Zollikon

Der Mann mit der Donnerstimme

Der Schauspieler Vincenzo Biagi kann auf eine langjährige Karriere blicken – und denkt keineswegs ans Aufhören.

Dass er eigentlich nicht so gerne Interviews gibt, sagt Vincenzo ­Biagi gleich zu Beginn des Gesprächs. «Aber beim Zolliker Zumiker Boten mache ich natürlich eine Ausnahme.» Schliesslich wohne er seit 57 Jahren im Zollikerberg und fühle sich hier tipptopp. Er lebt in der grosszügigen Parterrewohnung eines freundlichen Giebelhauses in Waldesnähe. «Die Wohnung ist altmodisch», sagt er fast entschuldigend. Tatsächlich erinnern die wuchtigen, geschnitzten Holz­möbel, die Wandleuchten, Ölgemälde und die schweren Teppiche an längst vergangene Zeiten. Die Atmosphäre ist warm und gemütlich. Alles passt perfekt zu diesem humorvollen älteren Herrn, den man etwa aus der «Niederdorfoper» oder dem Musical «Stägeli uf – Stägeli ab» kennt.

Voller Energie

Theater, Hörspiel, Film: Bei Vincenzo Biagi geht alles. Kürzlich hat der bald 85-Jährige eine Rolle im Hörspiel «S’chliine Giräffli» gesprochen, jetzt steht er fünf Mal die Woche im Stück «Ausser Kontrolle» als knochentrockener Zimmerkellner auf der Bühne. «Ein alter Chnütteri, der nervenstark und schnörkellos Verwirrung stiftet», so beschreibt der Zollikerbergler seine Rolle. Noch immer hat der Schauspieler eine Bühnenpräsenz und eine Energie, um die ihn wohl manch 50-Jähriger beneidet. Und das Publikum weiss das zu schätzen. Kaum betritt Vincenzo Biagi die Bühne und sagt mit seiner prägnanten Bassstimme «Zimmerservice», gibt’s Szenenapplaus. Noch bis zum 9. April ist er in Ray Cooneys Komödie in der schweizerdeutschen Bearbeitung von Jörg Schneider und Erich Vock im Bernhardtheater zu sehen. Nebst seinem Bühnenengagement pflegte Vincenzo Biagi seine Frau Ruth, die vor einigen Wochen gestorben ist, schmeisst den Haushalt und macht die Wäsche. Das sei schon anstrengend gewesen, gesteht er. Vor allem bei den Endproben von «Ausser Kontrolle»: «Da probten wir eine Woche lang von 10 Uhr bis etwa 18 Uhr.» Die zwei Stunden Pause dazwischen nutzte er, um zu Hause nach Ruth zu schauen. Aber er weiss, wie er seine Balance findet, und nimmt sich Zeit, um seine Batterien aufzuladen. Am besten gelingt ihm das bei der Gartenarbeit oder beim Schwimmen. «Als Schauspieler musst du zwäg sein, dann kannst du ewig spielen», da gehört auch etwas Sport dazu. Als grosser Hockey- und Fussball-Fan sind ihm auch die Besuche bei den ZSC- und FCZ-Matches heilig. Ausserdem pflegt er seine Freundschaften und liebt es, mit den Kollegen über Gott, die Welt und frühere Zeiten zu diskutieren. All das, und die totale Begeisterung fürs Theater, das halte ihn fit. Sogar das Auswendiglernen der Texte sei nicht eigentlich schwieriger als noch vor 30 Jahren. Schon immer musste er seine Texte beim Gehen laut lesen. Früher machte er das im nahen Wald. «Jetzt geh ich im Wohnzimmer auf und ab, sonst meinen ja die Leute, da komme ein Spinner.» Wieder lacht er sein herzhaftes, tiefes Lachen.

