Zollikon

Mit allen Sinnen – nicht von allen Sinnen

Marianne Schauwecker nimmt langsam Abschied von der Bühne und kämpft gleichzeitig um die Anerkennung von Hochsensibilität.

Eigentlich hat Marianne Schauwecker ja im vergangenen Januar ihr Abschiedskonzert gegeben. Und doch wird die Zolliker Liedermacherin am Seniorennachmittag der reformierten Kirche Zollikon vom 9. März wieder auftreten. Sie lässt diese Phase ihres Lebens eben einfach langsam auslaufen. So wie sie viele Dinge in ihrem Leben einfach angenommen, manchmal als Fügung gesehen hat. Nicht nur die strahlenden Momente. Da waren auch dunklere Phasen. «Die gehören auch dazu. Und manchmal erkennt man erst im Nachhinein den Sinn darin», überlegt sie. Dass sie überhaupt Liedermacherin geworden ist, könnte kaum ein grösserer Zufall – oder eben eine Fügung – sein. Ja, Musik gehörte schon früh zu ihrem Leben. Sie stammt aus einer musikalischen Familie. Sie spielte Cello, später auch Gitarre und Klavier. Sie besuchte mit den Eltern die Oper. In der Pfadi stimmte man «Wir lagen vor Madagaskar» an. «Aber ich hätte doch nie im Traum daran gedacht, mal mit eigenen Melodien und Texten auf einer Bühne zu ­stehen», betont die fast 70-Jährige. Dafür war das Selbstbewusstsein noch viel zu tief. Sie machte die Matura, besuchte das Oberseminar und arbeitete als Lehrerin. Dabei ist die Frage, was sie beruflich in ihrem Leben gemacht habe, schwierig zu beantworten. Es war so vieles, so viel Unterschiedliches. Als das erste Kind – ein Sohn – kam, hörte sie auf «zu schaffen». Eigentlich unmöglich findet sie den Ausdruck. Selten schafft man mehr, denn als Mutter. Die Tochter kam und Marianne Schauwecker erzählt, wie gerne sie Vollzeitmutter war. «Doch irgendwann war ich eine Mutterkuh und wusste, dass ich das ändern muss.» Sie fing mit Gymnastik an, wurde bald selber Gymnastiklehrerin. «Zwischendurch habe ich auch mal Jura studiert», fällt ihr lachend ein.

Angesteckt am Geburtstag

Und dann kam Dieter Wiesmann – nicht direkt persönlich, das folgte erst später. Am Geburtstag der Schwester hörte sie zum ersten Mal den kürzlich verstorbenen Schaffhauser Liedermacher. «Ich war sofort angesteckt und absoluter Fan», erinnert sie sich. Sie besuchte seine Konzerte, auch wenn es immer dasselbe Programm war, wechselte Briefe mit ihm, und plötzlich nach einem Konzert sass er in ihrem Auto, weil er noch eine Fahrgelegenheit nach Zürich suchte. «Wiesmann. In meinem Auto. Das war unglaublich», erinnert sie sich. Und sie wurde mutiger. Sie setzte sich mit der Gitarre vor den Kassettenrekorder, nahm ihre ersten Stücke auf und bekam positive Rückmeldungen. Beim ersten Auftritt sei sie fast gestorben vor Lampenfieber. Aber der erste Schritt war gemacht. Viele Auftritte, Aufnahmen folgten. Dabei war damals die grosse Zeit der Liedermacher eigentlich schon vorbei. «Für mich war das vielleicht sogar gut so. Vielleicht wäre mir sonst alles zu viel geworden», erklärt die Zollikerin. Sie brachte ihre CDs auf den Markt. Doch dann wurde aus der «Einzelkämpferin» eine Teamplayerin. ­Gemeinsam mit Erica Brühlmann-Jecklin und Barbara Gugerli-Dolder gründete sie das Trio «SAITENsprung ARTiger Frauen». «Wenn man zu dritt auf der Bühne steht, ist das Lampenfieber auch nicht mehr so gross.» Grossartige Auftritte hätten sie gehabt, auch fürchterliche. Wenn der Veranstalter sie als «Hintergrund-Musik» buchte. «Am schönsten waren die Konzerte, bei denen der Funke übersprang. Bei denen die Zuhörer berührt waren.»

Es waren ganz alltägliche Dinge, die in den Songs thematisiert wurden. Zum Beispiel «Miin Wääg isch nöd diin Wääg», ein Lied über die Ablösung eines Teenagers vom Elternhaus. Ein bisschen emotional erinnert sie sich an «D’Chileglogge vo Zollike». Diese Glocken haben sie ein Leben lang begleitet. Von der Taufe über die Konfirmation bis zur Hochzeit. «Und wenn ich mal gehe, sollen sie auch tönen», bestimmt Marianne Schauwecker. Das Repertoire des Trios kennt die ganze emotionale Bandbreite eines Lebens – so wie die Liedermacherin eben auch. Das führt zu dem anderen grossen Thema in Marianne Schauweckers Leben: der Hochsensibilität. Eben weil sie extrem sensibel ist, kann sie Stimmungen intensiv wahrnehmen. Und genau das führte sie später in ein Burn-out.

Schlimme Schicksale

Als Stimmtherapeutin arbeitete sie in einer psychiatrischen Klinik
für Frauen. Schlimme Schicksale lernte sie kennen. Sie nahm die Geschichten mit nach Hause in ein viel zu volles Leben: Da war die Familie, da war die eigene Praxis als Musik- und Stimmausdruckstherapeutin, dazu kamen die Lieder-Auftritte. «Und irgendwann spürte ich, dass ich aufhören muss mit dem Dauerstress.» Sie befasste sich erstmals mit der Eigenschaft der Hochsensibilität. Gerade mal zwei Bücher in deutscher Sprache gab es damals, zwei Websites gab es im Internet zu finden. Sie begann zu recherchieren, wollte eigentlich ein Buch zu dem spannenden Thema schreiben. Doch die Kraft fehlte. Und es war wohl wieder Fügung, dass sie eine Frau kennenlernte, die ihr ihre Homepage «www.hochsensibilitaet.ch» programmierte. «Es geht mir darum, klar zu machen, dass das keine Krankheit ist. Es ist eine Frage der intensiven Wahrnehmung», erläutert sie. Und es ist auch eine Diagnose, die vielen Eltern helfen kann. Viele können danach erst verstehen, warum ihr Kind ist, wie es ist. Warum es vielleicht extrem auf Lärm reagiert. «Ich zum Beispiel finde schweres Parfum ganz schlimm. Da ist mir sogar ehrlicher Schweissgeruch lieber», formuliert es die Zollikerin. Hochsensible Kinder sind oft überfordert mit den vielen Reizen. Bei manchen kann es zu Überreaktionen führen, manche ziehen sich in sich selber zurück. «Dann heisst es Geduld zu haben, die Reaktionen des Kindes nicht abzutun.» In manchen Monaten hat die Website mehr als 9000 Besucher, dazu kommen Briefe und Mails mit Fragen an Marianne Schauwecker. Mit ihrer Lebenserfahrung und ihrer Offenheit wird sie wohl auf alle Antworten finden. Was das Schicksal mit ihr selber noch vorhat? Marianne Schauwecker wird es gelassen und neugierig annehmen.(bms)

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