Zollikon

«Stellenwechsel waren stets sehr hilfreich»

Katrin Gügler ist als Städtebaudirektorin gefordert: 100’000 zusätzliche Menschen möchten bis 2040 in der Stadt Zürich leben. Seit rund eineinhalb Jahren im neuen Amt stellt sich die Zollikerberglerin den räumlichen Herausforderungen.

Ihr Terminkalender ist voll – heute wie in den kommenden zwölf Monaten. Doch Katrin Gügler bringt dies nicht aus der Ruhe. Seit rund eineinhalb Jahren bekleidet die Zollikerberglerin das Amt der Städtebaudirektorin von Zürich und ist sich bereits ­gewohnt, dass ihre ­Arbeitstage ­termingetrieben sind: Sitzungen, Workshops, Jury-Arbeiten oder Gespräche mit Politikern und externen Fachleuten strukturieren den Tag. «Nach 17 Uhr kann ich dann die E-Mails beantworten oder spontan entscheiden, welche Pendenz ich als nächstes erledige», lacht sie. Die 53-Jährige hat während ihrer Karriere als Architektin und Managerin von Grossbauprojekten gelernt, Prioritäten zu setzen, effizient zu arbeiten und insbesondere auch zu delegieren. «Vertrauen in die Mitarbeitenden und in die gesamte Organisation ist das A und O meiner Tätigkeit, die Agenda­pflege nicht mehr wegzudenken», betont Katrin Gügler.

Rückblick auf den Start

Mit Freude schaut sie auf ihren Amtsantritt am 1. April 2017 zurück: «Es war ein grosser Moment in meinem Leben. Die Erwartungen an meine Person waren zwar enorm, doch ich wusste, was auf mich zukommen würde, und freute mich auf die Zusammenarbeit mit den 120 Mitarbeitenden und den unterschiedlichen Anspruchsgruppen wie Politikerinnen, Investoren oder Bauherrinnen.» Dank ihrer früheren Tätigkeiten war sie auf ihre neue Funktion gut vorbereitet: Nach dem Architekturstudium an der ETH arbeitete sie in verschiedenen Architekturbüros, machte sich in den 90er Jahren selbständig, nahm dann eine Stelle als Assistentin an der ETH an und arbeitete von 2001 bis 2007 als Projektleiterin und Gebietsverantwortliche im Amt für Städtebau Zürich. Danach wechselte sie nach Winterthur, wo sie von 2014 bis 2016 die Bauabteilung leitete, anschliessend als stellvertretende Städtebaudirektorin wirkte. «Dank meinem Rucksack konnte ich mich sogleich in die neuen Aufgaben stürzen und kannte bereits einige Gesichter in dem grossen Netzwerk von Architekten und Investorinnen. Ich war froh, nicht bei Null loslegen zu müssen», erinnert sie sich. Doch Überraschungen und Herausforderungen liessen nicht auf sich warten: In ihrer ersten Arbeitswoche durfte sie mit dabei sein, als die wohl älteste Zürcherin aus dem Boden gehoben wurde. Das Grab dieser keltischen Frau war bei Bauarbeiten der Schulanlage Kern im Stadtkreis 4 entdeckt worden. «Als meine Kolleginnen und Kollegen von der Archäologie den Baumsarg freilegten, war diese eine eindrück­liche, intime Erfahrung», erzählt Katrin Gügler und fügt an: «Als ­Direktorin des Amts für Städtebau habe ich die Chance, meinen Horizont laufend zu erweitern – beispielsweise lerne ich die spannende Tätigkeit und die Projekte unserer archäologischen Abteilung, zu der auch die Unterwasserarchäologen gehören, besser kennen.»

Sommerhitze aktuelles Thema

Ein herausforderndes Projekt, das sie seit ihrem Start als Städtebaudirektorin beschäftigt, ist der kommunale Siedlungsrichtplan, der regelt, wo und wie die Stadt bis 2040 wachsen soll. «In gut 20 Jahren werden voraussichtlich zusätzliche 100’000 Menschen in unserer Stadt leben. Diese benötigen zusätzliche Gebäude wie Schulen oder Altersheime, zusätzliche Freiräume, und eine angepasste Infrastruktur», erklärt Katrin Gügler. Ihr Vorgänger Patrick Gmür hat bereits seit 2013 an diesem Siedlungsrichtplan gearbeitet; im Herbst soll er dem Gemeinderat präsentiert und in einem nächsten Schritt umgesetzt werden. Ein weiteres, aktuelles Thema ist die Sommerhitze. «Die Klimaveränderung hält auch uns auf Trab. Was müssen Städte unternehmen, um die anhaltende Hitze zu überstehen? Beschattung, zum Beispiel durch Fassaden- und Dachbegrünungen werden ebenso diskutiert, wie Kaltluftkorridore, welche die Stadt belüften könnten», erklärt ­Katrin Gügler.

