Zollikon

«Ich habe die Welt nicht verstanden, und die Welt mich nicht»

Für Renée Zuppinger ist die Kunst von Werner Hartmann flüssig, musikalisch und voll von Leben. (Bild: Martina Peyer)

 

Sie waren seelenverwandt: Der verstorbene Maler Werner Hartmann, dem im Mai in der Galerie Milchhütte eine Ausstellung gewidmet ist, und seine Frau Renée Zuppinger Hartmann. Während er immer wusste, dass er nicht älter als 50-jährig werden würde, fand sie im Alter von 48 Jahren einen neuen Weg und entdeckte damit die Lebensfreude.

Übermütiges Vogelgezwitscher und farbenprächtige Primeln auf der ganzen Wiese verstreut – zufrieden kehrt Renée Zuppinger von Gartenarbeiten zurück und blickt auf ihr wildromantisches Paradies. «Jetzt freue ich mich auf einen Tee in meiner oberen Oase inmitten meiner süssen Hütte», lacht sie. Mit der «oberen Oase» meint sie ihr Klavierzimmer, den einzigen geheizten Raum in ihrem Zuhause, das einst ein Künstler als einfache, unisolierte Holzkonstruktion mit etwas Verputz erbaute, und ihr Vater vor etwa 70 Jahren erwarb. Damals waren der heute 76-jährigen Frau kleine Glücksmomente, wie sie sie heute an einem Frühlingstag verspürt, verwehrt.

Ein «Kriegskind»

«Schon als Kind fühlte ich mich überall und in jeder Hinsicht unwohl und fremd», erzählt Renée Zuppinger. «Ich hatte das Gefühl, als Ausserirdische auf diese Welt gekommen zu sein. Vieles ängstigte mich.» Sie ist 1942 geboren, mitten im Zweiten Weltkrieg. Ihr Vater, der «seinen» General Guisan tief verehrte, diente an der Grenze im Aktivdienst. Die Mutter war zuerst mit drei Kindern auf sich alleine gestellt – 1944 kam noch ein Sohn auf die Welt – und verfiel einer immer grösser werdenden Angst um ihre Kinder, um die sie sich ohne Schutz des Vaters kümmern sollte. «Vor dem Krieg lebten meine Eltern in der hippen Künstlersiedlung Neubühl bei Wollishofen. Dort sind meine um neun und sechs Jahre älteren Schwestern bei lebenslustigen, unbeschwerten Eltern auf die Welt gekommen», erzählt Renée Zuppinger weiter. Nach Kriegsausbruch fühlte sich der Vater im Neubühl aber nicht mehr sicher genug. Er fürchtete, das dortige exponierte Wasserreservoir könnte bombardiert werden, und zog mit seiner Familie nach Herrliberg, wo zudem eine grosse Allmend zum Anbau von Getreide und Gemüse zur Verfügung stand. Dort fiel die Mutter in eine tiefe Depression. «Ich funktionierte wie ein Schwamm, der die Angst und Sorgen vor allem meiner Mutter aufsaugte. Ich war nicht fähig, mich wie meine Geschwister über Dinge zu freuen und meine eigenen Sorgen loszuwerden. All die Angst verscheuchte meine Seele. Und so lebte ich nicht gerne – bis zu meinem 48. Lebensjahr.»

