Zollikon

«Eine Schule fürs Leben»

 

Der eine sei der Handwerker gewesen, der andere stark im Zwischenmenschlichen: Zollikons Feuerwehrkommandant Andy Tschopp und sein Stell­vertreter Simon Gebs treten auf Ende Jahr zurück. Gemeinsam schauen sie auf ihre Jahre bei der Feuerwehr zurück, auf das spannende Zusammenspiel von Technik und Mensch.

Mit Andy Tschopp und Simon Gebs sprach Melanie Marday-Wettstein

Eine gelebte Gemeinschaft braucht nicht nur die Kirche, sondern auch die Feuerwehr. War das der Grund, weshalb Sie vor 16 Jahren zur Zolliker Feuerwehr gestossen sind, Herr Gebs?

Simon Gebs: Nicht wirklich. Ich wollte neben meinem Beruf als Pfarrer, bei dem ich ja sehr viel mit Menschen und Worten zu tun habe, noch ein Hobby mit technischem Hintergrund. Das ganze Material, das die Feuerwehr braucht, die Fahrzeuge und technischen Geräte haben mich beeindruckt.

Und welches war bei Ihnen der ausschlaggebende Grund der Feuerwehr beizutreten, Herr Tschopp?

Andy Tschopp: Ich hatte die Nase voll vom Militär und meine Devise war und ist, dass ich nur eine Uniform zu Hause haben will. Ich wollte also nicht an sieben Orten ein wenig mitmachen, sondern bei einem richtig. Einige meiner Freunde leisteten bereits Dienst bei der Feuerwehr und so bin ich reingerutscht. Eigentlich ohne grosses Wissen, was mich genau erwartet.

Als Feuerwehrmann muss man ständig erreichbar sein. Sie Herr Gebs ebenso als Pfarrer und Notfallseelsorger. Zudem weiss man nie, was einen bei einem Einsatz erwartet. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

S.G.: Während der aktiven Zeit ist dieser Druck eine Selbstverständlichkeit. Einer, der einfach dazugehört. Richtig bewusst – so habe ich das zumindest schon von anderen gehört –, dass dieser Druck eben doch auch Substanz kostet, wird das einem wohl erst im Nachhinein. Je mehr Verantwortung jemand bekommt, desto grösser wird natürlich auch der Druck. An der Spitze übernimmt man ja auch die Verantwortung für die eigenen Leute, und diese ist ganz bestimmt nicht zu unterschätzen.

Aber gerade bei Ihnen war dieser Druck doch enorm: Eine Zeit lang waren Sie bei Schutz & Rettung, ebenso mussten Sie als Pfarrer erreichbar sein, als Notfallseelsorger und als Feuerwehrmann.

S.G.: Ja, diese Zeit war tatsächlich sehr intensiv. Permanent konnte etwas reinkommen, oft kam mir der Gedanke, was ich denn jetzt machen würde, wenn ein Alarm losgeht. Aus diesem Grund war ich auch stets mit dem Auto unterwegs, selbst wenn es nur kurze Strecken in der Gemeinde waren, die ich zurückzulegen hatte. So aber hatte ich stets den Funk und die Uniform dabei.

A.T.: Bei mir war dieser Druck etwas weniger, da mein Arbeitsort etwas weiter entfernt ist. So hatte ich nicht die dauernde Einsatzleistung im Fokus, sondern meine Mannschaft. Ich wollte wissen, dass es ihnen gut geht während eines Einsatzes. Im Dorf war auch ich immer mit dem Auto unterwegs, um alles dabeizuhaben und sofort ausrücken zu können.

Herr Tschopp, als Kommandant müssen Sie schnell einen Überblick erhalten über die Situation, die Sie antreffen. Nehmen Sie da die einzelnen Schicksale wahr, die Sie gerade antreffen – beispielsweise wenn es um verletzte Menschen geht – oder steht alleine der Rettungsauftrag im Vordergrund?

A.T.: Seit ich Kommandant bin, ist nicht mehr per se der Höchstrangige auch der Einsatzleiter, sondern derjenige Offizier, der als erster vor Ort ist. Denn unsere Offiziere sind allesamt ausgebildete Einsatzleiter. Natürlich habe ich auf dem Platz die Gesamtverantwortung. Doch habe ich so die Möglichkeit, hinter oder neben dem Einsatzleiter zu stehen, mir in Ruhe einen Überblick zu verschaffen und nur dann einzugreifen, wenn es nötig ist. Aus diesem Tandem-Einsatzsystem resultierten bei uns sehr gute Teamworks. In meinen sechseinhalb Jahren als Kommandant musste ich kein einziges Mal eingreifen.

Aber zurück zu meiner Frage: Nehmen Sie die Schicksale auf dem Platz wahr oder werden die Ihnen erst im Nachhinein bewusst?

