Wie entstehen Kriege?

Vor fast 50 Jahren fand ein bizarres Sozialexperiment statt: 10 ausgesuchte Menschen überquerten in einem Floss den Atlantik, um einem Anthropo­logen das Studium menschlichen Aggressionsverhaltens zu ermöglichen. Jetzt bringt ein ausgezeichneter schwedischer Dokumentarfilm den spleenigen Trip in die Kinos.

Daniel Frey

Santiago Genovés wurde 1923 in Spanien geboren. Als dort 1936 der als besonders grausam bekannte Bürgerkrieg ausbrach, emigrierte Santiago mit seiner Familie nach Mexiko, nicht ohne vorher noch Gefangener in einem Konzentrationslager gewesen zu sein. Die Frage, wie Kriege entstehen und wie sie verhindert werden können, liess den eine akademische Laufbahn als Soziologen und Anthropologen einschlagenden jungen Mann sein ganzes Leben lang nicht mehr los. Eine umfangreiche lebenslange Tätigkeit als Friedensforscher kennzeichnete seinen Erkenntnisdrang. Offenbar hat Santiago Genovés in den 60er-Jahren vom Heiligen Vater in Rom auch eine Auszeichnung in Form eines Friedenspreises erhalten. Ebenfalls in den 60er-Jahren entstand die Idee, eine Gruppe von Menschen auf See zu isolieren, um sie gewissermassen unter Laborbedingungen zu studieren und ihrem Aggressionsverhalten auf die Spur zu kommen. Entsprechend fanden zwei Fahrten mit einem Floss über den Atlantik statt.

Arche Acali

Das Wort «Acali» bedeutet «Haus auf dem Wasser». Diesen Namen wählte Santiago Genovés auf alle Fälle für sein drittes Floss, das im Frühjahr 1973 in See stach bzw. sich von Wind und Wellen über den Atlantik nach Mexiko treiben liess. Von diesem Trip berichtet der diese Woche in den Zürcher Kinos anlaufende Dokumentarfilm «The Raft» (Das Floss), der 2018 am Kopenhagener Dokumentarfilm-Festival mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Dem spanisch-mexikanischen Soziologen ging es darum, in diesem «Laboratorium der menschlichen Verhaltensweisen» verschiedene Hypothesen zu testen. Eine lautete: Je enger der zur Verfügung stehende Raum, desto eher brechen Aggressionen unter den Menschen aus. Oder: Je attraktiver die Männer und Frauen in einer Gruppe, desto eher brechen Rivalitätskämpfe aus. Oder: Je mehr sich Männer den Frauen unterordnen müssen, desto eher brechen Aggressionen aus, usw. Entsprechend besetzte Santiago Genovés die wichtigen Chargen auf dem Boot mit Frauen und gab ihnen zahlenmässig ein Übergewicht, wählte per Zeitungsinserat attraktive Versuchspersonen aus der ganzen Welt mit unterschiedlichem ethnischem und religiösem Hintergrund aus und liess sie auf einem knapp berechneten Floss mit praktisch keiner Privatsphäre aufeinanderprallen. Vier Männer und sechs Frauen plus der Forscher bilden schliesslich die Besatzung des Flosses. Der beklemmende Dokumentarfilm erzählt, basierend auf den Tagebuchaufzeichnungen und den Schilderungen der ehemaligen Versuchspersonen, die kleinen und grossen Dramen während der Fahrt, die verschiedenen Entwicklungen und unerwarteten Wendungen während den 101 Tagen auf See. Zusätzlich wurde die einstige Arche in einem Studio stilisiert nachgebaut und die noch lebenden einstigen Teilnehmenden wurden erstmals über 40 Jahre nach dem Experiment wieder vereint. Ohne es namentlich zu erwähnen, wirft die Dokumentation auch die Frage auf, wie weit Sozialforschung gehen darf, welche manipulativen Eingriffe überhaupt erlaubt und welche Auswüchse zu gewärtigen sind, wenn Forschung und Erkenntnisdrang zur Obsession werden. Santiago Genovés war kein «mad scientist», aber ein Forscher, der sehr weit ging und den Probanden unter anderem auch verschwieg, dass sie sich in Lebensgefahr begaben. Dass dies nicht weniger auch auf ihn zutraf, realisierte er, falls überhaupt, erst im Lauf der Reise.

 Unser Filmkritiker meint: 3,5 von 5 Sternen! 
 

«The Raft», Doku, ab 7. Februar 2019 in den Zürcher Kinos

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