Chancen für Weiterentwicklung

Man merkt: Der Städtebaudirek­torin wird es bestimmt nicht langweilig. Im Gegenteil: All die räumlichen Fragestellungen und Herausforderungen in der Stadt Zürich nimmt sie begeistert und voller Elan in Angriff. Menschen ein Umfeld zu bauen und dazu eine nützliche, kreative Lösung zu finden, fasziniert sie seit jeher. Schon ihr Vater war Architekt, Berufskollegen waren regelmässige Gäste im ­Elternhaus im Zollikerberg, Architektur war ein dominantes Thema. «Unsere Ferien verbrachten wir nicht am Meer, sondern in Städten, wo wir die dortige Architektur bestaunten. Gerne begleitete ich meinen Vater auch auf die Baustelle, als er in den 70er Jahren als Projektleiter für das Stadttheater St. Gallen verantwortlich war», erzählt die Städtebaudirektorin. Es erstaunt daher nicht, dass ihr die musischen Schulfächer wie Zeichnen und Kunst besonders entsprachen. «An der Architektur hat mir stets gefallen, dass sie nicht nur Kunst und Kreativität beinhaltet, sondern auch konkrete, bodenständige ­Eigen­schaften wie Mathematik, Baustatik, Finanzen sowie soziologische Aspekte», betont sie. Obwohl sie in Erwägung zog, Medizin zu studieren, entschied sie sich schiesslich doch für ein Architekturstudium. Sie bereut es keine Sekunde. «Das Studium war goldrichtig. Welchen beruflichen Weg ich einschlagen würde, war mir aber nicht bewusst. Man kann eine Karriere nicht planen. Man sollte jedoch Chancen ergreifen, die sich bieten», so Katrin Gügler, die vor 20 Jahren nicht gedacht hätte, dass sie einmal Direktorin beim Amt für Städtebau in Zürich werden würde. «Meine Stellenwechsel waren stets sehr hilfreich. Da ich beispielsweise in Winterthur die Abteilung Hochbau geleitet habe, ist es mir heute möglich, aus der Perspektive von Bauherren zu denken. Und dank meiner damaligen Selbständigkeit kenne ich die Wesenszüge eines Kleinunternehmens», ist ­Katrin Gügler überzeugt. Während sie früher oft stundenlang alleine am Tisch Detailpläne entwarf, schätzt sie heute vermehrt die Arbeit und den Austausch im Team. «Die Gespräche mit Bewohnerinnen, Politikern, Fachleuten und Mitarbeitenden sind enorm spannend. Andere Meinungen und Sichtweisen gilt es abzuwägen – beispielsweise von den Kollegen von Grün Stadt Zürich oder von den VBZ. Verhandlungen müssen durchgeführt und Entscheide gefällt werden. So entsteht eine gemeinsame Lösung und schlussendlich eine funktionierende Stadt», sagt Katrin Gügler.

Gesunde Balance

Dank der Unterstützung ihrer ­Eltern und ihres Ehemannes, einem weiteren Architekten, war es Katrin Gügler möglich, den Spagat zwischen Karriere und Muttersein zu meistern. «Als meine Söhne zur Schule gingen, zogen wir von Zürich zurück in meine Heimat Zollikerberg. Dort hatten wir das Glück, dass Grosseltern und Enkel die gemeinsame Zeit sehr genossen, und wir auch mit Nachbarn wunderbare Freundschaften schlossen. Man half sich gegenseitig», erinnert sie sich.

Ihre beiden Söhne sind mittlerweile erwachsen. Der jüngere hat soeben die Matura abgeschlossen, der ältere studiert Architektur. «Heute können wir uns in der Stadt treffen und gemeinsam zu Mittag essen», freut sich Katrin Gügler. Sie schätzt die Zeit mit ihrer Familie und legt generell grossen Wert auf eine gesunde Balance ­zwischen Berufs- und Privatleben. Bewusst startet sie den Tag «mit vollen Batterien»: Genügend Schlaf ist ihr ebenso wichtig wie ihr geliebtes Hobby ­Rudern. So steht sie regelmässig zwischen 5 und 6 Uhr auf, um den Tag auf dem See zu beginnen. «Ausschlafen kann ich ­eigentlich nicht mehr. Dies verlernt man mit der Zeit.» (mpe)

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