Zollikon

«Eine enge Begleitung ist das A und O»

Heike Junge, Schulsozialarbeiterin Schule Buechholz: «Mir geht es um Chancengleichheit. Alle Schülerinnen und Schüler sollen dieselben Chancen haben, sich weiterzuentwickeln.» (Bild: mpe)

Die Sekundarschule Zollikon-­Zumikon hat einen Berufswahlpool gegründet. Die zuständige Schulsozialarbeiterin Heike Junge gibt Auskunft darüber, mit welchem Engagement Eltern den Pool beleben und weshalb ihre Unterstützung bei der Berufswahl wertvoll ist.

Mit Heike Junge sprach Martina Peyer

Heike Junge, die Schule Buechholz hat einen Berufswahlpool ins Leben gerufen – wie ist dieser zustande gekommen?

An unserer Oberstufe erfreuen wir uns einer wiedererstarkten Elternmitwirkung. So entsteht eine enge und fruchtbare Zusammenarbeit und daraus ergeben sich Projekte, die für die Entwicklung unserer Schule und damit für unsere Schülerinnen und Schüler bereichernd sind. So kam auch der Berufswahlpool auf Initiative der Elternsprecher – das sind die Elternvertreter aller 13 Klassen – zustande: Sie äusserten den Wunsch, sich bei der Berufswahl mehr einzubringen, um den Kindern für dieses zukunftsweisende Thema grössere Unterstützung zu bieten. In einem produktiven Brainstorming haben wir festgelegt, mit welchen Massnahmen wir unsere Schüler zusätzlich unterstützen wollen und wie wir Eltern mit unterschiedlicher Berufserfahrung für den Pool gewinnen können.

Aus welchen Gründen benötigen die Schüler neben dem Berufswahlunterricht und dem seit vier Jahren stattfindenden Berufsinformationstag weitere Unterstützung?

Konkrete Auslöser für die Gründung des Berufswahlpools waren zwei Punkte: Die Möglichkeit, in einem Betrieb zu schnuppern, fand bislang lediglich in einer einzigen Woche im April statt. Aus diesem Grund wurden die Betriebe in dieser Zeit so überrannt, dass viele Schüler Schwierigkeiten bekamen, eine interessante Schnupperlehre zu finden. Die Zeit fürs Schnuppern soll daher ausgedehnt werden. Zudem lag der Fokus bislang hauptsächlich auf Lehr- und kaum auf akademischen Berufen, was Eltern zu Recht bemängelten. Denn es gibt immer wieder Jugendliche, die später doch noch eine Matura und ein Studium machen möchten. Daher sollte man ihnen die ganze Bandbreite einer Berufszukunft aufzeigen können. Und generell ist eine zusätzliche Unterstützung der Schülerinnen und Schüler wertvoll – sei es beispielsweise durch vertiefteres Coaching zur Vorbereitung eines Bewerbungsgesprächs oder zur Verbesserung der Auftrittskompetenz in einem Gespräch oder am Telefon.

Bis Ende Januar konnten sich alle Eltern für eine Teilnahme am Berufswahlpool melden. Wie fiel der Rücklauf aus?

Von den 260 angeschriebenen Eltern haben wir 16 positive Rückmeldungen erhalten: Vertreten sind neun Lehrberufe und sieben Berufe mit akademischer oder Zusatzausbildung. Darunter sind beispielsweise die Kaufmännische Lehre, Koch, Hotellerie, Pflege oder technischer Dienst sowie ein Pilot, Juristen, eine Naturheilpraktikerin, eine Krankenpflegerin, ein Marketingfachmann und Medizinische Praxisassistentinnen. Konkret angeboten werden 13 Berufsbesichtigungen, fünf Schnupperlehren sowie Trainings von Bewerbungsgesprächen und das Üben von Formulierungen für Bewerbungsschreiben, die Vorbereitung und Durchführung von Telefongesprächen sowie Inputreferate am Berufswahlprojekttag vom 15. April, den wir erstmals durchführen werden. Handwerkliche Berufe fanden sich leider nicht unter den Rückmeldungen. Zusammen mit einem weiteren Vertreter der Schule Buechholz werde ich daher an der kommenden Generalversammlung des Gewerbeverbandes am 22. März teilnehmen, um den Gewerbetreibenden den Berufswahlpool vorzustellen und ein Engagement für Schnuppermöglichkeiten und Lehrstellen schmackhaft zu machen.

