Zollikon

Wursteln Sie sich durch!

Für ihr neues Buch «Wie wird eine Ehe schön?» führte die Zolliker Autorin Barbara Lukesch lange Gespräche mit dem Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider über Partnerschaft und Liebe. Wohin führt das?

Das neue Buch von Barbara Lukesch bein­haltet zahlreiche Antworten. Denn die Stammfrage im Titel verästelt sich während 200 Seiten in zahlreiche andere Fragen. Das verbale Pingpongspiel zwischen Barbara Lukesch und Peter Schneider ist interessant, zuweilen amüsant. Keine Frage, die Frage interessiert. Dies zeigte auch die Buchvernissage vergangene Woche im «Kosmos» in Zürich. Geplant war, die Veranstaltung in der Buchhandlung durchzuführen. Der Ansturm zwang die Veranstalter dann aber zum Umdenken, kurzerhand wurde der Anlass in den grossen Saal verlegt. Über 250 waren gekommen, um zu erfahren, wie denn nun eine Ehe schön wird.

Die Zollikerin Barbara Lukesch hatte den Psychoanalytiker Peter Schneider über Monate immer sonntags zwischen 14 und 16 Uhr getroffen, um genau über diese Frage mit ihm zu sprechen. Und wer Peter Schneider beispielsweise von seinen Kolumnen im ­Tages-Anzeiger oder seiner Glosse in der Sonntagszeitung her kennt, der weiss, dass seine Ausführungen oft ein Genuss, mitunter aber auch sehr anspruchsvoll sein können. Er redet, auch an diesem Abend, gerne einfach mal drauflos. Struktur geben, für die Übersichtlichkeit sorgen, das müssen dann andere – im Falle des neuen Buches von Barbara Lukesch war sie es, die aus dem bis zu 80 000 Zeichen umfassenden ­Gesprächsprotokoll lesbare Interviews gemacht hat zu den Themen Kommunikation, Streit, Sex, Geld und Hausarbeiten. Themen eben, die eine Ehe ausmachen, die sie schön machen können oder hässlich, spannend oder langweilig. Das vom Wörtersehverlag herausgegebene Buch solle kein Ratgeber sein, hiess es an der Buchvernissage, und das ist es auch nicht geworden. Vielmehr fühlt es sich an, als dürfe man für einmal Mäuschen sein. Mäuschen in der psychoanalytischen Praxis von Peter Schneider, der sich mit Barbara Lukesch lange und ausführlich über Partnerschaft und Liebe unterhält. Dabei geben beide auch immer wieder mal Einblick in ihre eigene Ehe. In den Worten von Peter Schneider ist das Buch kein Plädoyer für die Ehe, sondern bloss eine Erinnerung für bereits Verheiratete daran, warum und wie man es sich manchmal ­unnötig schwermacht – und wie man es sich auch leichter machen kann. Er sei auch froh, beinhalte das Buch keine These. «Es ist kein Reklamebuch für die Ehe. Weder für die offene, geschlossene, noch für die halb offene Abteilung», fand der Satiriker an der Vernissage. Er plädierte für einen freundschaftlichen Blick auf die Welt und auf den Partner, den man liebt.