«Ich poltere gern»

Wer einmal Vincenzo Biagis Stimme gehört hat, vergisst sie nicht mehr. «Kann sein, dass meine prägnante Stimme mithalf, dass ich von Anfang an Erfolg hatte», überlegt er. Denn tatsächlich war seine Karriere ungewöhnlich gradlinig. Direkt nach der Schauspielschule, mit 20 Jahren, ergatterte er sich ­Rollen neben Theatergrössen wie Olga und Ada Tschechowa oder Leopold Biberti. Dank verschiedener Synchronisations-Aufnahmen und Hörspielen wurde seine Bassstimme immer bekannter und «so hat sich eins nach dem andern ergeben», sagt er bescheiden. Seine Stimme ist sein Markenzeichen, fast jeder erkennt darin Dominik Dachs oder den Räuber Hotzenplotz mit seiner Donnerstimme. Gegen tausend Mal mimte er ihn auf der Bühne: «Potz Pulverdampf und Pischtolerauch! Ja, der Hotzenplotz, der hat mir unheimlich viel Spass gemacht, weil ich so gerne poltere.» Ein weiteres Highlight in seiner Karriere war 1987/1988 die Tournee mit «Charlies Tante» gewesen. Über 250 Mal stand er dafür mit seiner Frau, der Schauspielerin Ruth Bannwart, und Rolf Knie auf der Bühne. Genauso begeistert wie von seinen Rollen erzählt Vincenzo Biagi von seiner glücklichen Kindheit in Risch an der Reuss. Sein Vater war als Saisonnier aus Bologna in die Schweiz gekommen und hatte auf dem Bau gearbeitet. Nach der Heirat mit einer Schweizerin gründete er sein eigenes Geschäft. «Liebevolle Eltern, die Natur vor der Türe und immer ein Haus voller Tiere, das macht einen doch automatisch zu einem positiven Menschen», davon ist er überzeugt und strahlt einmal mehr übers ganze Gesicht. Seine durch und durch positive Lebenseinstellung zeigt sich in jedem seiner zahlreichen Lachfältchen. Er lacht viel und gern, schaut immer vorwärts und ist ein Genussmensch. Typisch für den Italo-Schweizer ist auch, dass ihm die Familie heilig ist. Deshalb habe er auch seine Frau zu Hause gepflegt, das sei für ihn selbstverständlich gewesen und er habe es gern getan: «Einen Menschen, den man liebt, den schiebt man nicht einfach ab», sagt er.

Sein Herz gehört dem Theater

Apropos Italo-Schweizer: Zwar ist er im zugerischen Hünenberg geboren und in Risch aufgewachsen, «aber als Kind war ich trotzdem das ‹Tschinggeli›». Das war nicht bös gemeint, früher war das normal und keiner regte sich auf. Wie er denn, als halber Secondo, bei der erleichterten Einbürgerung abgestimmt habe? «Wissen Sie, mein Vater hatte damals der Gemeinde Risch versprochen, er würde eine Kirchenglocke spenden, wenn das mit der Einbürgerung klappe – und es hat geklappt», lacht er. «Natürlich stimmte ich für die erleichterte Einbürgerung, keine Frage!» Seit der Nachkriegszeit spielt Vincenzo Biagi auf den Brettern, die ihm die Welt bedeuten. Am liebsten tritt er in Stücken mit Musik und Tanz auf, wie etwa bei «Stägeli uf – Stägeli ab». Für den Film konnte er sich nie so begeistern, auch wenn er immer wieder auf der Leinwand zu sehen ist, jedoch meist in kleineren Rollen. Etwa beim «Bestatter», in «Usfahrt Örlike» oder «Mannezimmer». Und wenn man einen 35-jährigen Roger Federer fragen darf: «Wie weiter?», so ist das beim 50 Jahre älteren Schauspieler sicher auch legitim. Vincenzo Biagi lächelt, wiegt den Kopf und sagt schliesslich: «Schreiben Sie, weitere Projekte bahnen sich an.»

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