Zumikon

Mit Netz, ohne doppelten Boden

Beim IT-Stammtisch von ­«Senioren für Senioren» gibt es keine dummen Fragen  und Handys dürfen jederzeit auf dem Tisch liegen.

Natürlich ist es eigentlich unhöflich, sich in einem Café zu treffen und gleich demonstrativ das Handy auf den Tisch zu legen. Die modernen Umgangsformen sagen: Das wertet das Gegenüber ab. Als wäre jedes eingehende SMS, jedes eingehende Telefonat wichtiger als das persönliche Gespräch. Das gilt nicht beim IT-Stammtisch von «Senioren für Senioren» Küsnacht/Zumikon. Wenn sich die Damen und Herren einmal im Monat treffen, werden sofort die Natels gezückt. Es geht um all die Fragen und Probleme, die Tablet und Smartphone so mit sich bringen können. Wer jetzt überheblich schmunzeln will: Diese Senioren haben noch die Zeit erlebt, als es – wenn überhaupt – nur Festnetzanschlüsse gab. Wer eine Nummer oder einen Weg nicht wusste, der sah im Telefonbuch oder auf dem Stadtplan nach. Google war noch Lichtjahre entfernt. Peter Thut vom Vorstand erklärt gerade einer Seniorin die «Streichfunktion» ihres nigelnagelneuen Telefons. Ein Handstrich – und schon hat die 78-Jährige Funktionen wie Rechner, Fotoapparat oder auch Taschenlampe zur Verfügung. Sie schaut skeptisch auf den kleinen Bildschirm und runzelt leicht die Stirn. «Zehn Jahre lang hatte ich ein Handy. Ich habe es heiss und innig geliebt. Mein Sohn war der Meinung, dass ich ein Smartphone bräuchte», erklärt sie fast entschuldigend. Der Sohn war offenbar auch der Meinung, dass Mama schon intuitiv wüsste, wie WLAN und Roaming eingestellt werden. Das übernimmt jetzt eben ganz geduldig Peter Thut. Die Seniorin aus Küsnacht hat auch schon die «Besucherfunktion» des Vereins in Anspruch genommen. «Auf meine Anfrage hin ist ein freiwilliger Helfer gekommen und hat das Durcheinander in meinem Computer mal aufgeräumt», erzählt sie. Im Gegensatz zu anderen Senioren-Vereinen ist diese Beratung kostenpflichtig. «Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Senioren gerne einen kleinen Obolus entrichten», sagt Präsident Jürg Angst. Keiner wolle etwas schuldig bleiben.

Grosser Stolz auf die Wander-App

Bei einer Umfrage des Vereins habe sich herausgestellt, dass ein solcher IT-Stammtisch dringend gewünscht wird. Und so wundert es nicht, dass es im Bistro des Tennisclubs ­Itschnach an diesem Donnerstag laut und eng ist. Mehr als 25 Senioren sind gekommen, um bei einem Kaffee und einem Gipfeli die Tücken des Internets zu besprechen. Auch Giacobo Wegliger ist einer von ihnen. Eifrig diskutiert er mit seinem Gegenüber die Vorteile von Swisscom gegenüber GGA Maur. Wer hat das bessere Netz? Wer die schnellere Übertragung? Alles hängt mittlerweile mit allem zusammen. Geht das Netz in die Knie, geht oft gar nichts mehr. Giacobo Wegliger räumt ein, dass er unterwegs nur kurz die Mails abruft. Geantwortet wird dann zuhause, bequem vom PC aus. «Für diese winzige Tastatur sind meine Finger nicht gemacht», lacht der Pensionär. Die grundsätzlichen Funktionen habe sein Sohn ihm gezeigt. «Der ist ein totaler Nerd. Aber ich kann ihn ja nicht wegen jeder Kleinigkeit kommen lassen.» Am Tisch nebenan diskutieren gerade Spezialist Frank Jäger und Smartphone-Neuling Freddy Vögeli. Stolz zeigt der 82-jährige Jäger seine Wander-App. Die zeigt, wo er unterwegs war, wie viele Kilometer und Höhenmeter er gemacht hat und auch die Geschwindigkeit pro Kilometer. «Und manchmal denke ich schon, dass das doch auch schneller ginge, und lege noch einen Zahn zu», lacht er. Er kennt das Problem vieler Senioren. Die gäben sich einfach mit der Mail- und SMS-Funktion zufrieden und würden ihre Geräte nicht ansatzweise ausnutzen. Dabei gäbe es doch so viel zu entdecken. Freddy Vögeli nickt fast schuldbewusst. «Ehrlich gesagt, ist mir mein PC schon viel lieber», räumt er ein und spielt mit seinem Samsung.


Am frühen Mittag lichten sich die Reihen. Die Frauen – nicht wenige an der Zahl – müssen nach Hause, das Mittagessen vorbereiten. Die Männer auch – das Mittagessen verspeisen. Jürg Angst glaubt, dass dieser IT-Stammtisch nicht immer so gut wie zurzeit besucht sein wird. «Die Senioren, die nun nachfolgen, kennen sich schon viel besser mit den Neuen Medien aus.» Und doch weiss er, wie wichtig dieses Angebot von «Senioren für Senioren» ist. Denn natürlich geht es um so viel mehr als zu lernen, wie man Google Maps sinnvoll einsetzt. Es geht um den Austausch, das Kennenlernen, darum, keine Angst vor blöden Fragen zu haben. Und weil sich die Welt der Kommunikationsmittel immer schneller dreht, bleibt vielleicht auch der IT-Stammtisch ein Dauerbrenner. (bms)

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