Bei Homosexuellen hat Sex eine andere Bedeutung

Es machen, wie es für einen stimmt: So könnte die Quintessenz des ­Buches lauten. Denn Peter Schneider hält dies in den verschiedenen Gesprächen mit der Autorin immer wieder fest. «Whatever works», sagt er dann, jedes Paar habe sein eigenes Rezept zu finden, von Normen und Studien hält er nichts. «Einige lieben Essen heiss und scharf, andere bevorzugen kalte Platten mit möglichst wenig Gewürz», ver­bildlicht er. Was heissen will: Untereinander müsse es stimmen. Normierte Vorstellungen eignen sich gemäss dem Psychoanalytiker gut als Sollbruchstelle beziehungsweise Ausrede, wenn es zur Trennung kommt. Nichtsdestotrotz gibt er auch konkrete Hinweise, wie es denn eben funktionieren könnte. So zum Beispiel beim Thema Sex, das natürlich auch zur Sprache kommt. «Wenn man sich über die Häufigkeit nicht einig wird, kann auch mal ein freundschaftliches Hinhalten hilfreich sein.» Peter Schneider findet, die Sexualität sollte weniger anstrengend definiert werden, er redet oft von einer Sexualität, die sich mehr in Zärtlichkeit äussert: «Auch eine den Alltag durchwabernde Zärtlichkeit, die dazu führt, dass ich dem anderen den Tisch schön decke und ihn nicht immer gerade auf dem Küchentisch vögeln will», heisst es dann etwa. Die ­Leidenschaft sei etwas für die Zeit des Kennenlernens, in der man von sexueller Neugierde beherrscht werde und jeden Winkel der Geliebten erkunden möchte, sie sei aber schlecht kompatibel mit dem Alltag.

Auch das Thema Treue kommt zur Sprache und mit diesem die Schwulen, die einen Modus Vivendi gefunden hätten, der ihnen erlaubt, Treue und Promiskuität zu verbinden. Bei Schwulen, vermutet Peter Schneider, hat der Sex eine ganz andere Bedeutung im Zusammenleben als für die meisten Heterosexuellen. Das könne mit deren Geschichte zusammenhängen, die sie jahrzehntelang gezwungen hat, ihre Beziehungen im Verborgenen zu leben und die Sexualität von der Liebe abzuspalten. «Den Anspruch, dass der Partner treu ist und exklusiven Sex gewählt hat, hat auch damit zu tun, dass die Eheschliessung eng mit dem Wunsch der Familiengründung einhergeht», fährt er fort und redet Klartext: «Eifersucht ist Scheisse», und es sei schwer, dagegen anzukommen.

Zum weniger spektakulären, aber wohl in so mancher Ehe immer wieder zu Diskussionen führenden Thema Hausarbeit findet der Interviewte, dass diese so weit wie möglich aus Kontexten von Gefühl und Liebe herausgenommen und stattdessen so unspektakulär und selbstverständlich wie möglich gemacht werden sollte wie das alltägliche Zähneputzen und Schuhanziehen. Die Hausarbeit gebe in vielen Beziehungen Anlass zu Streit. Auch deshalb, weil sie einen viel zu grossen Stellenwert habe.

Eine Art freiwilliges Engagement

Natürlich kommt auch die Liebe immer wieder zur Sprache und so möchte Barbara Lukesch wissen, ob diese denn nicht eine Gratwanderung zwischen Geben und Nehmen sei. Ja, findet Peter Schneider, er umschreibt sie aber anders. Als ständiges Hin und Her, damit halte man den Ball flacher. Auch dass eine Ehe gehegt und gepflegt werden muss, bejaht er zwar, sagt aber, dass eine Ehe keine Rabatte sei. Für den Psychoanalytiker besteht die Ehe zu 90 Prozent aus Selbstverständlichkeit und nur zum Rest aus Hege und Pflege. Was einer Beziehung guttun würde, sei eine Art freiwilliges Engagement, das relativ unauffällig nebenherläuft. «Was Nettes tun, wenn einem danach ist.» Denn wenn eine Ehe zu viel Engagement erfordert, werde sie nicht schön. Nicht zu viel Engagement, kein grosses Tamtam machen, kooperativ und auch unkompliziert sein. Was eine Ehe auch brauche, sei ein sich Durchwursteln. Eine Aussage, die im Buch immer wieder auftaucht und die auch Barbara Lukesch während der Vernissage herausgepickt hatte: «Es freute mich zu hören, dass nicht immer alles fotogen und sexy sein muss, was man als Paar im Alltag bietet», fasste sie zusammen. Und so gibt das Buch vielleicht eine allgemeingültige Antwort auf die Frage, wie eine Ehe schön wird, auch wenn sie diesen Anspruch darauf vielleicht gar nicht hat: Indem man sich durchwurstelt, den Ball flach hält und ab und zu etwas Nettes füreinander tut. (mmw)

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