Zollikon

«Die beste Entscheidung meines Lebens»

Er war Kampagnenleiter bei Ikea Schweiz und jahrelang Fussballtrainer beim SC Zollikon. Dann hat Fabian von Rechenberg seinen Job gekündigt und ist nach Kolumbien aus­gewandert, um dort am Strand von Palomino sein eigenes Hostel zu eröffnen.


Für einen kurzen Moment stockt den Anwesenden im Raum der Atem. Fabian von Rechenberg sitzt seinen Eltern gegenüber und grinst. Gerade hat er ihnen erklärt, dass er wegziehen will. Nicht von Zürich nach Bern. Und auch nicht nach Deutschland. Sondern nach Kolumbien. «Dort kaufe ich mir ein Stück Land und baue darauf mein eigenes Hostel», fügt er an. Es tönt wie einer dieser vielen Wünsche, die wir wohl alle schon ausgesprochen haben, jedoch nie in die Tat umsetzen werden. Doch Fabian weiss, dass es bei ihm nicht bei losen Worten bleiben würde. Denn er ist nicht nur Träumer, sondern auch Macher. Einer dieser Menschen, die ihren Worten Taten folgen lassen, etwas ausprobieren, aus Neugierde anpacken. Wenn alle anderen dabei den Kopf schütteln oder ihm, wie ein eng befreundeter Jurist, von seinen Plänen abraten: «Was ist denn mit der AHV? Dem BVG? Deiner Rente?» Dann schüttelt Fabian den Kopf und sagt: «Dafür erlebe ich das Abenteuer meines Lebens – und deshalb mach ich das jetzt!»

Wochen der Entscheidung

Zu diesem Zeitpunkt, es müsste im Frühling des letzten Jahres gewesen sein, ist Fabian 31 Jahre alt, Kampagnenleiter bei Ikea Schweiz und, schon etwas länger, Trainer der 2. Mannschaft des SC Zollikon. Viel Zeit für anderes bleibt ihm neben Beruf und Hobby nicht, doch scheint er zufrieden. Im Job geht’s bergauf, sein Hobby als Fussballtrainer lebt er mit einer Leidenschaft, die rund um den Zürichsee wohl nur selten anzutreffen ist. Doch irgendwie lässt ihn der Satz, den er im Dezember auf der Terrasse eines Hostels am Strand von Kolumbien gehört hatte, nicht in Ruhe. Gesagt hatte ihn eine gute Freundin, die er bereits aus den Anfängen seiner Karriere als Werbefachmann kannte: «Wie genial wär’s, wenn du einfach auf dem Land neben mir dein eigenes Hostel bauen würdest?» Denn das Hostel gehörte ihr. «Das wäre wirklich genial!», hatte Fabian gelacht, ohne seiner Antwort jeglichen Ernst zu verleihen. Der kleine Scherz fühlte sich in den kommenden Wochen immer ernster an, die Gedanken daran wurden Tag für Tag konkreter. Nur hatte Fabian, der Marketingspezialist, weder eine Ahnung von der Hotellerie, geschweige denn vom Bauen. Und sein Spanisch reichte knapp, um ein Bier zu bestellen. Wie sollte das alles überhaupt gehen? «Wenn ich es konnte, kannst du das auch!» hört er die Worte seiner Kollegin, immer und immer wieder. Bis er bei seinem Freund, dem Juristen, Rat sucht. Und ihn, aufgrund von dessen Antwort, bei sich selbst findet.