A.T.: Natürlich gibt es ein ganz klares Einsatzschema: Zuerst werden Personen, Umwelt und Sachwerte gerettet, dann wird geschaut, dass sich das Ereignis nicht ausbreitet und dass es behoben werden kann. Dieses Schema wiederholt sich und wird regelmässig trainiert. Aber Sie haben schon recht, es gibt schon Einsätze, bei denen einem erst im Nachhinein so richtig bewusst wird, was man überhaupt geleistet hat, was wirklich vorgefallen ist.

S.G.: Andy spricht hier aussergewöhnliche Einsätze an. Einsätze, die mit Kindern zu tun haben oder bei denen nichts mehr gemacht werden konnte, obwohl alles unternommen wurde. Solche habe ich besonders beim Care-Team der kantonalen Feuerwehr erlebt, aber auch hier kamen sie vor. Bei ­solchen Vorfällen hilft es, im Anschluss an den Einsatz nochmals zusammenzusitzen, sodass jeder erzählen kann, was er gemacht hat und wie er sich dabei fühlte. Das machen wir präventiv. Psycho­hygienisch sozusagen. So wie die Jacken gewaschen oder die Schläuche retabliert werden, retablieren wir uns auch selber.

Als Feuerwehrkommandant sind Sie Bindeglied zur Gemeinde und verschiedenen Ämtern. Wie zufrieden sind Sie mit der Unterstützung, die Sie erhalten?

A.T.: Im Grossen und Ganzen funktioniert es sehr gut und die Gemeinde unterstützt uns dort, wo es nötig ist. Wir haben auch Leute, die auf der Gemeindeverwaltung arbeiten und Feuerwehrdienst leisten, was sehr wichtig ist. So wird die Feuerwehr auch von anderen Abteilungen unterstützt und es können ­Synergien genutzt werden. Die Grundwertschätzung ist absolut vorhanden.

Welchen Führungsstil pflegten Sie?

A.T.: Kooperativ-direktiv und situativ. Wenn es sein muss, kann ich sehr direktiv werden, dann ist es ganz klar, wer der Chef ist, und ich werde sehr durchsetzungsfreudig. In der Regel versuche ich, die Leute einzubeziehen. Wenn wir aber etwas entschieden haben, dann ziehe ich es durch. Wischiwaschi und ­Jekami liegen mir nicht.

S.G.: Das kann ich unterstreichen. Die Feuerwehr lebt von der Er­fahrung und den Kompetenzen ganz vieler Leute. Es braucht das gesamte Team und diesen Teamgedanken hat Andy sehr gelebt, exemplarisch auch im bereits angesprochenen Miteinbezug der ­Offiziere. Sie konnten mitreden, wurden abgeholt und ihre Ideen waren gefragt. Eine Organisation wie die Feuerwehr braucht aber klar ihren Chef. Permanent über Konsens und Konsultation zu führen, geht nicht. Jemand muss klar den Lead haben, und das war unser Kommandant.

Herr Gebs, als Notfallseelsorger waren Sie stark im «Blaulicht­milieu» unterwegs und sind es teils immer noch. Wie hat Ihnen hierbei Ihre Feuerwehrerfahrung geholfen?

S.G.: Soziologisch gesprochen ist es wichtig, dass man dieses, wie Sie es richtig nennen, «Milieu» bereits kennt. Ich weiss aus eigener Erfahrung, was Chaosphase bedeutet, wo die Stressfaktoren sein können und was für eine Dynamik entstehen kann. Ich spreche diese Sprache und dieses Verständnis hat mir ganz klar Türen geöffnet. Ich bin einer von ihnen. Auch kann ich in komplexen Care-Situationen einsetzen, was ich in der Feuerwehr an Führen gelernt habe. Ich kann wirklich viele hier erhaltenen Kompetenzen transferieren.

Herr Tschopp, gab es eine Situation, bei dem Sie Ihren Stellvertreter Simon Gebs als Seelsorger brauchten?

A.T.: Ja, die gab es. Wir hatten einen Bahnunfall, einen sogenannten Personenunfall. Im Normalfall ist hierbei die Bahnpolizei vor Ort und nicht die Ortsfeuerwehr. Doch dieses Mal kam es anders und wir mussten ausrücken. Ohne ins Detail zu gehen, ist mir der Anblick der bei diesem Vorfall ums Leben gekommenen Person stark eingefahren – auch, weil ich sie mit einer persönlichen Geschichte in Verbindung brachte. Das ging mir lange nahe, die Bilder brachte ich nicht mehr aus dem Kopf, überall tauchten sie auf, bei der Arbeit, zuhause, einfach überall. Plötzlich stellte ich mein Selbstverständnis als Führungskraft in Frage. Ich brauchte die Unterstützung von Simon, der viele Gespräche mit mir führte. Die Normalität, die er an den Tag legte, um mit dem Fall umzugehen, hat mir enorm geholfen.

