Zumikon

Zum Arbeiten, nicht zum Angucken

Möbelbeizer Hans Gattiker stiess in der reformierten Kirche auf eine 30 Jahre alte Nachricht – von sich selber.


Hans Gattiker ist 82 Jahre alt. Da könnte man vermuten, dass er sich nach dem Frühstück ein bisschen Zeit lässt. Es ruhig ­angehen lässt. Weit gefehlt. Schon früh am Morgen ist der Zumiker in seiner Werkstatt zwischen wunderschönen alten Möbeln und auch Problemfällen, die noch auf Bearbeitung warten, zu finden. Hans Gattiker, der gelernter Schreiner ist und sich schon 1969 selbstständig machte, ist ein Möbelbeizer und Restaurator der ganz alten Schule. Er nimmt ein grosses Tuch von einer Kommode und streicht – streichelt fast – über die glatte Oberfläche. Das Stück ist mehr als 400 Jahre alt und der Möbelbeizer hat es wieder auf Vordermann gebracht. Dabei waren Fourniere ausgebrochen, die Schlüssel fehlten, die Oberfläche war total zerkratzt. Eigentlich ein Fall für die Holz-Intensivstation. Mit ganz viel Geduld und Vorsicht hat der Restaurator es bearbeitet. Und genau diese Geduld vermisst er bei den nachfolgenden Generationen. «Bei solchen Antiquitäten spüre ich richtig die Liebe, mit der sie mal gebaut worden sind», schwärmt er. Das ist formgewordene Geschichte. Wo hat diese Kommode wohl schon gestanden? Was hat sie beherbergt? Zwei Schritte weiter glänzt ein wunderschöner runder Tisch. Ein Handgriff nur und aus ihm wird ein halbrunder Tisch mit praktischer Schublade. «Das wird heute doch gar nicht mehr gebaut. Welcher Tisch hat heute noch eine Lade?»

Zu viel Lauge, zu viel Säure

Er hadert ein bisschen mit dieser «heutigen Zeit». Mit Möbelstücken, die aus Pressholz zusammengeleimt werden. Wo jeder weiss: Wenn die einmal auseinandergenommen wurden, sind sie reif für die Altstoffsammelstelle. Die werden nirgendwo neu aufgebaut. Er vermisst die Wertschätzung, ihm missfällt die Wegwerfmentalität. Und das nicht nur mit Blick auf Schränke, Tische, Regale. Was ihm dagegen sehr gefällt, ist die Herausforderung. Ein «Das geht nicht» ist für ihn eher Ansporn. Niemand hätte dieser uralten Kommode noch eine Zukunft gegeben. Und mit viel Geduld hat er sich eben auch an der Restaurierung der Kanzel der reformierten Kirche vis-à-vis von seiner Werkstatt beteiligt. Bei der Demontage des Schall­deckels an der Kanzel geschah es: Aus dem Inneren fiel ein kleiner Zettel heraus, auf dem der damalige Restaurator vermerkt hatte, was gemacht worden war. Unterschrieben von: Hans Gattiker. Nun galt es, lockere Profilstäbe zum Teil zu verbreitern, anzugleichen, neu einzupassen und punktuell wieder zu befestigen. An der Kanzel setzte er an einer kritischen Stelle vor 30 Jahren einen sogenannten Doppelschwalbenschwanz ein, der sich bewährt hat und bis heute hält. Der Zumiker schmunzelt. Auch jetzt wieder hat er einen zusammengefalteten Zettel in der Kanzel hinterlegt. Was genau er notiert hat, will er nicht verraten und schon gar nicht in der Zeitung lesen. Nur so viel: Hans Gattiker ist nicht mit allem zufrieden. Dem 82-Jährigen geht es oft einfach zu schnell. Da werde mit zu viel Lauge und Säure gearbeitet. Dadurch werde oft nicht nur der Überzug entfernt, das Holz werde beschädigt, richtig verletzt. Wenn das passiert ist, kann auch er nicht mehr helfen. Er demonstriert, wie er Schichten entfernt, ganz vorsichtig abschabt, dabei jede Wölbung des Materials mitfühlt und nachfährt. «Gott gab die Zeit. Von Eile hat er nichts gesagt», steht auf einem Schild, das in der Werkstatt hängt. Sicherlich ein Lebensmotto des Seniors. Er ist ein bisschen stolz auf das, was er schafft. Und das bekam auch ein Bankangestellter einst zu spüren. «Puh, das stinkt», hatte er die Nase rümpfend geäussert, als Hans Gattiker in seinem Büro arbeitete und Möbel ausbesserte. Nicht alle mögen den Geruch von Politur. Gattiker arbeitete in aller Seelenruhe weiter und nach Feierabend hat er auf sein Werk gezeigt. «Das habe ich heute geleistet. Sie haben nur Zettel beschrieben. Dazu wäre mir meine Zeit zu schade», gab er dem Banker mit auf den Weg.

Kein PC, kein Handy, kein TV

Das ist es, was der Möbelbeizer will: etwas schaffen. Somit ist es schwierig, ein Foto von ihm zu machen. «Ich bin zum Arbeiten da. Nicht zum Angucken», kommentiert er knapp. Er hat schon viel gearbeitet in seinem Leben. Unzählige Fotos dokumentieren das. Sie zeigen wunderschöne alte Holzdecken, die der Zumiker wieder freigelegt hat. Er wühlt zwischen den Bildern, darunter auch einige von seiner Frau, den vier Kindern, den Enkeln. Er zeigt auf Details bei schwierigen Konstruktionen und Aufnahmen vom eigenen Haus. Da, wo jetzt seine Werkstatt ist, standen einst die Kühe. Als das Paar Gattiker das alte Haus übernahm, gab es überall faulige Bretter, Löcher, Dreck. In monatelanger Eigenleistung ist das Haus neu aufgebaut worden. Nicht ganz neu. Noch immer wird das ganze Jahr über mit Holz geheizt. Eigentlich wollte Hans Gattiker die vielen Fotos ja längst sortiert und eingeklebt haben. Aber das kann er ja auch noch im Alter machen. Jetzt muss er sich erst noch um den Gemüsegarten kümmern. Und per Telefon meldet sich ein neuer Kunde, hat einen weiteren Problemfall für den Restaurator. Das Telefon hängt übrigens an der Wand und verfügt noch über eine Wählscheibe. PC, Handy, Fernseher oder gar Tablet sucht man im Hause Gattiker vergeblich. Ganz vorsichtig legt Hans Gattiker das Tuch wieder auf die uralte Kommode und streicht mit seinen neuneinhalb Fingern darüber. Genug geredet. (bms)

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