Zollikon

Das Beugi lebt auf

Das Beugi, ursprünglich während vieler Jahrzehnte eine Heimstätte für betagte Menschen, hat sich zum Jungbrunnen gewandelt. In den letzten beiden Monaten füllte es sich mit Studierenden aus aller Welt. Der Zolliker Zumiker Bote nahm einen Augenschein und fragte bei den Bewohnenden nach, wie es sich in dem ehemaligen Wohn- und Pflegeheim denn so lebt.

Während im Erdgeschoss die Primarschüler der Schule Zollikon den Mittagstisch besuchen und Aufenthaltsräume belegen, bilden die oberen drei Geschosse für vierzig Studierende aus der ganzen Welt das Zentrum des Jahres ihres Lebens: Die angehenden Akademiker, die aktuell im Wohnheim Beugi einquartiert sind, nehmen alle am Studentenaustauschprogramm «Swiss-European Mobility Programme» (SEMP) teil, das bisher unter dem Begriff «Erasmus» bekannt war. Die Studienplätze für Austauschschüler sind begrenzt und wer einen Studienplatz im Ausland erhalten hat, darf sich glücklich schätzen. Clemens Wittmann, Heimverantwortlicher der studentischen Wohngenossenschaft WOKO und selbst Beugi-Bewohner, weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, in Zürich ein ­Zimmer in einer WG zu bekommen: «Die Studenten sind sehr dankbar, hier wohnen zu dürfen. Sie wenden sich an mich, wenn sie Hilfe brauchen, auch wenn dies nur das Ersetzen einer Glühbirne ist.»

Das am letzten Montag angelaufene Frühjahrssemester der ETH wird den neuen Beugi-Bewohnenden einiges abverlangen, sodass sie am Tag kaum in Zollikon zu sehen sein werden. Abends um sieben jedoch herrscht in der Beugi-Küche reges Treiben. Es steht gemeinsames Kochen und Abendessen an. Auf den 14 Herdplatten kochen die Studis für sich einfache Gerichte. Die Küche war ursprünglich nicht für viele individuelle Köche gedacht, deshalb mussten mehr Herdplatten her. Das gemeinsame Kochen nimmt bei den Studenten einen grossen Stellenwert ein und wird zum täglichen Ritual: «Für gewisse Gerichte wäre ein Ofen ganz nützlich, aber bisher ging es irgendwie auch ohne», sagt Christian aus Dänemark, der von seinen Mitstudenten als fähigster Koch der Runde auserkoren wurde.

Gemeinsamer Tagesausklang

Eine Weile später sitzen die Studenten gemeinsam zu Tisch und sprechen über den ersten Tag an der ETH. Die Stimmung ist gelassen und auf Nachfrage fühlen sich die Studenten im Beugi sehr gut aufgehoben. Der grosse Eingangsbereich sowie das separate Esszimmer kommen sehr gut an. Höchstens die Wanddeko sei nicht ganz ihrem Alter entsprechend. Die Vielfalt der Nationalitäten, die gemeinsam unter einem Dach wohnen, bringt auch die unterschiedlichen Essgewohnheiten zutage. So ist es üblich, dass die Spanier und Italiener jeweils erst um 22 Uhr gemeinsam kochen und zu Abend essen.

Mit der Wiederbelebung des ehemaligen Heims werden, neben geringen baulichen Massnahmen in der Küche sowie im Eingangsbereich, aktuell neue Brandschutztüren montiert, die das Treppenhaus von den umliegenden Räumen abschirmen sollen. Die Studenten bekommen von den Bauarbeiten wenig mit, da sie tagsüber in den Hörsälen sitzen. Clemens Wittmann war der erste Student, der vergangenen Herbst ins Beugi einzog und die erste Woche mutterseelenallein im Heim verbrachte: «Anfangs musste ich mich an den noch immer vorherrschenden Geruch eines Betagtenheims gewöhnen, aber nach einigen Malerarbeiten war dieser bald verflogen.» Mittlerweile ist er für die Ordnung im ganzen Haus verantwortlich und hat auch in Sachen Lautstärke am Abend ein Wörtchen mitzureden, obwohl es in dieser Hinsicht bislang nicht viel zu unternehmen gab: «Wenn die Studenten in den Ausgang wollen, treffen sie sich immer in der Stadt Zürich und bleiben nicht hier.» Die geografische Distanz zur Stadt gibt bei den Studenten kaum zu reden. «Wir haben hier Studenten aus Australien. Ich glaube nicht, dass die zehn Minuten Fahrzeit in die Stadt sie stören.»

Frischer Wind im Zentrum

Erst letzte Woche erhielt das Beugi wieder neuen Zuwachs an Studenten. Um den Neuankömmlingen Zollikon näher zu bringen, bietet Clemens Wittmann kleine Gemeindeführungen entlang der Alten Landstrasse vorbei an der Kirche an. Als erster Bewohner war er zur Erkundung der Gemeinde auf sich selbst gestellt gewesen. Doch schon lange wohnt Clemens Wittmann nicht mehr alleine im Beugi, mittlerweile sind bei der Gemeinde 38 Beugistudenten gemeldet und im Heim gäbe es noch Platz für eine Handvoll mehr. Allen Verantwortlichen ist wichtig, dass sich die temporären Zollikerinnen und Zolliker während ihrem Austauschsemester hier wohlfühlen. Und – sie bringen frischen Wind ins Zentrum der Gemeinde. Sobald die Temperaturen endlich wieder nach oben klettern, werden bestimmt der Vorplatz und die Terrasse des Heims für ein gemütliches Beisammensein an der frischen Luft entdeckt. Dann wird auch die Zolliker Bevölkerung in direkteren Kontakt mit der internationalen Studentengruppe treten können. Und man kann sich wünschen, dass die Studenten nach ihrer Ausbildung als gute Botschafter für Zollikon in ihre Heimat zurückkehren. (lvm)

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