Wie gehen Sie selber mit schwierigen Situationen um, Herr Gebs?

S.G.: Auch ich brauche gelegentlich jemanden, der mir zuhört. Es war auch schon so, dass ich nach einem schwierigen Einsatz meinen Kommandanten anrief, weil ich jemanden brauchte, der mir zuhört und mich auch versteht. Auch ich muss zu mir schauen. Sport hilft mir ebenfalls. Körperarbeit kann enorm helfen, den Kopf auszulüften. Wichtig ist, dass jeder für sich herausfindet, was ihm guttut. Andy hilft die Gartenarbeit, mir die Bewegung.

Sie beide scheinen sich sehr gut zu kennen.

S.G.: Über unser leidenschaftliches Hobby ist tatsächlich eine tiefe Freundschaft entstanden. Eine, die sich auch in Stresssituationen bewähren musste. Das hat uns zusammengeschweisst.

A.T.: Wir schrieben wirklich intensive Geschichten miteinander. Und ich finde, wir haben stets auf Augenhöhe miteinander gearbeitet und uns sehr gut ergänzt. Simon ist stark im Zwischenmenschlichen, ich dagegen bin eher der Organisiert-Strukturierte. Einmal rief er mich gar während meiner Ferien an und informierte mich praktisch zeitnah über den Einsatz, den sie gerade leisteten. Das bleibt mir: Am Strand liegend, werde ich von meinem Stellvertreter informiert, was in Zollikon gerade vor sich geht. Ich habe die Zusammenarbeit mit Simon wirklich genossen, wir haben uns optimal ergänzt.

Sie beide sind schon lange in der Feuerwehr aktiv. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

A.T.: Von den Einsatzuniformen übers Material bis hin zu den Fahrzeugen praktisch alles. Auch die Strukturen sind anders, vieles wurde zentralisiert, die Alarmierung neu organisiert und auch die Ausbildungsstrukturen wurden vereinheitlicht.

S.G.: Was sich ebenfalls verändert hat, ist die früher vielleicht stärker vorhanden gewesene Verbind­lichkeit der Jungen. Heute ist ­vieles schnelllebig geworden und auch unverbindlicher. Wer aber ja zur Feuerwehr sagt, muss es auch abdecken. Da muss man heute mehr dranbleiben als noch vor 20 Jahren.

Wie steht es um die Zolliker Feuerwehr, ist es schwierig, Feuerwehrleute zu rekrutieren?

A.T.: Bei meiner Übernahme hatten wir Unterbestand. Heute erfüllen wir das Soll, müssen uns aber bewusst sein, dass sich dies schnell ändern kann. Es braucht nur ein paar Wegzüge – und diese kommen heute rasch vor – und schon sind wir wieder am Rotieren, denn wer bleibt heute noch sein ganzes Leben in Zollikon? Eine Zeit lang hatten wir es verlernt zu rekrutieren. Und hier müssen wir einfach dranbleiben, tagein, tagaus.

Ende Jahr geben Sie das Führungskommando in die Hände von John Elben und Rolf Bänziger. Welche Wünsche geben Sie Ihren Nachfolgern mit auf den Weg?

A.T.: Das Wichtigste ist ganz sicher, dass sie ihre Leute gesund nach Hause bringen. Ich wünsche ihnen aber auch die Akzeptanz, die wir in den letzten Jahren erfahren durften sowie die Kraft, auch unangenehme Situationen menschlich und sachlich gut bewältigen zu können. Nicht zuletzt wünsche ich ihnen eine Freundschaft, wie wir sie hatten.

S.G.: Ich wünsche Ihnen auch ein paar spannende Einsätze, wenn ich das so sagen darf.

Was nehmen Sie mit von Ihrer Zeit bei der Feuerwehr?

S.G.: Ganz klar unsere Freundschaft und viele unglaubliche Geschichten, die einfach nur die Feuerwehr schreiben kann. Die sind so gut, die könnte man gar nicht erfinden, selbst wenn man wollte. (lacht).

Für mich ist die Feuerwehr eine enorm kostbare Zeit, die ich nicht missen möchte. Sie ist ein Virus von Adrenalin, technischer Herausforderung und dem Fakt, in kürzester Zeit mit limitierten Informationen und Ressourcen das Maximum herauszuholen. Alleine wäre das nie machbar, in unserer Zeit als Volk von Solisten funktioniert die Feuerwehr nur im Team. Sie ist eine Schule fürs Lebens.

A.T.: Dem schliesse ich mich an und füge die Wertschätzung hinzu: ­Haben wir nach unseren Einsätzen ein kurzes Mail, ein paar nette Worte erhalten, so haben diese mir und der ganzen Mannschaft immer enorm gutgetan. Leider kommen sie nicht sehr häufig vor.

S.G.: Gelebte Wertschätzung von oben – dieses Öl im Motor gab uns Andy wirklich!

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