Konfrontation mit der Aussenwelt

In diesem Zustand kam sie in die Primarschule. In den Kindergarten hatte ihre Mutter sie und ihren kleinen Bruder nicht geschickt, weil sie fand, der lange Schulweg sei zu gefährlich. Als «Gschpänli» hatten die beiden Kleinen, die lediglich ihre Muttersprache Französisch sprachen, nur einander. Sie fürchteten sich vor dem lauten und hektischen Treiben auf dem Pausenplatz. Der Schulstoff erreichte sie nicht. «Ich schützte mich mit einer völligen Verträumtheit», so Renée Zuppinger. Dies sei typisch für ihren Aszendenten Fisch, ein hypersensibles, wehrloses Wesen, wie sie später herausfand, als sie sich knapp 20-jährig für Astrologie zu interessieren begann. Der sanftmütige, stille Blondschopf, der stets ein Ohr für alle hatte, wuchs allen ans Herz. Die Lehrer tolerierten ihre Träumerei. Kurz vor dem Wechsel in die fünfte Klasse zog die Familie nach Zollikon. «Bei Lehrer Klöti, der den Ruf hatte, die meisten Schüler ins Gymi zu bringen, kam ich auf die Welt. Ich war von der Vorstellung besessen, nach der 7. und 8. Klasse nur Glätterin werden zu können. Das wollte ich nicht», schmunzelt Renée Zuppinger. «Und so ist mein Sternzeichen Löwe aufgewacht», erklärt sie weiter. Von nun an ging sie allem Wissenswerten so lange auf den Grund, bis sie die entsprechende Materie verstand. Dank dem guten Notenschnitt schaffte sie es prüfungsfrei in die Sek. Sie begann, Freundschaftsanfragen von Schulkolleginnen anzunehmen, «Ich war nicht mehr die stumme Träumerin, sondern die freche Wortgewandte.» Sie absolvierte die «Fraueli», die damalige Diplommittelschule, die sich in den Kreuzgängen des Grossmünsters befand. «Dort fühlte ich mich wohl.» Entgegen allen Konventionen, welche die Familie vorlebte, von denen ­Renée Zuppinger jedoch nie etwas hielt, riss die 18-Jährige von zuhause aus, um mit ihrem Partner, ­einem angehenden Psychologen, zusammenzuleben. «Dieser Mann war für mich wie die Mutter, die ich nie gehabt hatte: Dieser liebenswerte Mensch war voll und ganz für mich da. Ich konnte etwas gesunden und das ausleben, was mir bislang nicht möglich gewesen war», erklärt sie. Das Paar heiratete den Eltern zuliebe, liess sich aber bald darauf scheiden, da die Konstellation Mutter-Kind nicht die Basis für eine Ehe sein kann.

Musik als Lebenselixier

Renée Zuppinger folgte ihrer Freude an der Musik, die sie bereits als Kind leidenschaftlich liebte: Ihre welsche Mutter hatte einst Lieder von Emile Jaques-Dalcroze mit den Kindern gesungen und zusammen mit dem Vater vierhändig schwierige Stücke von Bach gespielt. Früh fand die jüngste Tochter Gefallen an Tanz, Rhythmik und am Klavierspiel oder lauschte am Radio gerne ungewohnte russische Musik. Noch während und auch nach der «Fraueli» nahm sie Schauspiel-, Tanz- und Rhythmikunterricht und absolvierte später das Klavierdiplom am Konservatorium Zürich. Die hiesigen sogenannten Klavierschulen, «Lehrwerke voller enorm schwieriger technischer Herausforderungen mit wenig musikalischem Ertrag», empfand sie jedoch als Graus. Daher stand für sie fest, dass sie den Beruf als Klavierlehrerin nie ausüben würde. Stattdessen war sie in unterschiedlichen Jobs tätig, beispielsweise als Mitarbeiterin für Marktforschung oder als Sprecherin für Werbespots. Als ihr Ex-Mann ihr die Tochter amerikanischer Freunde als Klavierschülerin vermittelte, änderte sie ihre Meinung. «Die amerikanischen Lehrwerke dieses Mädchens waren eine Offenbarung! Sie hat mir meinen Beruf erschlossen. ­Zusammen mit ihr und den nachfolgenden Schülern konnte ich ­meinen eigenen Unterrichtsstil entwickeln», erinnert sich Renée Zuppinger, die von diesem Zeitpunkt an während vieler Jahre als beliebte Klavierlehrerin in Zollikon unterrichtete und auch noch heute vereinzelt Schüler empfängt. Dies zuerst an der Rütistrasse in Zollikon, danach im Haus ihres Vaters, in das sie 1999 zurückkehrte.

