Zollikon

Der vermeintliche Schutz im hohen Gras

An einigen Orten in Zollikon duftet es seit dieser Woche wieder nach frisch gemähtem Gras: Die Heuernte hat begonnen. Für Rehkitze, die sich im hohen Gras verstecken, sind die Mähmaschinen aber eine tödliche Gefahr. Wie die Zolliker Landwirte mit dieser Situation umgehen.

Die Sonne brennt seit letztem Sonntag vom Himmel, zwei Tage nach der Sommersonnenwende hält der Sommer nach einem verregneten Frühling Einzug. Ein paar Tage sonniges, stabiles, trockenes Wetter bedeutet für Landwirte Heuwetter – der Zeitpunkt, um das hochstehende Gras zu mähen. Dieses ist für viele Tiere aber auch ein Schutz – so für Rehgeissen, die ihre Jungen im dichten Grün vor Fuchs oder Raubvogel verstecken. Den versteckten Rehkitzen droht dort aber ein anderer Tod – der Tod durch die Mähmaschinen. Landwirt Thomas Friedli ist seit Montagmorgen dieser Woche am Mähen. Sechs Hektaren Wiesen stehen an. Er kennt die Situation, wenn ein junges Reh unter die Mähmaschine kommt. Vor Jahren ist ihm dies einmal passiert – «ein Schrei, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde», erzählt er, der ein Tierfreund ist. Besonders betroffen habe ihn auch gemacht, dass das überfahrene Jungtier noch flüchten, aber trotz aufgebotenem Jäger samt Hund nicht mehr gefunden werden konnte. «Einfach nur schlimm», schaut Thomas Friedli zurück.

Die Jäger helfen mit

Methoden, um die Rehkitze zu schützen, gibt es. So kann das Feld, das gemäht werden soll, am Vorabend von Jägern verblendet werden – das heisst, die Jäger laufen die Wiesen ab und stecken Holzstäbe mit Plastikfahnen ein. «Der Plastik verursacht Geräusche und Bewegung und zeigt der Rehgeiss an, dass etwas nicht stimmt», erklärt Alain Merkli von der Jagdgesellschaft Zollikon. So führe im Idealfall die Geiss die Kitze in der Dämmerung von der Wiese in den Wald, sodass mit weniger Risiko gemäht werden könne. Es gibt auch das sogenannte Verwittern, das Vertreiben mittels unangenehmen Geruchs, oder die klassische Methode, das Absuchen des Feldes mit einem Hund. Die Jäger rechtzeitig zu kontaktieren und kurzfristig aufbieten zu können, sei aber nicht immer möglich, gibt Thomas ­Friedli zu bedenken. Das Mähen sei sehr wetterabhängig und daher oft nicht weit im Voraus planbar. Die Zolliker Jäger haben dieses Jahr fünf bis sechs Anrufe von den Bauern erhalten, um Wiesen zu verblenden. «Wir würden es begrüssen, noch mehr Anrufe zu erhalten», sagt Alain Merkli. Von vermähten Kitzen habe er zum Glück keine Meldung entgegennehmen müssen, denn solche sind zu melden, wie der Obmann erklärt. Gemäss Alain Merkli habe sich ein Kitz nach ­Augenzeugenberichten noch selbst vor dem Mähdrescher retten können. «Aufgrund von Gesprächen mit den Nachbarrevieren sind wir gut davongekommen», sagt er, «ein Revier hat drei Meldungen erhalten – jeweils in nicht verblendeten Wiesen.»

Drohnen als Rettung

Ob das Feld nun verblendet, verwittert oder mit dem Hund abgesucht worden ist, eine absolute ­Sicherheit, die Rehkitze damit aufgespürt zu haben, gibt es nicht. Erfolgversprechender sind da Drohnen, die immer häufiger im Einsatz sind, um junge Rehe zu retten. Laut Experten sind mit Wärmebild­kameras ausgestattete Drohnen die sicherste Methode zur Rehkitzrettung. Dies bestätigt auch Alain Merkli: «Rehkitze ohne Drohnen zu finden, ist reiner Zufall.» Für ihn sei es gut denkbar, dass auch die Zolliker Jagdgesellschaft in den kommenden Jahren den Einsatz von Drohnen, der nur in enger Zusammenarbeit mit dem Bauer erfolgen könne, ausprobieren werde. Im Moment sei dies noch nicht der Fall, da die logistische Umsetzung nicht einfach sei. Auch Thomas Friedli hat keinen Drohnenpiloten am Feld, der sieht, wo ein junges Reh liegt, welches dann mit einem Harass geschützt und das Feld markiert wird. Grundsätzlich findet er die Methode gut, wenn damit Tieren das Leben gerettet werden könne. Gegenüber Drohnen sei er im Allgemeinen aber skeptisch. Einen gewissen Schutz verspricht sich Thomas Friedli dadurch, dass er seine Wiesen mit einem Messerbalkenmähwerk mäht und nicht mit einem Kreiselmäher. Die Übersicht sei besser und der Traktor müsse zudem langsamer gefahren werden, sodass mehr Zeit für die Suche nach versteckten Tieren bleibt. «Ich muss mich auf meine Augen verlassen», sagt Thomas Friedli, der eingesteht, dass damit auch immer Glück im Spiel sei. «Eine hundertprozentige Sicherheit habe ich nicht.»

Später Schnittzeitpunkt

Helfen soll aber auch der späte Schnittzeitpunkt der Wiesen – Ökowiesen, wie die in den Tallagen extensiv genutzten Wiesen heissen – werden erst nach dem 15. Juni gemäht, wenn es das Wetter dann zulässt. «Zu diesem Zeitpunkt sind die Jungtiere häufig nicht mehr ganz so jung», hält Thomas Friedli fest, «so besteht die Chance, dass sie alt genug zum Flüchten sind.» Auch Alain Merkli sagt, dass der späte Schnittzeitpunkt den Kitzen etwas zu Gute komme, da frühgesetzte Tiere fluchtfähiger seien als spätgesetzte. Dennoch sei die Geschwindigkeit der Mähfahrzeuge aber so hoch, dass die Verschiebung auf Mitte Juni nur eine geringe Erleichterung sei. Sogar noch später ans Heuen macht sich der weitere Zolliker Landwirt Fabian Weber. Seine Wiese mäht er erst nach dem 1. Juli. So erfüllt er eine der Massnahmen des Vernetzungsprojektes des Naturnetzes Pfannenstil, das die Förderung der naturnahen Landwirtschaft und die Erhaltung von speziellen regionalen Pflanzenarten zum Ziel hat. Weder er noch sein Vater, von dem er den Betrieb vor sechs Jahren übernommen hat, hätten in den letzten Jahrzehnten unschöne Erfahrungen mit überfahrenen Tieren bei der Heuernte machen müssen. «Ich hoffe, dass dies weiter so bleibt.» Drohnen sind auch bei ihm noch nicht im Einsatz, von deren Möglichkeiten habe er aber schon gehört und finde sie eine gute Sache. (mmw)

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