Zollikon

Vom harten Stahl zur weichen Erde

Sabine Lechner absolvierte eine Ausbildung zur Garten-­Designerin und gestaltet nun auf Wunsch Gärten und Terrassen.

Eigentlich ist ein Gärtner schuld daran, dass Sabine Lechner nun Garten-Designerin ist. Böse wird die Zollikerin ihm allerdings wohl nicht sein, hat sie doch in ihrem neuen Beruf ihr Herzensglück gefunden. Als die Deutsche mit ihrem Mann nach Zollikon zog, sollte auch der Garten samt Terrasse nach ihren Wünschen gestaltet werden. «Und es wurde genauso, wie es nicht sein sollte. Vor der weissen Wand war eine weisse Rose, Blumen, die Sonne brauchen, standen im Schatten», erinnert sie sich kopfschüttelnd. Sabine Lechner legte sich nicht mit dem Gärtner an, sondern wurde selber aktiv. Sie machte sich schlau über Blumen und Böden. Sie besorgte sich Fachliteratur, belegte einen Kurs über Pflanzenwissen an der Fachhochschule Wädenswil. «Ich habe eine kleine Tür aufgemacht und dahinter war eine ganz neue Welt.» Zurück zum eigenen Garten. Sie machte einen Plan, zeichnete geschwungene Wege ein. «Wege sind mein Lebensmotto», lacht sie. Schnell wurde jedoch klar, dass ihr Plan, die Wiese als Wege zu nutzen nicht wirklich funktionierte. Allein schon, weil das Mähen ein Problem gewesen wäre. Kurzerhand wurde der gesamte Garten abgesenkt und die Wege mit Kies bedeckt. «Und wenn ich jetzt in den Garten gehe, bin ich im wahrsten Sinne im Garten», erklärt sie, «im ‹Sunken Garden› nach englischem Vorbild.» Obwohl die Fläche mit rund hundert Quadratmetern nicht gross ist, ist alles da: der Sitzplatz, eine tiefe Bank, Büsche, Blumen, Leuchten, Bäume – ein Platz zum Ausruhen, um heisse Tage zu geniessen, mit Freunden zu feiern und auch Pflanzen und Tiere zu beobachten. Und im Hintergrund strahlen im besten Fall die Berge. Gut, die hat Sabine Lechner nicht selber gemacht, aber es passt doch einfach gut ins Bild.
Auf dem Tisch im Wohnzimmer liegen jede Menge Pläne, viele Notizen. Sabine Lechner wird nächste Woche erstmals an der Giardina mitmachen und ist ein bisschen nervös. Das müsste sie eigentlich nicht sein, wurde doch das Herzstück ihres Schaugartens gerade für das Buch «Gärten des Jahres» nominiert. In einem Wettbewerb waren Garten- und Landschaftsbauer aufgerufen, besonders gelungene, realisierte Privatgärten einzureichen. Die besten wurden von einer renommierten Fachjury für den Bildband ausgewählt. Auf dem Tisch steht auch das Modell ihres Messestandes, und der Betrachter kann sich sofort vorstellen, gemütlich unter dem grossen Baum zu sitzen.

Ein bepflanzter Schlackenberg

Ursprünglich ist Sabine Lechner Diplom-Ingenieurin. Aus dem Ruhrgebiet kommend, war sie in der Forschung für die Stahlindustrie tätig. Auf den ersten Blick gehen Stahl und Blumen nicht zusammen. Bei Sabine Lechner schon. Bereits ihr Grossvater sei ein Gartenmensch gewesen und habe an der Frage gearbeitet, mit welchen Pflanzen man einen Schlackenberg bepflanzen könnte – die Schlacke ist ein Abfallprodukt bei der Stahlherstellung und muss auf Halden gelagert werden. Und da schliesst der Kreis sich zwischen hartem Stahl und weicher Muttererde. Nachdem die Zollikerin dafür gesorgt hatte, dass ihr Garten auch wirklich nach ihrem Garten aussieht, wollte sie mit dem Thema nicht aufhören. Und so begann sie eine dreijährige Fernausbildung an einer Londoner Designschule für den Innen- und Aussenbereich. «Wir waren sieben Schüler in unserer Klasse. Und obwohl wir über die ganze Welt verstreut waren, hatten wir ein sehr inniges Verhältnis», erinnert sie sich. Was ihren Projekten sofort anzusehen ist, ist die Liebe zum Detail. Nichts bleibt dem Zufall, dem Wildwuchs überlassen. So gab es eine Kundin, die ihre Terrasse gestaltet haben wollte und direkt einräumte, überhaupt keinen grünen Daumen zu haben. Auch sollte der Blick nicht verstellt werden. Nach Gesprächen, Zeichnungen, Planungen zieren nun neun elegante Pflanzgefässe mit Eibenkugeln und ein charaktervoller Solitärbaum im ebenso speziellen Gefäss die Terrasse. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht nüchtern, doch entsprechen diese Akzente genau den Wünschen der Kundin. «Und die Gefässe stehen nicht irgendwo. Sie müssen auf den Zentimeter genau da stehen, wo sie jetzt sind. Ansonsten würden die Blickachsen nicht mehr passen. Das wäre nicht stimmig», erklärt Sabine Lechner. Natürlich gibt es auch blumigere Beispiele. Gärten mit viel Pracht und Platz. Doch egal, ob gross oder klein: Wichtig ist die Anforderung des Bauherren. Wer wird sich in diesem Garten aufhalten? Was soll er darstellen? Ganz konkret heisst das: Ist Spielgerät gewünscht? Soll es einen Kräutergarten geben? Oder Gemüsebeete? Wie stark wird der Garten strapaziert?

Rückenschonender im Hochbeet

Sabine Lechner hat beeindruckende Beispiele parat. Da ist ein schmaler Garten in Zollikon. Sehr lang zwar, aber eben schmal. Wenig Gestaltungsspielraum, so glaubt man – aber die Designerin hat daraus einen Hingucker gemacht. Ein Holzweg samt Treppe – sanft geschwungen – zieht sich über die Fläche. Es sieht scheinbar so aus, als würde der Weg hinter den Stufen ewig weitergehen. Eine Illusion natürlich, aber die Zollikerin spielt mit diesen Bildern. Sie hat stets das Ganze im Blick und ist dabei doch bodenständig. So favorisiert sie eindeutig Hochbeete. «Warum sollte man sein Gemüse im Erdbeet ziehen, wenn es rückenschonender im Hochbeet geht?», fragt sie erstaunt. Sie möchte gerne umsetzen, was ihre Kunden wünschen. Dass auch Hobbies, Persönlichkeit und Lebensstil Inspiration für einen Garten sein können, ist für manche Auftraggeber gänzlich neu. Dann führt sie ihre Kunden zur neuen Idee hin – unterstützt sie mit ihrer Kreativität. Sehr gelungen findet sie den Sechseläutenplatz – nach anfänglicher Skepsis. «Mittlerweile sehe ich, dass es funktioniert. Die bunten Stühle geben wundervolle Akzente und der Platz lebt richtig», freut sie sich. Wer sich mit Design befasst, ist auch immer Trends ausgesetzt. Das ist im Gartenbereich nicht anders. Zurzeit gehe es vor allem wieder Richtung Natürlichkeit und weg von den starren Linien, dem eckigen Design. In der Wohnung von Sabine Lechner findet man übrigens nur sehr wenige Blumen. Sie sieht fast ein bisschen beschämt aus. «Ich bin einfach oft zu faul zum Giessen», lacht sie herzlich. (bms)

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