Welche Berufe sind aktuell bei den Sekundarschülern beliebt?

Die Kaufmännische Lehre ist seit jeher der Favorit. Sehr gefragt sind zurzeit Elektroinstallateur/in und die Berufe in der Informations- und Kommunikationstechnologiebranche. Davon ist bei den Jungs sowie bei einigen Mädchen die Applikations- und Systeminformatik hoch im Kurs. Auf Interesse gestossen sind zudem die neuen Kommunikationsberufe «Hotel-Kommunikationsfachmann/-frau» und «Fachmann/-frau Kundendialog».

Ist es für Schüler heute schwieriger als früher, sich zu orientieren und eine Lehre zu finden, die ihnen entspricht?

Ja. Einerseits gibt es heute mehr Möglichkeiten, um die berufliche Laufbahn zu gestalten. Entsprechend ist es anspruchsvoll, sich für eine Richtung zu entscheiden. Andererseits ist es schwierig, eine Lehrstelle zu finden. Ein gutes Zeugnis allein ist nicht mehr ausreichende Garantie. Zudem wird in unserer Gesellschaft leider meist eine akademische Laufbahn bessergestellt als eine handwerkliche. Die tollen Möglichkeiten einer handwerklichen Ausbildung werden schlicht übersehen respektive unterschätzt.

Wo besteht Ihrer Meinung nach am meisten Handlungsbedarf?

Die Eltern spielen in der Berufswahl eine zentrale Rolle. Eine solide Basis haben Schülerinnen und Schüler, deren Eltern die hiesigen Bildungswege und Berufswahlverfahren kennen. Sie können ihre Kinder unterstützen, indem sie sie auf dem Findungsprozess begleiten und indem sie auch einmal an eine Infoveranstaltung des Berufsinformationszentrums mitgehen. Es gibt aber viele Kinder, deren Familien aus anderen Ländern zugezogen sind. Ihnen ist unser Ausbildungssystem – insbesondere die Möglichkeit einer Lehre – fremd. In solchen Fällen ist es besonders wichtig aufzuzeigen, welche Wege es gibt und wie Schüler sich einen Schnuppertag oder eine Lehrstelle organisieren können.

Was sagen Sie zu den kürzlich erschienenen Medienberichten, in denen gesagt wird, die Berufswahl sei für 14-Jährige zu früh?

Der Zeitpunkt für die Berufswahl ist für die Kinder in der Tat sehr früh. Daher kann ich auch verstehen, dass die Frage nach dem richtigen Alter bei der Berufswahl diskutiert wird. Die Sekundarschüler sind mitten in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, Gefühle schlagen Achterbahn. Trotzdem ist es meiner Meinung nach sinnvoll, wenn sich die Schüler damit auseinandersetzen, was sie mit ihrem Leben machen möchten. Dank enger Begleitung und Unterstützung können sie Ideen entwickeln. Kinder sollten sich aber nicht unter Druck entscheiden, welchen Beruf sie wählen sollten: Zunächst gilt es, einen guten Start ins Berufsleben zu finden. Es sollte ihnen bewusst sein, dass sie sich danach auch weiterentwickeln oder umorientieren dürfen. Sollte der Einstieg ins Berufsleben für ein Kind tatsächlich zu früh sein, und dies der Grund ist, dass die Berufswahl und Bewerbungen nicht erfolgreich sind, besteht die Möglichkeit, das zehnte Schuljahr zu besuchen.

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