Die Reise beginnt

Im März reist Fabian zurück nach Kolumbien. Dort trifft er den Mann, dem in Palomino, diesem beschaulichen, kleinen Dörfchen an der Nordküste, so ziemlich alles Land gehört. Die beiden einigen sich, machen ein Verkaufsversprechen. Und so nennt der Schweizer bald rund tausend Quadratmeter kolumbianisches Land sein eigen. Der offizielle Startschuss war also gefallen. Jetzt ging es an die Pläne für das Hostel. Für Fabian kam nur eine Person in Frage, der diese zeichnen sollte: Alain Merkli. Der Zolliker Architekt, selber über Jahrzehnte als Trainer beim SCZ tätig, war begeistert – und sofort für das Projekt zu haben. Zurück in Palomino musste jedoch festgestellt werden, dass die Pläne für den Bau des Hostels mit der veralteten Bautechnik an der kolumbianischen Küste nicht umsetzbar waren. Sie mussten angepasst werden, ehe der Bau im Juli endlich begonnen werden konnte. Fabian war inzwischen wieder zurück in der Schweiz, hatte er doch in seinem Beruf alle Hände voll zu tun. Und während in Palomino der Bau fortschritt, begann er Spanisch zu büffeln. Langsam aber sicher realisierte er, was eigentlich passierte. «Zwar freute ich mich immer mehr auf dieses Kolumbien, war zu dieser Zeit aber auch psychisch verunsichert und entsprechend dünnhäutig», erinnert er sich zurück. Dennoch meldet er sich im November in der Schweiz ab, zieht zuerst für eineinhalb Monate nach Bogotà. In der Hauptstadt Kolumbiens kümmert er sich um Visa und anderen Papierkram, reist mit Freunden durch das ihm noch weitgehend unbekannte Land, lernt nebenbei weiterhin fleissig Spanisch. Bis zur geplanten Eröffnung im Januar dieses Jahres war es nicht mehr weit.

Gebaut, eröffnet, ausgebucht

«Wir waren drei Wochen nach der Eröffnung ausgebucht. Und das obwohl im Mai eher Off-Season ist», wird Fabian später sagen. Dass er mit seinem Hostel derart erfolgreich starten wird, hätte er einige Monate zuvor nie ahnen können. Denn aus der im Januar geplanten Eröffnung wurde April. Während der Rohbau langsam fertig wurde, hatte er kurzfristig beschlossen, noch einen Swimmingpool zu bauen. Und war die letzten Monate selber von frühmorgens bis spätabends auf der Baustelle. Viel hat er dort über die Mentalität und Kultur der Kolumbianer gelernt. «Und mein Baustellenvokabular auf Spanisch ist jetzt gewaltig», lacht er. Ohnehin wirkt der inzwischen 32-Jährige ruhiger als vor seiner letzten Abreise. Auf seinem Smartphone zeigt er stolz Fotos seines fertigen Hostels. Das «Casa del Pavo Real» beherbergt nun fünf Doppelzimmer und zwei Mehrbettzimmer à je sechs Betten. Auch die Gesichter einiger Einheimischer lachen einem auf dem Bildschirm entgegen. «Das sind Edwin und Maria, meine Administratoren. Und das hier ist Alex, unser Chefkoch.» Der frisch gebackene Hostelbesitzer kommt ins Schwärmen, erzählt, was es in Palomino alles – von nahegelegenen Wasserfällen und Indiodörfern über Naturparks und Tauchgebieten – zu sehen und zu erleben gibt. «Es war mir wichtig, dass wir als Hostel auch diverse Freizeitaktivitäten anbieten können.» Vielleicht ist das mit ein Grund, weshalb seine Gäste bereits zahlreich erscheinen – und oft sogar einige Tage länger bleiben als ursprünglich geplant. «Und das, obwohl der Pool die ersten zwei Wochen streikte.»

Lächelnd schaut Fabian in den Zürcher Mittagshimmel. Er sei dankbar für diese Erfahrung, schätze dadurch auch viel mehr «das Privileg, mit welchem die Menschen in der Schweiz geboren werden.» Auch auf die harte Tour habe er gelernt, keine Erwartungen im Leben zu haben. «Ich glaube, das ist der Schlüssel zu einem glücklichen Leben: Keine Erwartungen zu haben, aber stets gross zu träumen.»

Und in diesem kleinen Nebensatz steckt die Kraft, die Menschen wie Fabian in sich tragen. Es sind die Träumer, die ihre Vorstellungen – mögen sie im Kopf noch so weit weg von der Realität sein – in die Tat umsetzen. Und nicht immer, aber oft antworten sie, wenn man sie später mit Bewunderung und Ehrfurcht zu ihrem Entschluss befragt: «Das war die beste Entscheidung meines Lebens.» (vak)

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