Natur, aber bemerke, was du siehst»

Eleonora Tarass ist Künstlerin. Ihr Leben lang hat sie gezeichnet, was andere mit dem Fotoapparat festhalten würden. Heute ist die Bewohnerin des Zolliker Wohn- und Pflegeheims Blumenrain mit ihren beinahe 100 Jahren die älteste Teil­nehmerin eines Kurses für traditionelle chinesische Tusch­malerei. Ein Teil dieser Bilder ist noch bis Anfang November im Erdgeschoss des Wohn- und Pflegezentrum Blumenrain ausgestellt.

Es ist Nachmittag an einem dieser schönen Frühherbsttage. Eleonora Tarass sitzt am Tisch in ihrem Zimmer im dritten Stock. Durch die geöffnete Balkontüre dringt das Lachen der Kinder, die auf dem Spielplatz gegenüber des Wohn- und Pflegezentrums Blumenrain spielen, irgendwo aus der Ferne dröhnt ein Laubbläser. An den Wänden ihres Zimmers hängen unzählige Bilder, die Landschaften, Blumen, Tiere, aber auch Menschen oder Engel zeigen. «Setzen Sie sich, setzen Sie sich», bittet Frau Tarass, kramt einen kleinen Zeichnungsblock heraus und legt ihn vor sich auf den Tisch. «Sehen Sie das Bild hinter Ihnen? Hier habe ich die Berge gemalt, die ich von meinem Balkon aus sehe. Und hier auch, aber in einer anderen Stimmung.»

Eleonora Tarass ist Künstlerin, hat seit ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich im Jahr 1939 ihr ganzes Leben lang gezeichnet und gemalt. Die Malerei wurde zu ihrer Leidenschaft, zu ihrer persönlichen Form des Festhaltens. «Andere machen ein Bild mit der Kamera, ich male es», erklärt sie. Immer wieder hat sie neue Maltechniken ausprobiert, wie beim Bild eines Engels, bei dem sie die Farbe mit dem heissen Bügeleisen auf das Papier auftrug. «Das war gar nicht einfach, weil die Farbe zerläuft. Man muss schnell sein», verrät sie. Ihr Zeichnungsblock ist voller Skizzen, wann immer sie unterwegs ist, hat sie ihn dabei. Und zeichnet dann, was sie sieht. Die schönen Blumen, die der Gärtner des Wohnheims immer wieder neu zusammenstellt, die Aussicht bei der EPI-Klinik oder die Ponys, die dort zuhause sind, den See mit dem Üetliberg dahinter, das rote Papiermaschen-Mädchen, das sich nicht weit von ihrem Zuhause befindet. «Ich finde lustig, wie das Mädchen sitzt, so merkwürdig abgestützt auf seinen Armen», sagt sie dazu.

Eine neue Herausforderung

Heute, mit 99.5 Jahren, ist Eleonora Tarass die älteste Teilnehmerin eines Kurses für traditionelle chinesische Tuschmalerei. Ein Teil der Bilder, die während des Kurses entstanden sind, sind seit Anfang ­Monat im Erdgeschoss des Blumenrains ausgestellt. Bis zum 5. November können sie noch besichtigt und auch erworben werden. «Ich wollte eine Maltechnik ausprobieren, die ich noch nicht kannte», erklärt die gebürtige Perserin. Denn bei der chinesischen Tuschmalerei wird das Bild im Zentrum begonnen und von innen nach aussen aufgebaut. Gemalt wird auf dünnem Reispapier, mit Pinseln aus Ziegen- oder Wolfshaar. Die Reduktion aufs Wesentliche ist zentral, wobei die Formgestaltung durch Pinseldruck und -führung entsteht. Die Pinselstriche werden jeweils aus einem Guss in schwungvollen Bewegungen aufs Papier gebracht. Frau Tarass zeigt auf eines der Bilder an der Wand, wo ein Hahn neben einem blühenden Baum steht.«Sehen Sie das Auge? Dort haben wir begonnen. Dann, husch, ein Strich für den Schnabel, husch, ein Strich für den Kamm, dann drei weitere für den Körper. Nun tanzt der Hahn. Sehr schön, nicht?» Die Rhythmik der Bewegungen sei entscheidend, ein wenig wie bei der Musik. Eine Herausforderung, die sie, auch im hohen Alter noch immer aussergewöhnlich aktiv und lebensfroh, mit weit über 90 Jahren annahm. «Es dauert aber Jahre, bis man die Technik der chinesischen Tuschmalerei wirklich beherrscht», ergänzt sie, fast etwas ehrfürchtig.

Jahre des Trainings, die sie damals auch für das klassische Zeichnen benötigte. Begonnen hat sie damit während ihres Architekturstudiums an der ETH Zürich. Ein Jahr lang zeichnete sie nur Menschen, ihre Proportionen, ihre Haltung. Und lernte, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, als sie die kleinen Gassen von Zürich abzubilden versuchte. Immer und immer wieder. «Man muss erst die Proportionen der Menschen lernen, bevor man die grossen Dinge zeichnen will», erklärt sie. «Heute könnte ich im Nu jede Kathedrale der Welt abbilden, egal wie gross sie ist, wie viele Verwinkelungen und Türmchen sie auch hat.» Die Kathedrale von Toledo oder die berühmte im englischen Winchester habe sie schon besucht und gezeichnet.

Die Weltenbummlerin

In der Welt ist Eleonora Tarass weit herumgekommen. Vor ihrem Studium in Zürich begann sie zwei Semester in Wien, ehe sie ihre Mutter aufgrund von Hitlers Ankunft in Österreich in die Schweiz schickte, damit sie hier ihr Studium fortsetzen konnte. Nach dem Ende ihrer Ausbildung fand sie zunächst Arbeit, ehe das Visum ihres Mannes, ebenfalls Perser und Doktor der Geophysik, ablief. So fassten sie den Entschluss, ohne jegliche Sprachkenntnisse in Portugiesisch nach Rio de Janeiro zu ziehen. Dort eröffnete ihr Mann ein Ingenieurbüro, in dem auch Eleonora Tarass Arbeit fand. «Wir hatten ein Haus mit Garten, einen Swimmingpool, Bedienung», erinnert sie sich. Zehn Jahre lebten sie in Brasilien. Doch das tropische Klima war bald zu belastend. Also beschloss das Ehepaar Tarass, nach Madrid zu ziehen, wo es weitere zehn Jahre seines Lebens verbrachte. «Es war die Zeit des Diktators Franco. Wir haben seinen Tod und die darauffolgende Revolution miterlebt», weiss Eleonora Tarass noch. Bald darauf zogen sie, beide inzwischen über 70 Jahre alt, wieder zurück in die Schweiz. Während rund 25 Jahren wohnten sie im Zollikerberg. Dann wurde ihr Mann krank, erblindete, musste auf Rat des Arztes ins Heim. So kamen sie gemeinsam zuerst ins Zolliker Wohn- und Pflegezentrum Beugi. 2008, als Eleonora Tarass 90 Jahre alt war, verstarb ihr Mann. Seit der Eröffnung des Blumenrains im Mai 2016 lebt sie nun hier. Und zeichnet weiter. Zumindest solange sie noch kann, denn die Augen werden langsam schwächer. Doch eines ist für sie gewiss: «Solange meine Augen mitmachen, werde ich zeichnen, werde ich malen», sagt sie. Und fügt an: «Schau in die Natur, aber bemerke, was du siehst. Die Bäume, die Blumen, die Menschen und Tiere. Das sind alles einmalige Dinge.» Dinge, die es wert sind, gelebt und festgehalten zu werden.

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