Der diskrete Jurist, der literarisch aufhorchen lässt

Inszeniert in seinen Kurzgeschichten gekonnt die Dramatik des täglichen Lebens: Jurist und Autor Matthias Amann. Heute Abend kommt er in seine Heimatgemeinde Zumikon. (Bild: Ayse Yavas)

Heute Abend ist der in Zumikon aufgewachsene Matthias Amann in der Gemeindebibliothek zu Gast, wo er aus seinen Kurzgeschichten «Hunde im Weltraum» liest. Ein Jurist, der schreibt, zwei Seelen in seiner Brust hat und Figuren des alltäglichen Lebens spielen lässt. Teilweise des eigenen Lebens.

Mit Matthias Amann sprach Melanie Marday-Wettstein

Im weissen Hemd und schwarzen Anzug kommt er daher, sein Gang ist aufrecht, die Schritte schnell. Er komme gerade von der Anwaltskanzlei, meint er beinahe etwas entschuldigend, es sei viel los, er deswegen etwas gestresst. So wirkt er aber nicht, der Autor, der seinen Lebensunterhalt als ­Jurist bestreitet, ruhig erscheint er einem, überlegt, beobachtend. Wir sitzen in einem Zürcher Café. Seine hellwachen und etwas unruhigen blaugrauen Augen verraten, dass sein Terminkalender für den heutigen Tag gut gefüllt ist, er zwar hier, in seinen Gedanken vielleicht aber auch ein wenig bei seinem aktuellen Mandanten ist. Davon erzählen kann er nicht, darf er nicht, meint er wieder etwas entschuldigend, er, der heute als Wirtschaftsanwalt tätig ist.

Matthias Amann ist in zwei Welten zuhause, vereint, wie er selbst sagt, zwei Seelen in einer Brust. Da ist einerseits die Jurisprudenz. Der heute 46-Jährige absolvierte ein Studium der Rechte in Zürich und Genf. Während zwei Jahren war er als Jurist im Staatsdienst für internationale Beziehungen mit Aufenthalten in Paris und New York. Danach arbeitete er als Gerichtsschreiber am Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen. Seit Anfang Jahr ist er in einem Zürcher Anwaltsbüro tätig. Hätte man ihn vor wenigen Monaten gefragt, für welche der beiden Welten er sich entscheiden würde, wenn er müsste, Matthias Amann hätte nicht gezögert. «Teilweise hatte ich die Freunde an der Juristerei etwas verloren», gesteht er, «sie war für mich zum Brotjob geworden.»

Seine Leidenschaft hingegen, sie gehört dem Schreiben. Vor zehn Jahren hat er in Biel seinen Abschluss Bachelor of Arts in Literarischem Schreiben gemacht. Obschon ein Vollzeitstudium, arbeitete er daneben Teilzeit am Gericht, bewegte sich bewusst in diesen beiden Welten. «Ich musste zuerst rausfinden, was mich wirklich interessiert. Aber auch, was ich kann.» Und dass der in Zumikon Aufgewachsene etwas kann, zeigte sich bereits 2012, als er für seine Kurzgeschichte «Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» den Zentralschweizer Literaturförderungspreis erhalten hat. Die Geschichte handelt von einem brutalen Mord an einer jungen Mutter. Angeklagt ist ihr Freund, ein Kosovo-Albaner. Gerichtsschreiber Andreas sucht in dreieinhalb Meter Akten die Wahrheit. Zweifel nagen an ihm.

Geschrieben über Jahre

Und dass er noch mehr kann, zeigte sich auch vor einem Jahr, als das Debüt des promovierten Juristen erschien. Zehn Jahre nach seinem Abschluss in Biel. Er brauchte erst einmal Abstand vom Schreiben um herauszufinden, dass es ihm doch keine Ruhe lässt. Fortan bestand sein Tagesablauf daraus, halbtags zu schreiben, aber auch halbtags am Gericht tätig zu sein und allenfalls abends nochmals an den Kurzgeschichten zu arbeiten, zu recherchieren, Konzepte zu erstellen. Viel Zeit hat Matthias Amann in diese kurzen Geschichten investiert, aber auch Energie und Emotionen. Ein Aufwand, der sich lohnte: «Selten spielt ein Debüt derart virtuos mit den Regeln seines Genres, kaum je zeigt ein Debütant ein so ausgefeiltes Handwerk her und führt mit so sicherer Feder in die Tiefen der menschlichen Existenz – und hinauf in die schwindligen Höhen ihrer Betrachtung», hiess es im Feuilleton der NZZ. «Es ist famos, wie uns diese Erzählungen in ihren Bann ziehen», meinte das Bieler Tagblatt. Lob, das ihn freut, auch wenn er den Wert seiner Texte nicht davon abhängig machen mag. Und das ihn bekräftigt, weiterhin das zu tun, woran er bei allen Selbstzweifeln auch immer geglaubt hat. Ebenso sind es aber die Rückmeldungen aus seiner anderen Welt, die ihn freuen. «Nach der Vernissage meiner Kurzgeschichten getraute ich mich fast nicht mehr ans Gericht», erinnert er sich lachend, «unsicher war ich gewesen, ob ich nicht schräg angeschaut werde. Ich als Jurist, der auch schreibt.» Wenn ihm dann ein anderer Jurist sage, dass er sein Buch gekauft habe, ihm seine Geschichten gefielen, bedeute ihm das viel. «So werden meine beiden Welten miteinander verbunden, spielen ineinander hinein, gehören zusammen.»

Ein Kopf voller Ideen

Wichtig ist Matthias Amann dies umso mehr, als er heute die Freude an seiner juristischen Arbeit wiedergefunden hat. Es klinge paradox: «Jetzt, nachdem mit der Veröffentlichung meines ersten Bändchens die literarische Türe aufgegangen ist, ich wahrgenommen werde und meine ersten Spuren in dieser Welt hinterlassen habe, zieht mich auch die Rechtswissenschaft wieder in ihren Bann.» Er sagt’s wieder etwas entschuldigend, aber auch voller Lust und Vorfreude auf alles, was noch kommt. An Ideen mangelt es ihm nicht. Seine Gedanken kreisen um einen Roman, die Figuren, die Schauplätze, sie alle existieren bereits in seinem Kopf – im Kopf, der so gerne Geschichten erzählt. In seinen Kurzgeschichten sind es meistens innere Geschichten, Gedankenspaziergänge seiner Hauptfiguren. Die äussere Frage, mit der sich Matthias Amann derzeit mehr beschäftigen muss, ist die, ob er auch genügend Zeit findet für beide seiner zwei Welten.

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