Zollikon

Ihrer Bestimmung auf den Fersen

In den Vereinigten Staaten aufgewachsen, arbeitete Gigi Kracht für erstklassige Hotels an der Ostküste Amerikas, bis ihr Leben vor nahezu drei Jahrzehnten eine entscheidende Wendung nahm und die Liebe sie in die Schweiz führte. Seitdem fühlt sie sich ihrem Lebenszweck, der Kunst, verpflichtet.

Woher sie denn sei, ist die erste und häufigste Frage, die ihr jeweils gestellt wird, wenn sie mit Journalisten spricht. «Ich bin weder Schweizerin noch habe ich blonde Haare oder blaue Augen, daher die Frage nach meiner Herkunft», sagt Gigi Kracht zu Beginn unseres Treffens auf der Terrasse des Hotels Baur au Lac. Den mit blühenden Blumen umgebenen Garten zieren Bronzeskulpturen in Form von Blumen oder Figuren aus einer Comicserie. Es ist ein warmer Junitag und, wie lange geplant, treffe ich sie zu einer Zeit, wo sie in der Schweiz weilt. Denn über die Hälfte des Jahres ist die in Zollikon wohnhafte gebürtige Philippinin geschäftlich rund um den Globus unterwegs. Denn wer im Kunstmarkt erfolgreich mitmischen möchte, ist ständig auf Achse. Es sind die internationalen Kunstmessen in New York, London, Hong Kong und natürlich Basel, die Gigi Kracht auf Trab halten. Daneben spielte das Hotelgeschäft in ihrem Leben schon immer eine grosse Rolle. Viele Jahre ihres Lebens widmete sie dem Wohl ihrer Gäste und konnte dabei wichtige Erfahrungen fürs Leben sammeln. Auch heute ist sie noch mit verschiedenen Projekten im Zürcher Luxushotel eingebunden. Gigi Kracht ist heute in der glücklichen Lage, die beiden Bereiche Kunst und Hotel in ihrem Leben vereinen zu können.

Zukunftspläne in der Schweiz

Die gebürtige Philippinin entstammt einer Grossfamilie mit zahlreichen Onkeln und Tanten sowie 61 Cousinen und Cousins . Als eine von drei Schwestern zog die Diplomatentochter mit fünf Jahren von den Philippinen nach Pasadena in Kalifornien. Ihre Hochschulausbildung absolvierte sie im sehr strengen und damals ausschliesslich Mädchen zugänglichen Marymount Manhattan ­College in New York. Ihre ersten Erfahrungen im Hotelgeschäft machte sie bei der milliardenschweren Hotelkönigin Leona Helmsley: «Obwohl sie mir meine Zeit im Helmsley Palace zur Hölle machte, lehrte sie mich, wie sich das Unmögliche manchmal möglich machen lässt.» Gigi Kracht lernte damals, dass sich Schwierigkeiten im Leben immer irgendwie lösen lassen. Daneben forderte ihre Zeit als junge Mutter ihr damals mehr ab, als sie verkraften konnte und trieb sie an ihre Grenzen. Ihre erste Ehe zerbrach an den Folgen der zusätzlichen beruflichen Belastung. Eine weitere Station auf ihrem Weg in die Schweizer Hotellerie war das Luxushotel Plaza Athénée an der Upper East Side in New York. Im Hotel kümmerte sie sich um die Aufenthaltsbewilligungen der internationalen Mitarbeitenden. Auch für einen damals im Hotel tätigen Angestellten, der in ihrem heutigen Leben die wohl wichtigste Rolle spielt – ihren Mann Andrea Kracht.

Gigi Kracht ist seit 28 Jahren mit dem Zürcher Baur-au-Lac-Besitzer verheiratet. Der Hotelier in sechster Generation versprach seiner Angebeteten damals, als er New York aus familiären Gründen verlassen musste, sie während eines Jahres jeden Monat in New York zu besuchen. Im 13. Monat habe er ihr dann angeboten, ihm nach Zürich zu folgen. Gigi Kracht willigte ein. Ihr Vater war von der Abmachung der beiden nicht begeistert, kaufte ihr dann aber doch ein Flugticket mit wählbarem Rückflug. Diesen hat sie nie gebraucht. Als sie 1990 in Blue Jeans und Cowboy-Boots in der manchmal steifen Zürcher Gesellschaft ankam, wollte sie sich und ihrer Person stets treu bleiben: «Ich habe mich für niemanden geändert und werde es auch nie tun, nicht einmal für meinen Ehemann» sagt Gigi Kracht über sich selbst.