Ehe zweier negativ geprägter Menschen

Das Leben als Klavierlehrerin hat sie mehr und mehr beglückt. Im alten Haus an der Kesslerstrasse 20 fühlt sie sich wohl und geborgen. Geborgenheit schenken ihr auch die vielen Werke ihres vor 26 Jahren verstorbenen zweiten Mannes Werner Hartmann. «Wir haben uns am 17. Februar 1977 an einer Vernissage kennengelernt. Als er mich sah, sagte er seinen Freunden, dass er mich, die blonde Frau, die er zuvor noch nie gesehen hatte, heiraten würde. Das kam auch so», schmunzelt Renée Zuppinger, die damals von vielen Männern umgarnt wurde. «Seine Strategie war jedoch raffinierter. Er war einfach da, ohne aufdringlich zu sein. Ich begann, mich mit ihm wohlzufühlen.» Sie war damals 35, er 32 Jahre alt. Und von Anfang an wussten sie, dass sie zwei sehr negativ geprägte Menschen waren. Sie war geprägt von der angsterfüllten Atmosphäre während des Krieges – noch heute erinnert sie sich an das Sirenengeheul und an die zur Verdunkelung aufgehängten Vorhänge – er war geprägt von einer ebenfalls schweren Kindheit: Man entriss ihn seiner geliebten Grossmutter, bei der er aufwuchs; seine verehrte Lehrerin stürzte sich vor den Augen der Schulkinder auf einer Schulreise von einer Brücke in den Tod. Renée Zuppinger: «Wir beide waren entfremdet von unseren Seelen. Täglich tauschten wir uns darüber aus, dass wir sterben wollten.» Nach aussen war Werner Hartmann jedoch bekannt als schräger, spassvoller Entertainer. Am liebsten beschäftigte er sich jedoch mit dem Zeichnen und Schreiben. «Er war besessen davon, nutzte jede freie Minute und Gelegenheit dazu – sogar in der Badi konnte er ohne Zeichnen nicht sein», erinnert sich Renée Zuppinger. Seine Arbeit wurde abstrakter, schliesslich bestand sie aus einer erfundenen Schriftsprache, mit der er alle möglichen Materialien vollschrieb, weshalb er sich als regelrechten Schreibmönch bezeichnete. «Genau 16 Jahre, nachdem wir uns kennengelernt hatten, am 17. Februar 1993, erlitt mein Mann einen Hirnschlag und verstarb am nächsten Tag.»

Kreative Energie

Als Renée Zuppinger Werner Hartmann kennenlernte, war er nach einer Scheidung «am Boden zerstört». Vom Moment ihrer Begegnung an aber veränderte er sich, blühte regelrecht auf und konnte sich so ein erfolgreiches Berufsleben aufbauen. «Nach seinem Tod wurde ich mit einer Wucht von kreativen Energien bedrängt, sodass ich sie schreibenderweise loswerden musste. Daher vermute ich heute, dass Werner bei mir kreative Löwenenergien anzapfte, die bei mir brach lagen.» Im Gegensatz zu ihrem Mann beschloss Renée Zuppinger mit 48 Jahren, ihrem Leben eine andere Wende zu geben. «Ich hegte, wahrscheinlich wegen der vielen Grimms Märchen, die ich als Kind gelesen hatte und die aus unwahrscheinlich schlimmen Umständen heraus doch immer gut ausgehen, die Hoffnung, dass es auch in meinem Leben gut kommen könnte.» Sie rang sich zu einem Grundsatzentscheid durch: Sie würde ihr durch und durch destruktives Egoprogramm fallen lassen und «ihrem Schöpfer eine Carte blanche» geben. Sie wollte zurück zu den Wurzeln und die Verbindung zu ihrer Seele wiederherstellen. Wohl wissend, dass Lebensqualität nur so möglich ist. Ihr Vorhaben glückte. Anleitung, Begleitung und Techniken, wie sie ihrem Leben einen Sinn geben kann, holt sie sich in ihrer «Bibel», «The power of Now» von Eckhart Tolle. Sie wurde zu Aktivitäten geführt, die den Heilprozess sehr unterstützen und für sie Glückseligkeit bedeuten: Trommeln, Steppen, Qigong, Unkrautjäten und mit ihrem musikalischen Partner auf zwei Flügeln Musizieren. Und da ist seit Kurzem auch die Katze Kai, welche ihre Lieblingsplätze in allen Oasen mit ihr teilt. «Katzen sind meine Lieblingswesen», erklärt Renée Zuppinger, «sie sind für mich die Verkörperung von Lebenskunst und Lebenskunst ist mein explizites Ziel.»

Vernissage: Freitag, 3. Mai, 17 bis 21 Uhr; Öffnungszeiten: 3. bis 19. Mai, Donnerstag 15 bis 18 Uhr, Freitag 16 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr; ­Finissage: Sonntag, 19. Mai, 14 bis 17 Uhr, Galerie Milchhütte,  Dorfstrasse 31, Zumikon.

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