Zollikon Zumikon

Wie im Leben: ohne Radiergummi

Unzählige Werke schlummern in den Alben: Lisette Hofer-Hintermann ist fasziniert von der Welt der Zentangle-Malerei. (Bild: bms)

Lisette Hofer-Hintermann hat für sich die Kunst des Zentangle® entdeckt: Während der Geist zur Ruhe kommt, zeichnet die Hand Muster um Muster.

Lisette Hofer-Hintermann nimmt einen quadratischen Zettel aus dem Regal. Zettel, auf die man während eines Telefonats schnell etwas notieren kann. «Damit habe ich damals angefangen», lacht sie. Auf den neun mal neun Zentimeter grossen (oder kleinen) Flächen entstanden ihre ersten Zentangle-Werke. Mittlerweile hat sie Album um Album voll von den faszinierenden Kunstwerken, die – je länger man hinschaut – immer mehr verraten. Vor allem, dass viel Geduld und Wertschätzung darin steckt.

Die 61-jährige Zollikerin steckte 2013 in der Prüfungsphase zur Shiatsu-Wellness-Therapeutin, als sie auf ein Buch über eine amerikanische Art des Zeichnens stiess. «Ich beschäftigte mich damals viel mit Meditation, Akupunktur und auch Traditioneller Chinesischer Medizin», erinnert sie sich. Als sie zufällig in dem Buch blätterte, öffnete sich eine neue Welt für sie. Kreativ war sie schon immer. Viele grossformatige Werke schmücken die Wohnung. «Aber Zentangle ist Kunst für den Hosensack und kann überall praktiziert werden», schmunzelt sie. Zentangle-Werke brauchen nicht viel Platz. Im Gegensatz zu Kritzeleien aber, die nebenbei beim Telefonieren entstehen, fordern sie volle Konzentration.

Lisette Hofer-Hintermann wollte mehr über diese Zeichenart wissen und tat, was man mittlerweile auf der Suche nach Informationen tut: Sie googelte und fand überraschend schnell einen Kurs in Zürich. Sie lernte die Basics, das Schattieren, die verschiedenen Muster. «Zentangle ist wie das Leben selber. Es gibt keinen Radiergummi», erklärt sie. Gefällt einem ein Schwung, ein Bogen nicht, kann er nicht entfernt werden. Er muss miteingebaut werden, bleibt Bestandteil des Ganzen. «So wie Fehler im Leben auch nicht rückgängig gemacht werden können. Sie gehören zu uns».

Abneigung überwunden

Eigens für ihr neues Hobby überwand die Zollikerin auch ihre Abneigung gegen Facebook und schloss sich einer Zentangle-Gruppe an. «Dort tauschen wir uns nicht nur über Techniken aus, wir begegnen einander mit absolutem Respekt und Wertschätzung», erzählt sie. Diese Wertschätzung sei ein wichtiger Bestandteil des künstlerischen Vorgangs. «Am Anfang betrachten wir nur das schöne Papier. Und am Ende signieren wir das Bild, weil das die Wertschätzung sich selber gegenüber ausdrückt.» So oft sei man selber sein schärfster Kritiker. Der, der den Finger in die Wunde legt. «Da tut es gut, sich selber mal etwas Schönes zu sagen», findet Lisette Hofer-Hintermann.

Ihre Begeisterung nutzte sich im Laufe der Zeit nicht ab. Im Gegenteil: So reiste sie vergangenes Jahr in die USA, um bei Maria Thomas und Rick Roberts – den Erfindern der Malart – eine Ausbildung zum Certified Zentangle Teacher (CZT) zu absolvieren. Dort erfuhr sie auch, wie eigentlich alles begonnen hatte. Als Meditations-Trainer Rick Roberts eines Abends nach Hause kam, sass seine Frau Maria Thomas als Kalligrafin ganz vertieft in ihre Arbeit am Tisch und verzierte Buchstaben. Sie war so versunken, dass sie ihren Mann überhaupt nicht hörte. Der war irritiert – und begeistert. Genau diesen Zustand wolle er doch mit seinen Meditationsübungen erreichen. Die beiden entwickelten diese besondere Form des meditativen Malens und leiten mittlerweile eine Firma mit mehreren Angestellten.

Das versunkene Malen

Zu dem Seminar, an dem auch Lisette Hofer-Hintermann teilnahm, kamen Teilnehmer aus 18 Ländern rund um den Globus verteilt. «Es war eine so intensive Atmosphäre. Eigentlich plagte mich der Jetlag, aber ich hatte überhaupt keine Zeit zu schlafen.» Mit vielen neuen Ideen kam sie zurück in die Schweiz. So auch mit dem Wunsch, nun selbst einen Kurs anzubieten, weil sie an die umfassende Wirkung des «versunkenen Malens» glaubt. «Wenn es mir nicht gut geht, hilft es mir. Bin ich eh schon glücklich, ist es das Sahnehäubchen.» Doch Zentangel könne noch mehr. So gebe es Studien mit ADHS-Kindern, die zeigten, dass durch das konzentrierte Zeichnen Symptome abgebaut werden könnten. Ebenso seien mit Autisten und Schmerzpatienten schon sehr gute Ergebnisse erzielt worden. «Es geht eben nicht in erster Linie um das Bild, das entsteht, sondern um den Entstehungsprozess.» Am Anfang werden die Eckpunkte markiert und dann verbunden. Durch schnelle schwungvolle Striche entstehen immer kleinere Flächen, noch kleiner, verschlungener, zierlicher, filigraner. (bms)

 
Wer an dieser Kunstform interessiert ist, kann sie bei zwei Basis-Kursen am Samstag, 14. April und am 18. Mai zwischen 13 und 16 Uhr im reformierten Kirchgemeindehaus erlernen. Anmeldung per Mail an: lisette_hofer@bluewin.ch. Schon jetzt sind Werke von Lisette Hofer-Hintermann in der Kunstschatulle auf dem Dorfplatz und auf ihrer Webseite zu sehen

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