Die Kunst als Bestimmung

Nachdem die gemeinsame Tochter Muki mit 15 Jahren in ein Internat in der Westschweiz ging, suchte sich die Mutter neue Aufgaben, um ihre Bestimmung im Umgang mit Kunst, wie sie es nennt, ins Hotel einfliessen zu lassen. Ehemann Andrea schlug ihr damals vor, ein Interview mit dem damals im Hotel wohnhaften Künstler Fernando ­Botero zu führen und es im hoteleigenen Magazin zu veröffentlichen. Obwohl sie sich anfangs mit der neuen Aufgabe ein wenig schwer tat, war dieses Interview ihr Eintritt in die Kunstwelt. Im Laufe der Zeit lernte sie immer neue Künstler-Persönlichkeiten kennen und schuf sich so ein grosses Netzwerk. 2002 bot der weitläufige ­Hotelgarten mit dem imposanten Mammutbaum zum ersten Mal internationalen plastischen Künstlern eine prächtige Fläche, um ihre Skulpturen zur Schau zu stellen. Schon zum sechzehnten Mal organisiert sie die Freiluftausstellung «Art in the Park» nun schon. Dieses Jahr zu sehen sind die Skulpturen des amerikanischen Künstlers ­Donald Baechler. Es sind relief­förmige Blumentöpfe mit starren oftmals in geknickter Haltung dargestellten Blumen. Aber auch spazierende Figuren mit überdimensionalen Köpfen. Seine Werke schafften es schon ins New Yorker Museum of Modern Art und ins Centre George Pompidou in Paris.

Ein Zeichen setzen

Fragt man die kosmopolitische Gigi Kracht nach den Vorzügen der Schweiz, nennt sie klar das Bildungswesen hierzulande. Für sie gibt es keine bessere Grundausbildung für den heranwachsenden Menschen, die Primarschule in Zollikon sei ein hervorragendes Beispiel dafür. Ein vertieftes Umweltverständnis und die Sensibili­sierung auf die Auswirkungen menschlichen Handelns auf unseren Planeten seien heute den jungen Menschen aber noch früher beizubringen: «Gerade in einem Land wie der Schweiz, wo die Wiederverwertung von Materialien grösstenteils umgesetzt wird, ist es wichtig, in Bezug auf das Abfallproblem der Welt ein Zeichen zu setzen.» Um in der Welt wirklich einen Unterschied zu machen und gegen die Vermüllung des Planeten vorzugehen, brauche es eine grundlegende Umstellung der Erziehungsmethoden auf schulischer Ebene. Es müsse ein ganz neues Umweltbewusstsein geschaffen werden. In ihren Ansichten möchte sie Politik jedoch immer beiseite lassen: «Politik ist ein undurchsichtiges Geschäft und ich halte mich daher lieber raus», sagt sie und kritisiert kurz darauf, dass die meisten Fehlentwicklungen in der Welt in der Politik ihren Ursprung nahmen.

Erfahrung und Lebenszweck

In der Schweiz hat Gigi Kracht eine vielversprechende Umgebung angetroffen, um neue Lebensziele zu verfolgen. In Zollikon und Zürich liegt ihre private und berufliche Basis, während sie ihre restliche Zeit am Puls der globalen Kunstszene verbringt. Ihre in den Jahren angeeigneten Marktkenntnisse brachten sie in eine Führungsposition im Guggenheim Museum in New York , wo sie auch immer noch mehrere Wochen im Jahr verbringt. Dass ihr Leben vor knapp 30 Jahren eine solche Wendung nehmen würde, sieht die Kunstkennerin als ihre Bestimmung an, ihren Lebenszweck. Nicht mehr ganz in Jeans und Cowboy-Boots sitzt Gigi Kracht an diesem Junitag auf der Hotelterrasse. Und sie kann von sich behaupten, ihre berufliche Erfahrung mit ihrem Lebenszweck vereint zu haben. Schon bald wird eine Ausstellung mit Werken von Alberto Giacometti sie nach New York zurücklocken, um dem künstlerischen Geschehen rund um den Globus auf den Fersen zu bleiben. (lvm)

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